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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-09 · Heft 11 (9.3.1886) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 11 (9.3.1886)
Date
1886-03-09
Page
Seite 166 (sequence 6)
Language
German
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166 unterteilt (nur aus Memel fehlt die Angabe der schulpflich- | tigen Kinder gegenüber den 74 Schülern und Schülerinnen der dortigen Schule). Hier ist absolut das Erstrebenswertste erstrebt und zwar zumeist ohne polizeiliche Verm i t t e l u n g. Die äußere Ordnung der Schulen läßt noch in vielen Orten zu wünschen übrig. Die „Erweiterung in Klassen" betreffend, beschränken sich die Lehrer oft auf Trennung in Abtheilungen, die trotz aller Alters-Unterschiede gemeinsam unterrichtet werden. Es liegt hier aber die Schuld gar oft an den Eltern, die nicht genug Unterrichtsstunden für ihre Kinder erhaltet! können, ohne eine Ahnung davon zu haben, vaß die Hälfte der Unterrichtszeit aber, für Kinder gleichen Alters und gleichmäßiger Kenntnisse verwendet, das Doppelte dieser der gesammten Schuljugend gewidmeten Zeit aufwiegt, und möchte ich gerade auf Beseitigung dieses Uebelstandes Ihre besondere Aufmerksalukeit hinlenken. Und was 1 von der Klasseneintheilung gilt, es gilt auch von dem Lections« plane, den Schulbüchern, der Schulordnung, Klassenbuch und Absentenliste. Es war eine unserer ersten Aufgaben, hier eine gleichmäßige Ordnung nach bestimmten pädagogischen Normen anzubahnen, aber es giebt noch immer eine ganze Zahl von Schulen, die der vom Verbände zur Einführung empfohlenen Schul- und Lehrbücher ganz oder theilweise entbehren, wieder andere, wo nur ein Theil der Schüler überhaupt Schulbücher besitzt, in einigen Gemeinden existirt weder Lehrplan noch Leetionsplan, ruht die Schulordnung im Archiv des Vorstandes und ist keine Controle des Unterrichtes und des Schulbesuches durch Klassenbuch und Absentenliste ermöglicht. M. H. Halten Sie diese äußeren Einrichtungen nicht für geringfügige Aeußerlichkeiten. Abgesehen davon, daß nur an ihrer Hand ein regelmäßiger und gleichmäßiger, fruchtbarer Unterricht gesichert ist, sind sie unerläßlich, um den eingewohnten, althergebrachten Schlendrian zu beseitigen, mehrere Schulen vor dem Charakter des „Cheder" zu bewahren und um nicht von vornherein der Jugend die Religion in einem unwürdigen mit dem Geiste der Zeit eontrastirenden Lichte erscheinen zu lassen. Soll das Kind den Religionsunterricht Hochhalten — und es soll doch — nun, dann muß derselbe sich selbst Hochhalten. Was endlich die Räumlichkeiten anlangt, so ist die erfreuliche Thatsache hervorzuheben, daß in unserer Provinz durchgängig, mit ganz verschwindenden Ausnahmen, in all den Orten, in welchen die jüdische Gemeinde kein eigenes Schullokal besitzt, die städtischen Behörden die Ertheilung des jüdischen Religions-Unterrichtes in den städtischen Schullokalen gestatten. Innerhalb des Verbandes giebt es nur 4 Gemeinden, in denen der Unterricht in der Wohnung des Beamten, 2, in denen er in der Synagoge stattfindet. Auch diesen Fortschritt verdanken wir der Anregung des Verbandes. Mögen auch die wenigen, hierin noch zurückgebliebenen Gemeinden dieses Recht anstreben und wenn nöthig — erkämpfen. Ich komme nun zu den Unterrichtsgegenständen selbst: Hebräisches Lesen. Uebersetzen aus dem Gebetbuche. Biblische Geschichte und jüdisch-deutsches Schreiben finden wir auf allen vorhandenen oder auch nicht vorhandenen Leetionsplänen, bis zur nachbiblischen (jüdischen) Geschichte werden die Schüler nur an zwei Orten geführt, an diesen, wie in Memel, wird auch Grammatik gelehrt, an 12 Orten wird neben dem Gebetbuche auch aus dem Pentateuch übersetzt, an zwei Orten auch noch Stücke aus den Propheten und nur an einem Orte — Liebstadt — haben die Schüler des Herrn Kasse die ganze hebräische Bibel mit einer in der Gegenwart fast selten gewordenen Sicherheit inne. Und das führt mich zur Beleuchtung des qualitativen Wertstes des hier 1 rubricirten Unterrichts. Derselbe kann für die Mehrzahl der Orte nur als ein relativ befriedigender bezeichnet werden. -Lehrer und Schüler thun ja zumeist ihre Schuldigkeit und das Quantum hebräischer Kenntnisse, das erzielt wird, befähigt an den meisten Orten die Jugend zur verständnißvollen Theiluahme am öffentlichen Gottesdienste, ein Resultat, das ja gerade an größeren Orten nur ausnahmsweise erreicht wird. Auch könnte man mit dem den Schülern beigebrachten Verständnisse der Gebete zufrieden sein, obgleich auch hier eine zweckmäßigere Auswahl der zu übersetzenden Stücke, wie sie ja im Normalplane aufgeführt ist, zu wünschen wäre; von Schülern einer Volks- oder Elementarschule — um solche handelt es sich zumeist — wird man kaum ein gründliches fremdsprachliches grammatikalisches Wissen verlangen dürfen; aber wo die Schwächen unserer Religionsschule so recht eigentlich zu Tage treten, das ist auf dem Gebiete der biblischen Geschichtserzählung und der Religionslehre. Nur lvenige Lehrer verstehen es, unter Auswahl des Geeigneten, dem Kinde das Berständniß der biblischen Geschichte zu vermitteln, die ethischen Lehren aus derselben zu ziehen und alle wesentlichen Momente der Glaubens- und Sittenlehre hier einzuflechten. Neben mechanischem Auswendiglernen und verständnißlosem Hersagen des Memorirten, begegnen wir oft sagenhaften Einschaltungen aus Midrasch und Talmud, die das Kind als integrirende Theile der biblischen Geschichte empfängt und in sich aufnimmt, oder künstlichen Deutungen und Verdrehungen des einfachen Wortsinnes und Inhalts, die es nicht erfaßt, ja oft geradezu religionsphilophischen Betrachtungen oder Nutzanwendungen, die kaum auf die Kanzel gehören. Namentlich beachten manche Lehrer nicht das Alter des Kindes, passen ihre Erzählungen und Betrachtungen nicht dem Verständnisse des Kindes an. Es ist eben die Abwesenheit jeder pädagogischen und didaetischen Grundlage, die hier ihre Früchte zieht. Das gilt aber in

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