Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1886)
- Date
- 1886-03-09
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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170 zum Besten gegeben haben soll. Gleichzeitig machte Abgeord-! neter Bloch auch dem Polenklub hiervon Mittheilung. Minister Prazak erklärte, daß er über die Angelegenheit einen Bericht bereits abverlangt habe und nach Prüfung des Sachverhaltes weitere Verfügungen treffen werde. Wien, 24. Februar. Wie verlautet, steht die Auflösung einer zweiten Ortsgruppe des deutschen Schulvereins, nämlich der Frauenortsgruppe im neunten Wiener Bezirk, bevor, weil der Vorstand derselben die Aufnahme von israelitischen Mitgliedern verweigert. Pest, den 18. Februar. (Privatmitth.) Die antisemitischen Krawalle von St. Peter bildeten den Gegenstand einer Schlußverhandlung vor dem Gerichtshöfe von Gr. Kaniszsa. Die Ruhestörer, welche sich Diebstähle und Gewaltthätigkeiten zu Schulden kommen ließen, wurden — 30 an der Zahl — zu Kcrkerstrafe von 6 Monaten bis zu 2 Jahren verurtheilt und wurde das Urtheil von der k. Tafel heute bestätigt. Der antisemitische Journalist Bergschmidt, welcher beim „Reichsboten", dem Organe des Hofpredigers Stöcker, den Börsentheil redigirte, wurde wegen zahlreichen Erpressungen an Banken vom Berliner Landgericht zu drei Jahren Gefängnis; verurtheilt. Aus Schmerz hierüber erhenkte sich seine Frau. — Der frühere Mitarbeiter des „Fügetlenseg" und Redakteur des bald wieder eingegangenen antisemitischen Blattes „Riado", Wilhelm Horvath, der vor einigen Jahren sich hat taufen lassen, wurde in Arad, wo er ein antisemitisches Witzblatt herausgab, von zwei Offizieren, welche er beleidigt hatte, schivcr verletzt, so daß sein Zustand ein sehr bedenklicher ist. Pest, 21. Januar. (Privatmitth.) Die hiesige israelitische Religionsgemeiude hielt heute unter dem Vorsitze des Präsidenten Moritz Wahrmann ihre Generalversammlung. Dem gedruckt vorliegenden Jahresberichte entnehmen wir folgende Daten: In der Knabenschule betrug die Zahl der Schüler 581, darunter 324 vom Schulgelde befreite, in der Mädchenschule betrug die Zahl der Schülerinnen 469, darunter waren 2!)7 vom Schulgelde befreit. Die von der Gemeinde exmittirten Religionslehrer haben den Religionsunterricht crthcilt: in de» Gymnasien und Realschulen an 1622 Schüler, in den Bürger- und Handelsschulen an 1780 Schüler, in den Volksschulen an 6543 Schüler und Schülerinnen. Im Knaben - Waisenhause der Gemeinde wurden im vorigen Jahre 64 Knaben, im Taubstummen-Jnstitute 75 Kinder, darunter 5 christlicher Religion, erzogen. Die Zahl der Geburten betrug 2266 (1160 Knaben und 1106 Mädchen), die der Todesfälle 1507 (814 männlichen, 693 weiblichen Geschlechts). Getraut wurden 535 Paare. Die Zahl der Scheidungen belief sich auf 15. Der Voranschlag pro 1886, der 228,554 Gulden an Ausgaben, 213,354 Gulden an Einnahmen, somit einen Ausfall von 15,195! Gulden aufweist, wurde ohne Bemerkung votirt. An Stelle des verstorbenen vr. Rozsay und des zurückgetretenen A. Schweiger wurden Prof. vr. Julius Böcke und Adolph Totis in den Ausschuß gewählt. Szigetwar, 16. Febr. Vor einigen Tagen verschied hier ein Bürger Namens Franz Nähmet, der vor einigen Jahren in Wien vom katholischen zum jüdischen Glauben Lbertrat und eine Jüdin ehelichte. Jetzt war die Frage aufgetaucht, ob man den Todten im jüdischen oder christlichen Friedhof bestatten solle, da nach unseren Gesetzen ein derartiger Glaubenswechsel ungiltig ist. Oberrabbiner vr. Julius Klein legte die Frage dem Ortspfarrer Michael Märton vor, der von seinem Bischof Instruktion verlangte. Die Entscheidung des Letzteren lautete dahin, daß die Bestattung nach katholischem Ritus zu verweigern sei. Demnach nahm Rabbiner vr. Klein die Beerdigung nach jüdischem Ritus vor. Derselbe hielt beim Leichenbegängniß eine er greifende Trauerrede und besprach den Satz: „Blos eine» Gott, bloß einen gemeinsamen Vater hat die gesammt» Menschheit." Frankreich. Paris, 19. Februar. Unter den in Frankreich sich jetzt entwickelnden Verhältniffen, in welchen die Staatsunterstützungen für die verschiedenen Culte immer zweifelhafter werden und den Bedürfnissen namentlich der größeren jüdischen Gemeinden längst nicht mehr entsprechen, ist, worauf wir in diesem Blatte oft hingewiesen, die Nothwendigkeit vorhanden, andere Quellen zu eröffnen, aus welchen jetzt und später die erforderlichen Mittel zur Erhaltung der Gemeinden und ihrer Institute stießen mögen. Daher hatte man auf Betreiben des Consistoriums schon vor einigen Jahren eine Kasse der jüdischen Gemeinde von Paris gegründet, die selbstverständlich aus freiwilligen Beiträgen bestand. Der desfallsige Aufruf hatte einen sehr günstigen Erfolg. Nach und nach aber, wie die Archives bemerken, ist der Eifer erkaltet und die Beiträge fließen spärlicher. Wir unsererseits meinen, daß die Ursache hier von vorzugsweise in dem Mangel an jährlichen unter den Beitragenden zu vertheilenden und anderweitig zu veröffentlichen den Rechenschaftsberichten liegt. Eine lange Erfahrung hat uns gelehrt, daß, wenigstens in unserer Zeit, für alle aus freiwilligen Beiträgen beruhenden Vereine eine Lebensbedingung die jährliche öffentliche Rechenschaftsablegung ist. Daraus ersieht jeder Einzelne, wofür sein Beitrag verwendet wird, welche Bedürfnisse damit befriedigt werden, ob die gesammelten Mittel ausreichen oder nicht, die Aufmerksamkeit des Publikums wird der guten Sache immer von neuem zugewendet und der Eifer aufgefrischt. Dies hat das Consistorium vernachlässigt und hat nun die Folgen zu verspüren. Man denkt daher jetzt, die Gemeindekasse zu reor-