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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-09 · Heft 11 (9.3.1886) · p. Seite 171

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 11 (9.3.1886)
Date
1886-03-09
Page
Seite 171 (sequence 11)
Language
German
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171 ganisiren und ist dies um so dringender, als bekanntlich durch die Beschlüsse der Kammern das Cultusbudget stark beschnitten, die Hilfsquellen des Seminars verringert und der Religionsunterricht aus den Communalschulen entfernt werden. Hoffen wir, daß die neue Anregung günstige Erfolge haben und das Consistorium nachholen werde, was es seit 1873 vernachlässigt hat. Bei der Unkenntniß, in welcher man die Mitglieder der Gemeinde sowohl über die eigentlichen Bedürfniffe des Cultus, wie über die Berwendung der Gelder und die ganze finanzielle Lage gelassen hat, ist es nicht zu verwundern, wenn die Opferwilligkeit nachließ oder gar erlosch. — Daß in Frankreich die Gleichstellung ohne irgend welche confesfionelle Rücksichten durchgeführt wird, ersieht man zum Beispiel daraus, daß ein Israelit, der bisher Unter-Präfekt von Reims war, zum Präfekten des Orne-Departements ernannt worden. Derselbe, Herr See, ist der Schwiegersohn des Herrn Pollonnais, des Maires von Villafranca bei Nizza; zwei Israeliten wurden Kapitäne vom Genie. Paris, 26 Februar. Die neueste Zeit zeitigt in Frankreich Erscheinungen, welche den völligen Bruch mit der Vergangenheit bekunden. Die theologischen Fakultäten (katholisch) an den Universitäten sind aufgehoben, also auch die Sorbonne, die so viele Jahrhunderte hindurch Leuchte und Stab der katholischen Kirche gewesen. An ihrer Stelle tritt eine j neue Section „Geschichte der Religionen" an der praktischen Schule der höheren Studien. Hier sollen wissenschaftlich Christenthum, Judenthum und Buddhismus gelehrt werden. Nun, die Lucubrationen dieser gelehrten Herren hat das Judenthum am wenigsten zu fürchten, dessen geschichtlichen und doctrinären Kern sie bestehen lassen müssen, so lange sie nicht offen den Atheismus und Materialismus lehren wollen, und letztere haben noch niemals dauernde Wurzeln in der Menschheit geschlagen. — Die Erneuerung in der Gemeindekasse durch einen Ausruf des Consistoriums soll wesentlich den Zweck verfolgen, den Religionsunterricht zu befördern. Dieser ist aber auch in Paris äußerst vernachlässigt und an dem, der besteht, tadelt man, daß er sich auf die biblische Geschichte beschränkt und z. B. vom praktischen Judenthume, vom Gottesdienst und den Ceremonien den Zöglingen nichts beibringt. — Nächster Tage wird der Dramaturg Abraham Dreyfus in der 8ooiete des etuäes juives einen Vortrag halten: „Der Jude auf dem Theater." — Die russischen Juden hatten hier längst einen großen Betsaal in der Rue St. Paul; jetzt haben sie auch einen solchen im Quai des Celestins und ganz neuerlichst in der Höhe der Lutte Alontmartre eingerichtet. Außerdem feiert die Familie Günzburg in ihrem schönen Hotel Rue de Tilsit an jedem Sabbath einen Gottesdienst nach deutschem Ritus. An dem Betsaal in der Rue 8t. Paul ist ein Rabbiner angestellt, der eine Subvention vom Consistorium erhält. Das Hospital Rothschild in Jerusalem geht jetzt dem ursprünglichen Vertrage gemäß an die portugiesische Gemeinde der h. Stadt über. Die Familie Rothschild hat Auftrag gegeben, auf einem ihr gehörigen, außerhalb Jerusalems gelegenen Terrain ei» neues Hospital zu erbauen, wozu 75,000 Frcs. zur Verfügung gestellt worden. Holland. Tilbury, im Februar. (Privatmitth.) Vor kurzem haben mehrere katholische junge Leute bei dem Begräbniß eines israelitischen Einwohners dieser Stadt, des Herrn Catz, sich feindselige Demonstrationen und Ausschreitungen erlaubt. Dieser Vorfall, der um so peinlicheres Aussehen erregte, als der Verstorbene zu den verdientesten Bürgern Tilbury's gehörte, hat den Bischof von Herzogenbusch zu folgendem Schreiben an den Dekan unserer Stadt veranlaßt: „Hochehrwürdiger Dekan und Bruder in dem Herrn! Es hat mein Herz mit tiefem Schmerze erfüllt, vernchmeii zu müssen, daß in Ihrem Dekanat, bei Gelegenheit des Begräbnisses eines Israeliten, grobe Beleidigungen gegen die sterblichen Reste dieses Mannes ausgeübt tvorden sind, der während seines Lebens vielseitiger Zuneigung sich erfreut hat, nur daß er kein Bekenner der Lehre des Jesus von Nazareth war. Diese ärgerlichen Vorfälle bekümmern mich um so mehr, theurer Bruder, weil sie, soweit ich aus der angestellten Untersuchung habe ersehen können, ausschließlich zur Last fallen nicht allein Bekenner» der römisch-katholischen Kirche, sondern auch nur srüheren und jetzigen Schülern der Brüder- und Schwesterschulen in Tilbury. „Ist das denn die christliche Liebe, wovon Lehrer und Lehrerinnen stets soviel reden, die man so den Kindern einprügt? Ist das die Verträglichkeit, die ihnen Jesus auferlegt hat? Ist das die wahre Weise, Andersdenkenden Achtung für den Glauben einzuflößen, den sie verkündigen? „Als die Anhänger Jesu von ihn: die Erlaubniß erbeten, eine sündige Frau steinigen zu dürfe», gab er ihnen zur Antwort: „Derjenige, der sich frei von Sünden weiß, werfe den ersten Stein auf sie." Und alle blieben unbeweglich stehen, weil sie sich ihrer Fehlhaftigkeit bewußt waren. Sollte es wohl mit den erwähnten Unruhestiftern in Tilbury besser bestellt sein, hochwürdiger Bruder? „Und doch haben sie sich zu Hunderten vermessen, Steine zu werfen nach der Leiche eines Mannes, dessen Schuhe zu binden sie sicher nicht werth waren; eines Mannes, der bei Lebzeiten so hoch stand, daß viele von ihnen nicht an ihn hinaiifreichen konnten. „In meiner oberhirtlichen Sorgfalt für das Beste unserer Diözese habe ich denn auch beschlossen, einen allgemeinen Bet- und Bußtag anzuordnen, und zwar auf Sonntag den 1L*

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