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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-02 · Heft 10 (2.3.1886) · p. Seite 157

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 10 (2.3.1886)
Date
1886-03-02
Page
Seite 157 (sequence 13)
Language
German
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157 Jeuilleion. Menah's Hochzeit. Episode aus einer Afrikareise. Von Clara Biller. (Schluß.) Menah's Hochzeit fand schon in der nächsten Woche statt. Die sie begleitenden Ceremonien waren unglaublich, fabelhaft. Ich verdächte es keinem Judenmädchen, wenn es sich dadurch abschrecken ließe zu heirathen — aber der Fall kommt nicht vor. Ein deutscher Rabbiner, dem ich die folgenden Seiten vorlas, hat mir übrigens versichert, daß die Ceremonien orientalisch, aber nicht eigentlich jüdisch wären; daß die rituelle Einsegnung in der Synagoge dagegen, mit geringen Abweichungen, überall dieselbe sei. Eins ist mir wundervoll erschienen: die Zusammengehörigkeit unter den Gliedern der jüdischen Gemeinde, die sich nie deutlicher zeigt, als bei solchen Gelegenheiten. Hier heißt es wörtlich: wer nicht hat, dem wird gegeben. Menah hatte keine Aussteuer — ihre Familie in Tetuan war zusammengetreten, um ihr ein Heirathsgut zu geben. Menah würde in ihrer Einsamkeit von keinem wohlsituirten Hebräer aufgefunden worden sein — man hatte ihr Ebn Eschak gleichsam zum Geschenk gemacht. Menah hatte keine Wohnung, groß genug für die vorerwähnten Ceremonien — das Haus eines angesehenen Gemeindegliedes wurde ihr zu diesem Zweck überlassen. Der ganzen Aufführung — sie umfaßte sieben Tage — habe ich nicht beigewohnt; bei den Hauptscenen bin ich aber zugegen gewesen. Menah war am ersten Tage durch einige Matronen in die „Mikwa" geführt worden, ein Tauchbad, das nur bei rituellen Anlässen benutzt wurde. Aus dem Bade brachte man sie in das Hochzeitshaus, legte sie auf ein Paradebett und schloß ihr unter bestimmten Formeln die Augen, welche sie von da ab nicht wieder öffnen sollte, bis sie am siebenten Tage dem Gatten abgeliefert würde. Ein rosa Gazeschleier wurde noch über sie gebreitet und vier junge Wächterinnen setzte man an ihre Seite. Dies Augenschließen wurde wohl von einem weisen Manne als Vorbereitung auf die Ehe eingeführt, in der Frauen so oft genöthigt sind, die Augen zuzudrücken. Als ich die kleine Menah mit geschlossenen Lidern unter der rothen Gaze erblickte, regte sich mein Mitleid. „Darfst Du mit mir reden?" frug ich. Aber erst nachdem eine der Wächterinnen entgegnet hatte: „Ja, sie darf sprechen," lispelte das arme Kind mit halberstickter Stimme: „Ja, Christin, ich darf mit Dir reden." Unser Gespräch war unter den bewandten Umständen weder belebt noch interessant. Im Patio hatte indeß ein wahrer Hexensabbath von Musik begonnen, indem ich sofort die Virtuosen des Stadtorchesters erkannte. Diese „Musik" war vorschriftlich; sie sollte den Bräutigam für die Trennung von seiner Rose von Jericho trösten, die er erst am siebenten Tage wiedersah. Am zweiten Tage wurden die Gäste von den Hochzeitsbittern eingeladen. Am dritten und vierten traf man Vorbereitungen fürs hochzeitliche Mahl. Am fünften und sechsten schmückte man Hof und Haus und empfing Geschenke für die Braut. Am siebenten war die Hauptaction. Die Braut wurde früh noch einmal in der „Mikwa" gebadet und dabei sieben Mal getaucht. Nachmittags, etwa 4 Uhr, ließ ich mich von Isaak zur eigentlichen Feier führen. Schon von weitem verrieth sich der Schauplatz durch einen wahren Heidenlärm. Wenn reiche Bräute heirathen, nimmt ganz Tanger Theil. Trotz Menah's bescheidener Stellung j war der Vorhof belagert, und ohne Jsaak's Hilfe wäre ich j schwerlich eingedrungen. In einem großen, viereckigen Hofe l versammelte fick nämlich Alles. Eine Seite dieses Hofes I bildete die Synagoge, die gegenüberliegende eine hohe Mauer, j Die andern Seiten waren durch Häuser abgegrenzt, deren stäche Dächer dicht mit Zuschauern besetzt waren. Es versteht sich, daß die Capelle von Tanger bei dem allgemeinen Spectakel nicht fehlte. Sie war in Gala erschienen und johlte, kratzte und tambourinirte unter einem mächtigen Feigenbaum im Hofe. Dieser Baum war von einer Schaar Kinder erklettert worden, welche zwischen den schön geschnittenen Blättern stilvolle Motive zu Arabesken lieferten. Eine Gruppe reizender Jüdinnen — verheirathete Frauen in ihrer phantastischen Tracht — hatte sich um die Thür versammelt, welche zur Braut führte. Bis diese in die Handlung eintrat, wurde getanzt. Ein großer Teppich war dazu vor dem Orchester ausgebreitet. Diesen betrat eine der verheiratheten Israelitinnen. Sie drehte sich zum rhythmischen Lärm der Musikanten um ihre eigene Achse, während sie ihr Taschentuch bald in einen Strick, bald in einen Knoten, schließlich in einen Ball zu verwandeln strebte, was mir Alles im Widerspruch mit seiner eigentliche» Bestimmung schien. Als ihr der Athem ausging, wurde sie von einer zweiten Tänzerin abgelöst, welche, ohne Variation, dasselbe Kunststück wiederholte. Dieses Ballet fand großen Beifall. Das Parterre, d. h. das im Hofe versammelte Publicum, klatschte, scharrte und warf die Hüte in die Luft. Die Galerie auf den Dächern war hauptsächlich von Araberinnen aus dem Volk eingenommen, die, vorschriftsmäßig bis an die Augen in ihre weißen Draperien gehüllt, die Hände zum Klatschen nicht frei hatten. Dafür schrieen sie desto lauter. Die vierte Taglioni wurde nächst

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