Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 10 (2.3.1886)
- Date
- 1886-03-02
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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152 offenen Brief an die Alliance - Jsraelite druckte, sich des Christenthums in Oestereich anzunehmen. Trotzdem wird uns von unseren Gegnern in politischen Fragen die Nothwendigkeit aufgezwungen. an unser Judenthum zu denken. Wir aber lieben die Phrase von der Ausgleichung der Gegensätze, von der Verwerflichkeit der eonfessionellen Einseitigkeit, von der Nothwendigkeit, sich der Majorität zu fügen und verschiedenen anderen Liebenswürdigkeiten, welche wir von Anderen erwarten sollten, statt sie selber auszutheilen. Die leitenden Kreise des Judenthums, die Gemeindevorsteher in den großen Städten, stehen hier obenan, und doch sollten sie wissen, daß, wer sich selbst nicht achtet, die Achtung anderer nicht verlangen kann; sagt ja das die Schrift sehr bezeichnend in dem Berichte der Kundschafter durch die Worte: „Wir sind uns vorgekommen wie Heuschrecken und so dürsten wir ihnen erschienen sein." Ja,kommen wir uns selber vor wie Heuschrecken, welches Urtheil können die Gegner über uns haben? Niemand kann leugnen, daß augenblicklich die Lage der Inden eine sehr kritische ist, selbst auf bisher ganz neutralen: Boden, wie in Italien und im französischen Algier, wird gegen das Judenthum gearbeitet. Ein Abgeordneter des deutschen Reichstages nennt die Vermehrung des jüdischen Elementes ein Unglück für das Reich, ein preußischer Minister bestätigt es, der mächtigste Mann Europas verkündet die Theorie, daß alle Vergewaltigung erlaubt sei im Interesse der nationalen Selbstvertheidigung, und was ist heute nicht alles nationale Pflicht. Darum können wir unseren Glaubensgenossen nicht eindringlich genug die Worte in Erinnerung bringen, die kürzlich im deutschen Reichstage öfter wiederholt wurden: „toujours en vedette.“ 4/1. Deutschland. Berlin, 19. Februar. (Privatmitth.) Niemand wird unserm jetzigen Minister des Innern das Talent, sehr geschickt zu sprechen, aberkennen dürfen. Aber selbst der geschickteste Redner kann die schwachen Stellen seiner Sache nur vor dem verbergen, der ihm gläubig anhängt, nicht aber vor dem prüfenden Blicke dessen, der gerade unter dem leidet, was der Redner verschweigt. So mögen die Reden des Ministers am 29. und 30. Januar recht nachdrückliche Momente gegen den Polonismus ins Feld geführt haben — für die Rechtfertigung der Ausweisungen in „ihrer Art und ihrem Umfange" hat er nichts vorgebracht, und scheint er selbst den Versuch dazu nicht haben machen wollen. Darum waren auch die Resolutionen der Majorität des Abgeordnetenhauses eigentlich gar nicht gegen die Majorität des Reichstages gerichtet, wie sie es doch sein sollten, jene sprechen für Maßnahmen zu Gunsten der Germanisirung, diese gegen die Art und den Umfang der Ausweisungen. Sehen wir nun zu, was Herr v. Puttkammer über die Juden sagte: „Ferner: mit der Naturalisation ausländischer Israeliten soll überaus hart und ablehnend verfahren sein. Aber, meine Herren, daß ein großer Theil dieser Leute kein socialer und wirthschaftlicher Gewinn für uns ist, (sehr richtig!) das, glaube ich, werden alle die, welche die Zustände in den östlichen Grenzprovinzen kennen, anerkennen, (sehr wahr!) und es ist allerdings aus Beschluß des königlichen Staatministeriums angeordnet, daß die Verwaltungsorgane mit der Naturalisation dieser Leute aufs Peinlichste verfahren, (sehr gut!) damit wir nicht Elemente ins Land bekommen, die , durch Ausbeutung der Unkunde und Geschäftsuuerfahrenheit j gewisser Bevölkerungsklassen sehr viel mehr Schaden stiften i als Nutzen bringen. (Bravo!) Bei solchen Naturalisationsanträgen habe ich denn auch gleichzeitig recht interessante Beobachtungen gemacht. Derartige ausländische Israeliten — der Fall ist gar nicht vereinzelt — nehmen, wenn sie die Naturalisation nachsuchen, ihre Heranwachsenden Söhne ausdrücklich von diesem Gesuch aus. Aus welchem Grunde? Das glaube ich liegt wohl klar auf der Hand: sie wollen sie der Erfüllung der Militärpflicht entziehen, also für sich und ihre Person alle die Vortheile einheimsen, die der Erwerb des preußischen Aufenthaltes gewährt, aber sie wollen keine Pflichten übernehmen, allerhöchstens ein paar Steuern, aber um Gottes willen keinen Dienst für das Vaterland, keine persönlichen Pflichten. Also, daß wir auch in der Beziehung, sowohl was die Naturalisation, als was die fernere Gestattung des Aufenthaltes betrifft, äußerst vorsichtig sein müssen, das unterliegt für mich keinem Zweifel. Ich muß aber gleichzeitig hervorheben, daß der Oberpräsident von Ostpreußen auf meine Anregung oder mit meiner Ermächtigung alle diejenigen, welche für den wirklich legitimen Handel von Königsberg an nationalem Material in dieser Beziehung nöthig sind, natürlich widerruflich unter Gewährung langer Fristen duldet, und daß die wirklich nützlichen Elemente für die preußischen Interessenten von der Ausweisungsmaßregel nicht betroffen werden." — Man sieht leicht, daß der Minister im Bewußtsein spricht, daß er bei der Majorität dieses Hauses keinen Widerspruch zu erwarten habe. Daher durchaus apodiktisch. Und doch ist er genöthigt, seine Behauptungen selbst einzuschränken,