Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 11 (9.3.1886)
- Date
- 1886-03-09
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227621--43359-3263715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
162 bezeugt jene Frage, daß die Stellung Moses Mendelssohns im und zum Judenthume noch nicht klar aufgefaßt, fest befinirt und erklärt worden ist. Wir unsererseits hielten uns deshalb verpflichtet, schon in unserem Berichte über die Gedächtnißfeier am 4. Januar (s. Nr. 4) hierüber einige Andeutungen zu geben. Da wir weder diese Feier irgendwie benachtheiligen oder ihre Nachwirkung in den Gemüthern beeinträchtigen wollten, begnügten wir uns dort, mit Wenigem anzudeuten, daß „die Stellung Mendelssohns innerhalb des Judenthums eine dogmatisch und thatsächlich verfehlte war" und daß hieraus nach ihm „eine Verwirrung und Erschlaffung im Judenthume eintrat, die mit dem gewaltigen Streben und Ringen nach geistiger Cultur um so mehr kontrastirte." Jene flüchtig hingeworfenen Worte legen uns aber jetzt, wo jene schöne und wohlverdiente Feier schon der Geschichte angehört, die Verpflichtung auf, dem Gegenstände näher zu treten und ihn einmal gründlich zu erörtern. Doch wollen wir, bevor wir unsere Untersuchung beginnen, darlegen, wie auch anderswo diese Frage anftauchte und ausgesprochen ward. Gerade in jenen Tagen erhielten wir einen Bericht des Herrn Rabbiners vr. Wiener in Oppeln über die von ihm in der dortigen Synagoge abgehaltene Feier und seine Rede bei dieser Gelegenheit. Herr Di-. Wiener, ein seinen Ueberzeugungen energisch ergebener Mann, Pflegt seine Meinung in unzweideutiger, derber Weise auszusprechen. Dies thut er auch hier. Nachdem er von vornherein bemerkt hatte, daß er es bei aller Würdigung und Hochachtung „an der Kritik nicht habe fehlen lassen," und dargelegt, wie er, an einen Text aus Schemoth anknüpfend, Moses, Sohn Arnram's, Moses Maimonides, Moses Nachmanides, Moses Mendelssohn und Moses Montefiore mit einander verglichen habe, fährt er fort: „Was nun die Kritik betrifft, so hob ich bei — wie selbstverständlich — aller Hochachtung und Anerkennung der unsterblichen Verdienste Mendelssohns um die Kultur im Allgemeinen und die Veredelung Israels insbesondere dennoch hervor, daß ich seit Jahren darüber nachgedacht habe, wie und woher es denn gekommen, daß gerade die Nachkommen Mendelssohn's vom Judenthume abgefallen, daß jetzt kein Zweig dieses Baumes mehr unserem Stamm angehört. Das Räthsel löst sich uns, wenn wir wissen, daß der Verewigte um den Stabilen, dem starren Rabbinismus, keinen Anstoß zu geben, auch den antiquirtesten Ceremonieu, sinnlos gewordenen Gepflogenheiten im Leben huldigte. Er war eine friedfertige Natur, die Friedensliebe selber. Aber auch diese muß für einen Mann, der als leuchtendes Vorbild dasteht, der auf eine Gesammtheit zu wirken berufen ist, eine Grenze finden. Hörte ich doch vor 50 Jahren in Berlin aus dem Munde noch lebender Zeitgenossen Mendelssohn's, daß der Verewigte, um nicht gegen zu verstoßen, bei vollem Haarwuchs eine Perrücke trug und des Genusses von d:" cro sich enthielt u. dgl. Concessionen an den Schulchan Aruch noch mehr. Mußten da seine jüd. Freunde und Jünger, ganz besonders aber seine Kinder,nicht irre an ihm werden? Mußten sie nicht glauben, daß er, trotz seiner reichen philosophischen Bildung, entweder doch auf dem Gebiete der Religion befangen und vorurtheilsvoll war oder den Zeloten gegenüber nicht den Muth hatte, äußerlich so zu erscheinen, wie er im Innern dachte und war?') Mußten nicht seine Kinder in der Ansicht bestärkt werden, daß bei ihrem Vater — freilich in der reinsten, edelsten Absicht — der Zweck, „auf seine Glaubensgenossen segensreich zu wirken," die Mittel, die Beobachtung sinnlos gewordener Observanzen, heiligt? Sie konnten die Grenze nicht auffinden oder feststellen, wie weit es dem Vater völliger Ernst, und wo er anfing in Wort, in Schrift und im Leben gegen seine innere Ueberzeugung zu agiren. So sind denn, wenn auch nicht die Söhne, doch die Enkel fahnenflüchtig geworden." — - Dies ist ein Harles Urtheil, sowohl über Maimonides als auch über Mendelssohn, das wir nicht zugeben können. Charakteren, wie diese beiden Geistesheroen waren, darf man nicht ohne Weiteres Zweideutigkeit und selbst Feigheit zuschreiben. Vor Allem muß man sich hüten, frühere Erscheinungen ohne Berücksichtigung der Zeitumstände, aus denen sie erwuchsen, nur aus den Gesichtspunkten einer späteren Zeit zu beurtheilen. Außerdem steht es fest, daß Beide versuchten, zwischen ihrer Philosophie und ihrem Glauben eine Vermittelung, eine innere Verbindung zu finden. Doch wir werden hierauf in unserer weiteren Auseinandersetzung kommen. Am 11. Januar d. I. hielt im Saale der Gesellschaft der Freunde zu Berlin Prof. Dr. M. Lazarus einen Vortrag: „Moses Mendelssohn in seinem Verhältnis zu Juden und Judenthum." Derselbe wurde in der deutschen „Revue" (Februarheft S. 215—22#) abgedruckt, also dem allgemeinen Publikum übergeben und darum der Kritik unterworfen. Im ersten, größeren Theile spricht Prof. Lazarus in gewohnter geift- und gemüthvoller Weise über sein Thema, fügt diesem aber einen bitter gehaltenen polemischen Anhang hinzu. Auf letzteren werden wir später eingehen. — Zuerst stellt der Redner die kräftige Abwehr dar, welche Mendelssohn gegen Michaelis in Sachen der „Juden" von Lessing geführt hat. Von diesem Standpunkte aus erhob sich Mendelssohn zu der „das innere Gebilde und Getriebe der menschlichen Geselly Ich nenne Mendelssohn wie Maimonides, an dessen Moreh die Religionsphilojophie jenes sich herausgebildet, die Männer mir dem Januskopf; vorne die Philosophie, hrnten der stabile Rabbinismus. Doch hat dieser die beiden verschiedenen Richtungen in besonderen selbständigen Werken im „Moreh" und in „Jad" niedergelegt. Er rst in diesem talmudischer als der Talmud, dort aber Philosoph. M. dagegen ist in seinem Jerusalem und sonst in demselben Augenblick bald Philosoph, bald starrer Rabbstüst, gebannt durch den Schulchan Aruch. Dr. Wiener.