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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-02 · Heft 10 (2.3.1886) · p. Seite 151

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 10 (2.3.1886)
Date
1886-03-02
Page
Seite 151 (sequence 7)
Language
German
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151 aus mißverstandenem Liberalismus die confessionelle Schule perhorresciren. Wie der neue Unterrichtsminister über die Absichten dieser Herren denkt, ist zur Stunde bekannt. Er hat keine politische Vergangenheit und bislang betrachten ihn alle Parteien als den Ihrigen. Nur so viel ist sicher, daß er sehr rührig erscheint und jenen Herren doch noch keine Concessionen gemacht hat, während er sonst in der kurzen Zeit seiner Amtsführung bereits eine Menge Maßnahmen verfügt hat. Auch ist es bemerkenswerth, daß das klerikale „Vaterland" die Nachricht von der Ernennung des Herrn von Gautsch mit den Worten begleitet hat: „Der neue Unterrichtsminister ist noch sehr, sehr jung." Trotzdem heißt es auf der Hut sein, wenn den Juden das, was sie an Rechten besitzen, nicht wegescamotirt werden soll auf dem Umwege der praktischen Turchführungsgesetze. wie das betreffs der Berechtigung zum Lehramte durch die Schulnovelle geschehen ist. Wir kommen nun zu dem, was auf nationalpolitischem Gebiete, das gegenwärtig im Vordergründe der öffentlichen Discussion steht, für das Judenthum sich gezeigt hat. Augenblicklich ist man auf allen Seiten den Juden nicht gerade grün. In der deutschen Partei macht der Antisemitismus ganz besondere Fortschritte. Nachdem sich die deutsche Partei in einen deutsch-österreichischen und einen deutschen Club gesondert hat, welch' letzterer die sogenannte „schärfere Tonart" repräsentirt, genügt auch dieser nicht mehr, um das germanische Bewußtsein zu befriedigen. Ueberall, in Niederösterreich, in Steiermark, in Böhmen entstehen deutschnationale Vereine, welche nur in Schönerer die wahre Vertretung des Deutschthums erblicken. Dazu kommen die volkswirthschaftlichen Reaktionäre, welche unter dem Vorwände gegen die Ausbeutung der arbeitenden Schichten zu kämpfen, gegen das Judenthum Hetzen, und endlich die Klerikalen, die dieses Wasser für ihre Mühle zu verwenden gedenken. So kommt es, daß das „Vaterland" die Berichte über die Versammlungen des österreichischen Reformvereines in ausführlicher Weise abdruckt, obwohl in diesen Versammlungen betont wird, man wolle sich nicht vom Krummstabe bevormunden lassen. Manchmal merken diese Herren, welchen Zwecken sie dienen. So ist es gekommen, daß, als im Abgeordnetenhause der Abgeordnete Zucker, Professor an der böhmischen Universität in Prag, den Antrag auf Fortbestand der Ausnahmsmaßregeln gegen socialistische Verbrechen vertheidigte, er dafür im Reformvereine angegriffen wurde, wo ein Redner erzählt, Schönerer habe dem Abgeordneten Zucker zugerufen: „Es ist bemerkenswerth, daß ein Jude für Ausnahmsgesetze spricht, das wollen wir uns gelegentlich merken." Dazu hatte der Redner im Reformverein bemerkt, daß der Bruder Zuckers in Wien als Mitglied der deutschen Partei lebe, welche Worte mit höhnischen Rufen auf die Juden ausgenommen wurden. Tags darauf erschien ein „Eingesandt" im „Vaterland", wo mehrere christliche Staatsbeamte erklärten, es sei ein illiberales Vorgehen, einem Abgeordneten, wenn er als Berichterstatter fungire, seine Confession vorzuwerfen. Wir sehen also, die Herren sind in dem Suchen von Bundesgenossenschaften gar nicht wählerisch. Wie können sie es dem Juden verargen, das; er sich dem ihm interessenverwandten Theile der Bevölkerung zunächst anschließt. Freilich wäre das im Augenblicke schwer zu sagen, wo die den jüdischen Interessen, soweit sie politische sind, verwandte Partei zu finden ist. Im böhmischen Landtage hat der Abgeordnete vr. Knotz erst kürzlich einen Erfolg davongetragen, als er gegen die officiöse Presse loszog, welche von Joseph Graf, dem Oberschmok des böhmischen Statthalters dirigirt wird. Der böhmische Statthalter Freiherr von Kraus ist Jude gewesen. Daher offenbar Knotz durch diese Erinnerung aus Freitags Journalisten gelegentlich die Juden meint, während er den Statthalter schlägt. Daß wir es den Leuten ebensowenig rechtmachen können, wie der Bauer in der Fabel, der mit seinem Sohne den Esel zu Markte führte, kann man daraus ersehen, daß in demselben böhmischen Landtage der Führer der alttschechischen Partei Di-. Rieger, als es sich darum handelte, durch ein Gesetz festzustellen, daß in den deutschen Bezirken Böhmens von den Beamten nur die Kenntuiß der deutschen Sprache gefordert werden solle, die Aeußerung that, die Juden, welche sich auf ihren Bortheil verstehen, verlangen überall Commis, die des Deutschen und Böhmischen mächtig sind, d. h. mit anderen Worten, die Juden, welche politisch das Deutschthum stützen, erkennen, wenn es sich um ihren materiellen Vortheil handelt, doch die Gerechtigke t der tschechischen Forderung an, mit noch anderen Worten, die Juden leben ohne Ideal, nur der Gewü.nsucht. In Galizien hat es merkwürdiger Weise in diesem Jahre keine eigentliche Judendebatte gegeben. Es scheint nicht einmal der Abgeordnete Merunowicz seinen Antrag auf amtliche Untersuchung des Talmud erneuert zu haben. Die Herren haben vorläufig mit den widerhaarigeu Ruthenen zu thun, die sich durchaus nicht polouisiren lassen wollen. Die Juden, welche im gallischen Landtage sitzen, haben übrigens hier eine kluge Haltung bewahrt, indem sie mit den Ruthenen gegen einen die letzteren vergewaltigenden Gesetzesantrag der Polen stimmten. Jedenfalls scheinen die Juden durch das Beispiel Ungarns und Deutschlands soweit belehrt zu sein, daß sie nicht mehr glauben, durch Theilnahme an nationalem Chauvinismus sich die Freundschaft ihrer Mitbürger zu sichern. Die Juden verstehen leider trotzdem noch immer nicht genug die Pflicht der Minoritäten, welche darin liegt, ihre Rechte geltend zu machen. Niemand betrachtet das Judenthum als etwas Politisches, selbst unsere Gegner nicht, welche immer laut von der Macht der Alliance-Jsraelite schreien, wie etwa kürzlich ein klerikales Blatt als Leitartikel einen

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