Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 10 (2.3.1886)
- Date
- 1886-03-02
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
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154 Universität gegründet. Dieselbe faßte am 27. Juni v. I. den Beschluß. Juden von der Aufnahme in ihre Gruppe auszuschließen. Die Centralleitung des Schulvereins erklärte diesen Beschluß für statutenwidrig und forderte die akademische Ortsgruppe auf, denselben rückgängig zu machen. Nach langwierigen Verhandlungen fand gestern eine außerordentliche Versammlung der Ortsgruppe statt, um über die Forderung der Centralleitung Beschluß zu fassen. Letztere hatte zu ihrer Vertretung zwei Delegirte entsendet. Da trotz deren eindringlichen Abmahnungen die Versammlung auf dem früheren Beschlüsse, man solle die Aufnahme eines jeden Juden in die akademische Ortsgruppe verweigern, beharrte, so erklärten die Delegirten, durch den eben gefaßten Beschluß verharre die akademische Ortsgruppe auf einem Standpunkte, von welchem die Vereinsleitung des Deutschen Schulvereins in wiederholten Beschlüssen und Mittheilungen erklärt habe, daß derselbe mit den Vereinssatzungen unvereinbar sei, und daß die Vereinsleitung bei Festhalten desselben die akademische Ortsgruppe nicht mehr als einen Zweigverein des deutschen Schulvereins anzuerkennen vermöge. Deshalb sehe er sich genöthigt, der Vollversammlung im Namen der Vereinsleitung des deutschen Schulvereins unter Anwendung des 8 14 a der Ortsgruppensatznngen die für obigen Fall beschlossene Auflösung der akademischen Ortsgruppe bekannt zu geben. Diese Auslösung werde nach Ablauf von 14 Tagen zur behördlichen Anzeige gebracht werden, wenn innerhalb dieser Zeit nicht eine Anrufung des Schiedsgerichts erfolge. Nach dieser Mittheilung wurde die Versammlung vom Vorsitzenden sofort geschlossen. Wien, 26. Februar. Wir haben schon mitgetheilt, daß die „Neue Freie Presse" und „Wiener Allg. Ztg." heute wegen ihrer Leitartikel über Pino konfiscirt wurden. Die Beschlagnahme des letzteren Blattes hatte übrigens noch einen zweiten Grund. Die „W. A. Z." hatte nämlich auch einen Artikel über eine Gerichtsverhandlung in Znaim gebracht, wo der Präsident in geradezu skandalöser Weise „gemauschelt" hatte. Das betr. Blatt bemerkt: „Eine autoritative Berichtigung des skandalösen Vorfalles würde uns diesmal willkommener gewesen sein, denn je. Wir haben das Dementi drei Tage lang erwartet, leider vergebens. Es ist also richtig, unzweifelhaft richtig, daß der Präsident eines österreichischen Gerichtshofes die sacrosancten Räume der Justiz zum Schauplatz seines antisemitischen Privatamusements machte. Auf einen Hep! Hep!-Rufer mehr oder weniger kommt es schließlich nicht mehr an, aber das Hep! Hep! im Gerichtssaale hat denn doch eine andere Bedeutung als in der Kneipe und auf der Straße. Nicht allein weil es von jener Stätte aus weit größeres Unheil anrichten kann, sondern weil es dem glänzenden Ruf, den geheiligten Traditionen des österreichischen Richterstandes offen ins Gesicht schlägt." Wien, im Februar. (Privatmitth.) Nach den für das Jahr 1884 erschienenen officiellen militärisch-statistischen Daten waren am Jahresschluß 1884 in der k. k. Armee i von 880514 Mann 27,342 Israeliten. Der Bericht hat eine Steigerung der Israeliten im Militärdienst zu constatiren. Im Jahre 1872 entfielen auf 1000 Mann nur 15 Israeliten, im Berichtjahre jedoch auf 1000 Mann 31 Bekenner der mosaischen Religion. Pest, 14. Februar. (Privatmitth.) In der endlich zu Ende geführten Debatte im Ungar. Reichstage über das Budget des Ministeriums für Kultus und Unterricht haben die Katholiken, die Evangelischen, die Lutheraner und selbstverständlich auch die Juden ihr Theil bekommen. Daß es an Jnvectiven gegen die Juden nicht fehlte, dafür sorgten schon die Herren Antisemiten. Bei dem Posten: „Der Kirche der Angehörigen der israelitischen Confession 5000 fl." beantragte der antisemitische Baron G. Andreanßky, unter heftigen Ausfällen auf die Juden, diesen Posten abzulehnen und die betreffende Summe für das Nationalmuseum zu verwenden. Herr Andreanßky wurde daraufvon Franz Pulßky kurz aber kräftig abgefertigt. Er sprach: „Semper ego auditor tantum, rranquam ne reponam?“ (Hört! Hört!) Sollen wir mit diesen Worten des römischen Dichters hier dulden, daß einige unserer Abgeordneten-Kollegen seit l1/2 Jahren einer gewissen Konfession angehörige Bürger, einen Theil der Nation schmähen. (Wahr ist's! rechts. Rufe: Das ist unerträglich!) Ich glaube, wir stehen hier auf der Basis der Rechtsgleichheit, suchen keinen Unterschied unter den Angehörigen der verschiedenen Konfessionen zu machen, sondern halten sie für gleich, denn sie Alle sind Bürger des Vaterlandes. (Zustimmung rechts.) Ich frage, können wir deshalb, weil es unter den Juden Wucherer gibt, dasselbe von der Gesammtheit der Juden sagen? (Zustimmung rechts.) Was würden Sie sagen, wenn ich behauptete, die katholischen Geistlichen seien intolerant oder taktlos, weil es unter denselben einige Solcher gibt. (Wahr ist's!) Wir achten Jene, die gute Patrioten sind; deshalb jedoch, weil es in einer Konfession Solche gibt, die schlechter als die anderen sind, ist es, wie ich glaube, nicht in der Ordnung, die ganze Konfession, die ganze Race zu schmähen." (Zustimmung rechts.) Damit Sie also nicht denken, — da wir Sie seit 1 ij-I Jahren reden ließen — daß Sie uns terrorisiren, und damit Sie nicht denken, daß auch wir vielleicht Ihre Intoleranz theilen, habe ich das Wort genommen und mit diesem Proteste votire ich die präliminirte Summe. (Lebhafte Zustimmung.) Der Posten wurde votirt. Wenn Herr Pulßky den Antisemitismus brandmarkt, so kommt ihm auch die Zeit zu Hilfe. Die Epidemien, die einst