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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-09 · Heft 11 (9.3.1886) · p. Seite 167

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 11 (9.3.1886)
Date
1886-03-09
Page
Seite 167 (sequence 7)
Language
German
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167 noch höherem und leider umfassenderem Maaße gegenüber dem Religionsunterrichte. Viele Lehrer beschränken sich auf das mechanische, gedankenlose Einprägen und Hersagen der Antworten im Lehrbuche durch die Kinder. Auch das ist noch nicht das Schlimmste. Das eigentliche Nebel liegt in dem Gehalte des memorirten Stoffes. Das massenhafte Dogmatische, die Beweise des Daseins Gottes und der Unsterblichkeit der menschlichen Seele sind doch wahrlich für Kinder von 7—9 Jahren ein ebenso ungeeigneter Unterrichtsstoff wie das Uebersetzen von Jigdal und den 13 Glaubensartikeln des Maimonides. Ich bin hier etwas mehr auf Einzelheiten, auf Lehrmethode und Wahl des Unterrichtsstoffes eingegangen, weil ich Ihnen nicht zu sagen brauche, daß es sich hier um die wichtigste, die eigentliche Lebensfrage handelt. Der Unterricht muß verinnerlicht werden, wenn er haften soll, er muß mit dem Wachsthnme des Kindes und seines Begriffsvermögens fortschreiten vom Leichteren zum Schwereren, vom Einfachen zum Höheren. Als der große Lehrer Mose das jüngere Israel für den Glauben gewinnen wollte, da heißt es: Hauil Mauscheli beieir es hatauro liasaus leimaur, da begann er damit, ihnen die Lehre zu „erklären", verständlich zu machen. Die großen Grundgedanken unserer Religion, die großen Thatsachen Israels auf dem Gebiete des religiösen Lebens, sie müssen der Jugend in großen, eindrucksvollen Zügen vor das Auge geführt, der sittliche Gehalt unserer Religion muß ihr in das Herz gesenkt werden, um in demselben aus der Kenntniß unserer Religion nnd unserer Vergangenheit Hochachtung vor demi Geiste unserer Geschichte und warme innige Anhänglichkeitj an das Judenthum hervorzurufen. Nicht Zersplitterung,! Auflösung des Gehaltes der Religion in tausend und aber-: tausend Einzelheiten, vielmehr Coucentrirung, Zusammeufassen der religiösen Aufgabe, darum handelt es sich, und! unsere Jugend in diesen Besitz zu setzen, in ihr zu erhalten - und zu dem theuersten Besitz ihres Lebens zu gestalten, das ist ja der Grundgedanke unserer gemeinsamen Bestrebungen. Was nützt es, wenn das Kind alle Bräuche des Pessachfestes an den Fingern aufzuzählen vermag, wenn es die Namen der einzelnen Schofartöne kennt, ohne daß ihm die Bedeutung des Pessach erschlossen ist, ohne daß es ans diesen Tönen das Walten der Gottesmacht, der Gottesoffenbarung heraushört? Das ist der eigentliche Religionsunterricht, den wir anstreben, die Grundbedingung unserer Existenz, unserer Zukunft, und nicht sollen uns innere und äußere Schwierigkeiten, materieller oder ideeller Natur, abhalten, hier unermüdlich zu arbeiten. Der Weg zum Herzen der Kinder führt durch den Geist. Das Herz, die Lehrfähigkeit und Lehrfreudigkeit der Lehrer, diese gilt es zu fördern und zu unterstützen. M. H! Unsere Lehrerschaft steht fast eiumüthig zu diesen Bestrebungen. Nicht der böse Wille, nein, das mangelnde Können der einzelnen ist zu überwinden. Zeugnis; von dem Geiste, der sie beseelt, hat wiederum die letzte Conferenz gegeben, die durch das liebenswürdige Entgegenkommen des Ausschusses ermöglicht worden, und deren Protokolle im diesjährigen Berichte zum Abdrucke gelangen werden. Aus denselben werden sie ersehen, daß wir mit Ernst und Ausdauer arbeiten und uns der vollen Bedeutung unserer Verantwortlichkeit bewußt sind, aber daß auch schon manches ausgestreute Saatkorn aufgegangen ist und Früchte trägt. Für das gegenwärtige Schuljahr ist die Jnspicirung von 26 Schulen, wie ich bereits erwähnt, in Aussicht genommen, und hoffe ich, wenn wir uns wieder begegnen, recht erfreuliche Fortschritte berichten zu können. Widmen Sie, die Herren Vorsteher, wie bisher unserer Sache die gebührende Aufmerksamkeit, das erforderliche Interesse, wirken Sie in diesem Silane auf die Mitglieder Ihrer Gemeinden ein, an uns, den Lehrern soll es nicht liegen." i'vac li Deutschland. Berlin, 23. Februar. (Privatmitth.) H, Im Desiderienbuche der „Akademischen Lesehalle" finden wir folgendes Desiderium eines stuä. theol.: „Nachdem das wohllöbl. Directorium die Bitte um Anschaffung eines zweiten Exemplars der „Deutschen Volksstimme" (neuestes antisemitisches Hetzblatt, das übrigens ein ziemlich stilles Dasein führt, Corr.) abgeschlagen, bittet der Unterzeichnete um Anschaffung von „Schönerers Unverfälschte Worte". Der Petent führte noch einige antisemitische Blätter! oit und fährt dann wörtlich fort: „Bei der notorisch-großen! Anzahl von Antisemiten, die der Akademischen Lesehalle au- I gehören, kann verlangt werden, daß das neue Directorium der antijüdischen Presse eine größere Pflege angedeiheu läßt." Ein vielversprechender zukünftiger Amtsbruder des Herrn! Stöcker!! Berlin, 26. Februar. Die Wahlprüfungskommission j des Abgeordnetenhauses beschloß in ihrer Sitzung vom Mittwoch Abend dieWahl der Abgeordneten Stöcker und Meyer! im 2. Mindener Wahlkreise zu beanstanden, um über das I umfangreiche Material Beweis zu erheben, welches sowohl

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