Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1886)
- Date
- 1886-03-09
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
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163 schaft umgestaltenden Ueberzeugung," daß „so werthvoll und verschieden die Religiosität auch sei, die Sittlichkeit des Menschen, sein Werth und seine Würde unabhängig gedacht, gefordert und anerkannt werden," so daß die Gesellschaft und der Staat aus dem Bekenntniß des Einzelnen kein Recht irgend einer Beschränkung ziehen dürfe. Diese Anschauung wurde von den bedeutendsten Geistern des vorigen Jahrhunderts ans Licht gefördert und verbreitet und Mendelssohn suchte sie „durch seine Lehre und sein Leben zu begründen." „Mendelssohn", fährt Lazarus fort, „stand mit seinen Bestrebungen ganz auf dem Boden des Judenthums; seine sittliche Theorie wie sein sittliches Leben waren das Erzeugniß des jüdischen Geistes." Wenn Schleiden behauptet hatte, die Juden hätten gar kein Mittelalter gehabt', so sei dies insofern irrig, als gerade das Mittelalter der Inden mit dem Ende des Mittelalters der christlichen Völker angefangen habe, da nach und nach eine völlige Abschließung des geistigen Lebens, eine Erstarrung und Verknöcherung desselben eintrat und „erst unter seinem weit reichenden Einfluß sich allmählich gelöst habe". Wenn Lazarus hierbei bemerkt, daß die Geschichte des Beginnes dieser Abschließung noch nicht aufgeklärt sei, so glauben wir, daß der Anfang der Auslösung derselben noch ebensowenig bis jetzt richtig beleuchtet ist. Wir haben wiederholt schon früher darauf aufmerksam gemacht, daß das Streben nach Culturentwickelung bereits kurz vor Mendelssohn und während des Theiles seines Lebens, in welchem er eine dahinzielende Wirksamkeit noch nicht entfaltete, in vielen Juden erwacht und gefördert war. Gewiß war der Einfluß M's. ein weitreichender; aber er fand einen schon vorbereiteten Boden vor, er trat nicht wie ein Don8 ex machina hervor, der mit einem Schlage die ganze Scene umwandelt. Dies muß geschichtlich erkannt werden, was allerdings nicht blos aus Schriften geschehen kann. Der merkwürdig rasche Gang in dem Bildungsgänge, in der Umwandelung der Denk- und Lebensweise der Juden, die gleich nach Mendelssohn eintrat, ist hieraus erklärlich, und wir hoffen, daß irgend ein jüngerer Forscher sich diesen Gegenstand für eine gründliche Untersuchung wählen wird. Einzelne thatsächliche Beweise haben wir in diesem Blatte von Zeit zu Zeit mitgetheilt, z. B. jüngst im Feuilleton von Nr. 50 vor. I. Doch kehren wir zum Vorträge des Prof. Lazarus zurück. Die äußerste Zurückhaltung, welche Mendelssohn in jenen zudringlichen Aufforderungen Lavater's und Bonnet's in der Vertheidigung seines Glaubens bewahrt hat, sucht Lazarus durch eine Stelle in einem an seinen Freund Elkan 1770 geschriebenen Briefe zu erklären: „Hat mancher geglaubt, zu allem stillschweigen zu müssen; ich glaube es nicht. Wenn ich bedenke, was man zur Anerkennung der Heiligkeit unserer Religion zu thun schuldig ist, so begreife ich gar nicht, wie so manche unserer Glaubensgenossen immer schreien, ich solle um des Himmels willen nicht mehr davon schreiben. Auch habe ich es, Gott weiß es, nicht gern gethan, daß ich mich vom Disput losgemacht habe: mein eigener Wille trat gegen den Willen anderer zurück. Wäre es mir nachgegangen, so hätte ich eine ganz andere Antwort geben »wollen".2) — Von diesem „Verhältniß zwischen M. und den Juden" geht Lazarus zu dem zwischen „M. und dem Jndenthume" über. Dies ist, wie L. meint „nicht so glücklich für unsre Betrachtung, zumal wenn wir ihn mit Lessing vergleichen. Hat er auch „die positiven und edlen Seiten auch der orthodoxen Lehre zur Anerkennung gebracht und sie gegen seichte Angriffe vertheidigt," so hat doch M. „innerhalb des Judenthums keinen Kampf geführt gegen Wahn, Unvernunft und Verfolgungssucht. Das war für das Judenthum kein Glück. Gewiß war die deutsche Uebersetzung des Pentateuchs von großer Bedeutung; auch bekannte Mendelssohn: Ich werde es nicht leugnen, daß ich bei meiner Religion menschliche Zusätze und Mißbräuche wahrgenommen, die leider! ihren Glanz nur zu sehr verdunkeln. „Aber", sagt L., „an die historische Erforschung dieser Zusätze, an die Abstellung dieser Mißbräuche hat er nicht Hand angelegt. Er fühlte sich in seiner Bescheidenheit dazu nicht berufen; er erkannte zugleich in seiner Weisheit, daß damals die Zeit dazu noch nicht gekommen war." — Man sieht leicht ein, daß Lazarus hiermit auch nichts weiter gethan, als die Frage gestellt, eine gründliche Erklärung jedoch nicht gegeben hat. Bescheidenheit und die Meinung, daß die Zeit noch nicht dazu gekommen sei, ist weder eine ausreichende Deutung, noch „dem Wahne, der Unvernunft und Berfolgungssncht" gegenüber eine Rechtfertigung. Wir könnten allenfalls uns damit begnügen, wenn Mendelssohn nicht selbst seine Auffassung sorgfältig auseinandergesetzt und systematisch behandelt hätte. Er that dies in der so vielfach vortrefflichen Schrift „Jerusalem." Hier ist das Material 2) Lazarus macht hierbei die Bemerkung: „Hundert Jahre und darüber sind verflossen, und die Verhallnisse der Juden sind ganz andere geworden; aber heute könnte Mendelssohn dasselbe nach beiden Seiten hin begegnen. Wir haben es vor wenigen Jahren erlebt. Dieses „Schreien", dieses echte, klassische Wort „sie schreien, er solle nicht mehr schreiben" enthält die ganze herbe Satire gegen diejenigen unter uns, welche allezeit klug, allezeit respektabel, aber mattherzig und gewissensfeig, so wenig wie tnöglich sagen, so wenig wie möglich schreiben und vor allem nichts thun wollen, wenn dergleichen vorkomm''. Die haben es noch auf dem Gewissen, die Klugen und Vorsicht Ligen, denen Gott verzeihen möge, welche schuld daran sind, daß wir diese „andere Antwort" nicht besitzen, welche ein Mendelssohn gegeben hätte!" Der Redner spielt hiermit aus die Vorgänge an, die sich tit Berlin während der Blüthezeit der antisemitischen Agitation abspielten. Wir pflichten ihm völlig bei und haben es selbst erfahren, wie von Berlin aus jedes Streben, eine Vereinigung unter unseren Glaubensgenossen zu einer kräftigen Abwehr und einem nachhaltigen Proteste vereitelt, ja die Vorstände der Hauptgemein den Deutschlands durch Telegramme und Zuschriften von der durch uns eingeleiteten Versammlung zum Zurückbleiben aufgesordert wurden. Unsre Gegner wurden bei diesem Verhalten der Inden nur immer mehr aufgemuntert und zu den frechsten Angriffen ermnthigt. N*