Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 10 (2.3.1886)
- Date
- 1886-03-02
- Page
- Seite 158 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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158 der Capelle auch noch von allgemeinem Chorgesang begleitet — ein ganz altes Lied, das, wie mir gesagt wurde, eine kriegerische Begebenheit behandelt und bei jeder Hochzeit gesungen wird. Krieg — Ehe? Aber ich werde mich hüten, Conjecturen hinsichtlich einer möglichen Allegorie aufzustellen, und so berichte ich nur, daß die Melodie sehr einfach war und sich nur innerhalb weniger Noten bewegte. Das Ende wartete ich nicht ab. Molly hatte mir ein Zeichen gegeben, und ich folgte den Jüdinnen ins Haus. Wir standen bald Kopf an Kopf, die Hintersten auf Bänken, in einem großen Raume; ein Vorhang verhüllte uns noch die Braut. Als er zurückgeschoben wurde, erblickte man Menah unter ihrem rothen Schleier, die Augen fest geschlossen, auf einem Paradebett. Das Absperren der frischen Luft und das unnatürliche Augenschließen hatten dem armen Kinde einen Zug des Leidens ausgeprägt, der mir nahe ging, Die vier Wächterinnen standen ihr zur Seite. Diese richteten nun die verschleierte Blinde auf, halfen ihr das Lager verlassen und dirigirten sie in einen niedrigen Stuhl, der unter einer Tafel mit hebräischen Buchstaben stand. Jetzt wurden die jugendlichen Wächterinnen von drei alten Weibern abgelöst, welche mir eine Scene aus Macbeth ins Gedächtniß riefen. Die erste entfernte Menah's rothen Schleier. Tief holte das Opferlamm Athem. Angst und Aufregung preßten ihr ein paar Thränen aus, die sich mühsam durch die geschlossenen Lider stahlen. Die zweite Alte entfernte die Nadeln aus Menah's Haar. Es rollte fast bis zum Boden nieder und das alte Glcichniß vom Mantel mußte Jedem dabei einfallen. Es war zum letzten Male sichtbar, dies goldbraune, wellige Haar, damit in Zukunft Ebn Eschak's Gattin nicht begehrt werde um dieser Schönheit willen von einem andern Manne seines Stammes. Die drei Alten fingen nun an, in diesem Haar zu wühlen, und nach ihrem Kämmen, Raufen, Theilen, Flechten und Aufstecken entstand eine Art Grundmauer für die künstliche Perücke aus schwarzer Seide, die man darauf befestigte. Rings um das Gebäude wurde eine Tour von Seideulocken gesteckt. Damit aber war das Haar — das echte, schöne Haar für alle Zeit begraben! Auf dem Grabhügel wurde nun in ganz logischer Folge ein Monument errichtet. Es war dies ein Gegenstand aus steifer Pappe und rother Seide, der die größte Aehnlichkeit mit einem Ofenrohr hatte. Um das Rohr legte man schließlich noch ein breites Diadem von ebenfalls rothem Sammet! mit einer nach der Stirn gekehrten Spitze. Das Diadem, j von der Breite einer ansehnlichen Kronö, war mit Pretiosen! bestickt und gehörte der Gemeinde, die es zu jeweiliger Be-! Nutzung verlieh. Es war im Zimmer dunkel geworden, man; hatte Kerzen angebrannt.!! Nach der Verarbeitung des Haares kam die Reihe ans! Gesicht. Die drei Alten, frei nach Macbeth, traten jetzt als! Malerinnen auf. Die erste grundirte mit weißer Farbe, die in einem ansehnlichen Topf abgerührt war. Die Zweite brachte ein Büchschen mit Khol; sie schwärzte mit ihrem Pinsel Brauen und Lider. Jetzt nahte die Dritte mit rother Schminke, und bald hatte Menah auch ihre knallrothen Backen. Der so zubereitete Kopf wurde jetzt wieder mit der rosa Gaze überhangen, während man Menah's übrige Toilette vervollständigte. Wo war aber der Bräutigam? — Nach der Anmalerei hielt ichs vor Hitze in dem geschlossenen Raum nicht aus und lief in den Hof. Da saß der Bräutigam auf einem Stuhl und wurde vor aller Welt — barbirt! Als dies beendet, nahm einer das Becken, säuberte es und sammelte darauf unter allgemeinem Geschrei von den Umstehenden Geld ein. Ich habe gute Augen und glaube heute noch, den Bräutigam in der beschriebenen Stellung gesehen zu haben. Das hat man mir aber aufs Entschiedenste bestritten, und das Fragezeichen, das man von glaubwürdiger Seite zu meiner Behauptung setzte, mag darum auch hier stehen bleiben. Ich las einmal die Beschreibung, die ein Judenknabe von den bei der katholischen Messe üblichen Ceremonien machte. Sie war mir ein lehrreiches Beispiel für ähnliche Fälle, wo man; des Wunderbaren, Ungewohnten und Unverstandenen so viel! sieht, daß auch der Wahrhaftigste sich täuschen läßt und den! eignen Sinnen mißtrauen möchte. Als ich zu Menah zurückkehrte, fand ich sie immer noch mit geschlossenen Augen, aber vollständig angekleidet, in jenem Stuhl unter der Gesetztafel. Man brachte jetzt ein Gestell herein, wie es in Spanien bei Processionen benutzt wird, um lebensgroße Heiligenfiguren herumzutragen. Das Gestell war mit einer Art Thronsessel versehen. Ihrer Schönheit beraubt, mußte die unglückliche Menah sich jetzt anfassen und von zwei schwarztalarten Israeliten in das Gestell hineinbalanciren lassen. Wenn man zwei Perücken, ein Ofenrohr und eine Krone auf dem Haupte trägt, und die Augen nicht einmal öffnen darf, so ist das keine Kleinigkeit. Das arme Kind zitterte am ganzen Körper und wimmerte leise, aber die Lider blieben unbeweglich. Der Schleier war ihr abgenommen worden — steif, wie ein indischer Götze, saß sie endlich auf ihrem Throne. Die beiden Israeliten hielten angebrannte Kerzen über sie — und das Volk konnte das Idol bewundern. Dann setzte der Zug sich in Bewegung, passirte die Hauptstraßen der Stadt und kehrte zur Synagoge zurück, wo die religiöse Einsegnung erfolgte. Voraus selbstverständlich die Capelle, angeführt durch sechs Soldaten mit Laternen und Stäben. Hiernach die Braut auf ihrem Thron-