Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 10 (2.3.1886)
- Date
- 1886-03-02
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227620--43345-3263700- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gemacht werden, ohne daß der Gefahr, welche den arischen Stämmen von diesen vaterlandslosen Semiten bereitet wird, gedacht wurde. Handelt es sich nun um die Orientpolitik der Großmächte oder um die Colonisation von Kamerun, überall zeigte es sich, daß Gott den Segen Noahs erfüllt hat: Wo Japhet sich ausbreitet, da wird Sem herbeigezerrt. Die österreichischen Landtage haben eigentlich das Schulwesen nur zum Theil und auch da nur in eingeschränktem Sinne zu überwachen. Trotzdem ist es begreiflich, daß, wo die Wünsche der einander gegenüberstehenden Parteien sich begegnen, Die Wortführer der politischen und kirchlichen Strömungen hier ihre Klingen kreuzen. Ist es ja hier auf engerem Boden leichter, die heimatlichen Schmerzen zum Ausdruck zu bringen, fällt ja ferner die Befürchtung weg, der Regierung Verlegenheiten zu bereiten, wenn man sie zwingt auf gewisse Fragen die Antwort zu geben, wie das im Reichsrathe, wo verschiedene Jnteressengruppirungen zusammenhalten müssen, der Fall ist, daß die Rücksicht auf die Freunde den Freunden den Mund verschließt. Eine hochpolitische Schul-Debatte hat es zunächst „im heiligen Land Tirol" gegeben. Die Herren sind einmal nicht zufrieden zu stellen. Erzählt ja Frau Fama, daß der Cardinal Schwarzenberg, als er die Trauungsrede bei der Hochzeit des Kronprinzen hielt, dem Publicum unverständlich blieb bis auf die mit lauter Stimme hervorgestoßenen Worte „Alles, was die Kirche begehrt." Ja, wenn ein späterer Geschichtschreiber sich aus den Verhandlungen in der Tiroler Landstube ein Bild machell sollte über das, was in diesem Lande in unserer Zeit vorgegangen ist, der müßte sicherlich meinen, daß dort, im Laude der Glaubenseinheit, von der Volksschule an förmlich Atheismus gepredigt wird. So wurde von allen Seiten, und zumeist von den geistlichen und bäuerlichen Abgeordneten, die confessionelle Schule gefordert. Jeder, der die österreichischen und besonders die tiroler Verhältnisse kennt, wird diese Forderung geradezu lächerlich finden. Die österreichischen Schulen sind wohl dem Namen nach interconfessionell, factisch aber sind sie katholisch. Der Katechet nimmt die gleiche Stellung wie die anderen Lehrer ein, ein Anciennetätsrang existirt in Oesterreich nicht, sondern alle Lehrer eines obligatorischen Faches, welche definitiv angestellt sind, stehen in gleichem Range. Die Religion ist ein obligatorischer Gegenstand, die Schüler müssen die religiösen Uebungen, Beichte, Communion, sonn- und feiertägliche Messe unter Beaufsichtigung des Lehrkörpers der Anstalt mitmachen, selbst an der Frohnleichnams-Procession müssen sie sich, wenn auch halb und halb per nefas betheiligen. Endlich hängt in jeder Schule ein Cruzifix, vor und nach der Schule wird zumeist gebetet, so daß sicherlich von einer confessionslosen Schule in Oesterreich für die Katholiken nicht die Rede sein kann. Erst in Tirol, wo die Nichtkatholiken eine verschwindende Minorität bilden, heißt die Forderung nach einer eonfessionelleu Schule nichts Anderes, als das Verlangen nach der theresianischeu Schulordnung, welche eigentlich die ganze Sorge für den Unterricht dem Clerus überläßt und den Lehrer nur als Gehilfen für den Katecheten betrachtet. Daß die Dinge in dieser Richtung Liegen, zeigt das Vorgehen des verstorbenen Bischofs Rüdiger von Linz, welcher einen Lehrer wegen angeblicher Ketzerei vor sein Tribunal forderte. Uebrigens waren während seines oberhirtlichen Wirkens derartige Vorfälle nichts Seltenes. Mir hat selbst ein höherer Beamter der oberösterreichischen Statthalterei erzählt, es sei auf Betreiben eines Kaplans von einer Gemeinde Oberösterreichs eine Beschwerde gegen ihren Lehrer erhoben worden, weil dieser den Teufel leugnet, und die Geschichte reducirte sich endlich dahin, daß der Betreffende den Kindern gesagt hatte, es sei unwahr, wenn das Gerücht erzähle, ein liberaler Bauer wäre ob seines unkirchlichen Verhaltens vom Teufel nächtlicherweile überfallen und geohrfeigt worden. Da der Landesschulrath in dieser Aeußerung nichts Sträfliches erblicken konnte, brachte der Caplan eine neue Anklage vor. Der betreffende Lehrer habe sogar behauptet, daß der Regenbogen eine Folge der Brechung des Lichtes sei, daher er nicht von Gott nach der Sintfluth eingesetzt worden sein könne. Es ist nur schade, daß der Herr Caplan Nachmanides' Commentar nicht gelesen hat, vielleicht hätte sich dann sein Gewissen beruhigt. Uns Juden könnte die Sache gleichgültig sein, wenn wir nicht wüßten, daß jedes Fortschreiten dieser Schulpolitik für die jüdischen Minoritäten in diesen Gegenden die größte Gefahr bildet: hat ja auch der Abgeordnete Greuter auf die richtige Bemerkung des Professors Wildauer, der bei Gelegenheit dieser Schuldebatte meinte, die Clericalen wollen nur den Frieden im Lande stören, erwiedert: „Wie könnte sonst noch der Jude in Innsbruck die Neuschule für sein kostbarstes Kleinod erklären." Nun glaube ich nicht, daß Monsignore Greuter thatsächlich fürchtet, das Land der Glaubenseinheit könnte durch diese Handvoll Juden in Innsbruck mit Hilfe der sogenannten Neuschule eines Tages bekehrt werden. Es kam ihm also nur darauf an, die Herrschaft der Kirche dadurch zu befestigen, wenn er die Juden als Schreckensgespenst aus seiner Laterna-Magica an die Wand malt. Merkwürdiger Weise ändern die Herren ihre Politik genau nach dem Orte, wo sie sich befinden. So hat im niederösterreichischen Landtage ein Abgeordneter, Namens Knab, gleichfalls ein Geistlicher, die Aeußerung gethan: Wie wir verlangen, daß die israelitischen Kinder nicht unter antisemitischen Tendenzen leiden, so haben wir das Recht zu verlangen, daß unsere katholischen Kinder nicht durch antikatholische Tendenzen verletzt werden. O, wie gerne wollten wir