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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-03-02 · Heft 10 (2.3.1886) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 10 (2.3.1886)
Date
1886-03-02
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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150 dieses coitcebiren! Bisher sehen mir gerade in den Lehrerkreisen den Antisemitismns immer weitere Fortschritte machen. Und von den vier antisemitischen Abgeordneten des Reichsrathes sind zwei Gymnasiallehrer! Ja, wenn wir wüßten, daß es den Herren mit dem Fernhalten des Antisemitismus von der Schule Ernst ist! Wir könnten ihnen viele Dinge an die Hand geben, wo ihre menschenfreundlichen Bestrebungen sehr am Platze wären. Hat man ja selbst in der Volksschule kürzlich erlebt, daß ein Lehrer nach Nebukadnezar fragte, und als Niemand von seinen Schülern ihm Auskunft zu geben vermochte, rühmte er die gute alte Zeit, wo das Wirken dieses Königs, der der Welt die große Wohlthat einer wenigstens theilweisen Vernichtung der Juden erwiesen hat, noch möglich war. Ja, wenn der Mann wiederkäme, setzte er mit einem Seufzer hinzu. Bon den höheren Schulen zu sprechen, ist sicherlich ganz überflüssig, ich will nur erwähnen, daß ein Lehrer in äußersten Zorn gerieth, als er eine schriftliche Arbeit für den Versöhnungstag ansetzen wollte und ein jüdischer Schüler ihn darauf aufmerksam machte, daß ein großer Theil der Classe an diesem Tage die Arbeit nicht mitmachen könne. „Juden, wir brauchen euch nicht da, fahrt er heraus, macht euch ein eigenes Gymnasium, es sind ja euer genug, oder geht mit altem Eisen handeln!" Bei einer Volksschullehramtsprüfung hat ein Candidat das Unglück, daß die Tafel, die unsicher aufgestellt ist, ein Gepolter verursacht, während er darauf schreibt. Der Vorsitzende Laudesschul-Inspektor ist darüber entrüstet, er verlangt, daß der Candidat reprobirt wird. Natürlich thut man dem Vorsitzenden den Gefallen. Der Candidat, bisher ein vorzüglicher Schüler, hat das nicht erwartet, er stößt bloß die Worte hervor: „Ist eine solche Ungerechtigkeit möglich?" worauf der Herr Inspektor den Schuldiener mit lauter Stimme in Gegenwart des ganzen Lehrkörpers und aller Schüler beauftragt, den frechen Judenbuben hinauszuwerfen. Daneben nimmt es sich gewiß nur wie ein Scherz aus, wenn ein Gymnasiallehrer den anderen fragt: Wie viel jüdische Schüler hast du? „Drei," lautet die Antwort, „o, du Glücklicher, ich habe ihrer 16." Oder etwa der Elasseulehrer fragt den Schüler Kohu: „Sind Sie mit dem Kohn in der ersten Classe verwandt?" „Ja." „Merkwürdig," sagt der Herr Professor, indem er den Schnurrbart bedächtig durch die Finger gleiten läßt, „Alle Kohn sind verwandt." Derartige kleine Nörgeleien, bestimmt, die Gefühle der Kinder zu verletzen, treten aber ganz in den Hintergrund gegenüber der geflissentlichen Verletzungen des religiösen Gefühles. Will der Schüler am Sabbath nicht schreiben oder zeichnen, wird er so lange gehöhnt und gequält, bis er sich eines anderen besinnt. In den Lehrer- und Lehrerinnen- Bildungs-Anstalten kommt es vor, daß man beim Probeunterricht gerade den jüdischen Kandidaten Fragen giebt, deren Beantwortung sie mit ihrem religiösen Gefühle entzweit: z. B. soll einer gerade Schillers „Graf von Habsburg" erklären, wo von ihm verlangt wird, in dem Geiste des katholischen Dogmas die Stelle zu erklären: „Zu verehren mit gläubigem Christensinn, was alle Menschen erlöset." In einem anderen Falle hat die Candidatin Unterricht in der letzten Stunde. Sie soll mit den Kindern beten und tritt daher zurück, um einer christlichen Mitschülerin Platz zu machen. Als sie wegen dieser Pflichtverletzung getadelt wird, meint sie: „Ich konnte doch nicht das Kreuz machen, das nützt nichts", sagte die Lehrerin, „Sie müssen sich den Ordnungen fügen." Trotzdem wird aber im Schulgesetze ausdrücklich bestimmt, daß selbst ein im Amte befindlicher Lehrer nicht gehalten werden kann, Ceremonien, wenn sie nicht seiner Confession angehören, mitzumachen. Ein ganz besonders drastischer Fall soll den pädagogischen Antisemitismus ins rechte Licht setzen. Bei der Schulumtsprüfung prüft der Herr Direktor Pädagogik. „Was ist Ethik?" Die Candidatin giebt eine befriedigende Antwort. „Woher hat die Ethik ihren Ursprung genommen?" „Aus der Religion." „Gut, welche Religion war das?" Das arme Mädchen steht in Todesängsten. Die christliche Religion will sie nicht sagen, eine andere Antwort darf sie nicht geben, denn sie will den Zorn des Herrn Direktors nicht erregen, um durch eine schlechte Note aus der Pädagogik sich nicht in ihrer Zukunft zu schädigen. Sie thut das Klügste, was ihr im Moment einfallen konnte, sie schweigt. „Nun," sagt der Herr Direktor, „wissen Sie das nicht, war das etwa die jüdische Religion, welche lehrt, Auge um Auge oder die christliche, die Religion der Liebe?" Der Charakteristik wegen sei noch hinzugefügt, daß der betreffende Direktor ein entschiedener Anhänger der deutsch-liberalen Partei ist. Alle diese Fälle sind Concreta, für die ich vollständig einstehe. Ichkönnte sie leicht durch eine Anzahl anderer vermehren und sie sind überdies nur ganz zufällig aneinandergereiht, gar nicht in der Absicht, meine schlimmsten Erfahrungen auf diesem Gebiete vorzubringen. Haben wir demnach Recht an der Aufrichtigkeit der Herren zu zweifeln, wenn sie emphatisch die Verbannung des Antisemitismus ans der Schule auf ihre Fahne schreiben? Uebrigens wissen wir, wo das hinausläuft. Die Herren finden für ihre Absichten, die Schule in klerikalem Sinne zu reorganisiren selbst unter den Antisemiten keinen Anhang. Es ist daher begreiflich, daß sie das Pferd der religiösen Gleichberechtigung reiten, wenn das der alleinseligmachenden Kirche nicht mehr ziehen will, wie es in Tirol der Fall ist. Sollten die Herren ihr Ziel, die konfessionelle katholische Schule, erreichen, dann würden sie die schöne Redensart von der religiösen Gleichberechtigung und Duldung bald vergessen haben, zumal die Juden

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