Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 10 (2.3.1886)
- Date
- 1886-03-02
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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146 aller Völker und es sehen alle Enden der Erde die Hülfe unseres Gottes." So beziehet der Prophet alle vergangenen und zukünftigen Ereignisse, die Israel betreffen, auf den letzten Endzweck, die Erleuchtung aller Völker, die Einigung aller Nationen in der Erkenntniß und Anbetung des einig einzigen Gottes. Aber der Contrast zwischen dem Jetzt der Exulirten und dem verkündeten Einst war zu groß, und deshalb schreitet der Prophet zu noch näherer Erklärung, zu dem berühmten und viel gedeuteten Stücke 52, 13--53, 12. Wir haben im Jahrgang 1882 eine ausführliche Abhandlung über diese Rede veröffentlicht (Seite 697, 729, 779, 797) und auf dieselbe verweisend, gestatten wir uns, folgende das Wesentliche darstellende Worte zu citiren. „In seiner tiefgehenden Ueberzeugung von der Göttlichkeit der religiösen Idee, wie sie Israel übergeben war und trotz Allem in ihm die wechselnden Geschicke überlebt hatte, sah er Israel nicht mehr blos als Träger dieser Idee und diese in den engen Kreis der Nation eingeschlossen an, sondern erkannte sie als bestimmt, alle Menschenvölker zu durchdringen und sie zur Anbetung des wahrhaftigen, einzigen Gottes, des Schöpfers der Himmel und der Erden, des Leiters aller Geschicke des Menschengeschlechtes zu führen. Ihm erschien nun Israel als das Werkzeug Gottes, durch welches dieses große Ziel der menschengeschlechtlichen Bereinigung in Gott bewirkt werden sollte. All' das Unheil, das Israel seines Abfalls und seiner Versündigung wegen getroffen, die Zertrümmerung seines Reiches, die Zerstörung seiner Hauptstadt und seines Heiligthums, seine Verbannung, seine Knechtschaft, der schwere Druck, den es zu erleiden hatte, die Mißhandlung und Verachtung, die es erfuhr, alles dies mußte seine Rettung, seine Wiederherstellung, seine dereinstige Verherrlichung, in welcher der Prophet es in seiner Zukunft erblickte, nur um so wunderbarer machen, und um so einziger in der Geschichte der Völker, und um so klarer und offenkundiger als das unmittelbare Werk Gottes vor den Augen der Völker erscheinen lassen. Dies sah er daher als den Wendepunkt gn in der Entwickelung der Menschheit. Diese Rettung, Aufrichtung, Verherrlichung des so verachteten, dem Untergänge, dem Verschwinden so nahen Völkchens, vollbracht ohne eigenen Kraftaufwand, ohne Macht und Kampf, allein das Werk Gottes, mußte nach seiner Ansicht, den Völkern die Augen öffnen; dieses leuchtende Beispiel des göttlichen Willens und seiner Vollstreckung allen feindlichen Mächten gegenüber mußte sie zur Erkenntniß Gottes, zu dessen Anbetung, zum Anschluß an das wieder hergestellte und triumphirende Israel führen. Sie, die Nationen, mußten erkennen, daß alle diese wunderbaren Vorgänge, die allen sonstigen Erscheinungen in der Menschenwelt widersprachen, nur zu ihrem Heile, zu ihrer Belehrung, zu ihrer Erhebung aus dem Pfuhle des Götzendienstes und der Unsittlichkeit, des Unrechts und der Gewaltthätigkeit geschehen seien; sie mußten einsehen, daß Israel ihnen zum Borbilde, zur Verwarnung, zur Belehrung dienen sollte, daß sie an ihm und durch dasselbe zur Erkenntniß und Läuterung kommen sollten; daß Israel für sie gestraft worden, gelitten habe, und wieder aufgerichtet worden, damit sie, die Völker, die Wahrheit und das Recht kennen lernten, geheilt und zum höchsten Ziele geführt werden." — Wir glauben, daß, wenn man auf diese Erklärung hin diese Rede des Propheten liest, jedes Wort derselben in seinem rechten Lichte erscheinen wird. Nur die Bemerkung wollen wir noch hinzufügen, daß der Prophet nicht aussagt: die Völker würden durch die Leiden Israels — also die eines Dritten — erlöst und ihrer Schuldhaftigkeit frei, sondern daß sie durch die Leiden und Errettung Israels erleuchtet, zur Erkenntniß und zur Versittlichung kommen. In den übrigen Reden des zweiten Abschnittes schildert deshalb der Prophet die zukünftige Größe Israels mit Hellen Farben, doch immer im Verein mit anderen Völkern: Israel wird „der Führer der Völker" sein; „sieh, Völker die du nicht kennest, rufst du herbei und Völker, die dich nicht kennen, eilen dir zu um des Ewigen deines Gottes willen." (55, 5.) Um so mehr ermahnt der Prophet Israel, strenge Gerechtigkeit zu üben, um der nahen Hülfe Gottes theilhaftig zu sein (56, 1.) Aber auch hier fügt er hinzu (V. 3.): „Darob spreche nicht der Sohn der Fremde (td:- \2, also nicht das vielgedeutete ~j), der sich dem Ewigen anschließt, sprechend: ausschließen wird der Ewige mich — die Söhne der Fremde, die sich dem Ewigen anschließen, ihm zu dienen, zu lieben des Ewigen Namen, ihm zu Dienern zu sein, Jeglicher, der den Sabbath wahrt, ihn nicht entheiligend und die festhalten an meinem Bunde: die werde ich bringen zu meinem heiligen Berge und sie erfreuen in meinem Bethause: denn mein Haus wird ein Bethaus für alle Völker heißen." Um so entschiedener wendet er sich gegen den Götzendienst, welchem auch von den Exulirten so viele huldigten. Aber auch dies wird nicht davon abhalten, daß Gott sein Erbarmen über Israel ergehen lasse und es mit allen, die sich ihm anschließen, zum Frieden zu bringen: „Hehr und heilig throne ich, doch auch beim Zerknirschten und Geistesgebeugten, zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerknirschten, denn nicht auf ewig hadre ich und nicht auf immer zürne ich, wenn vor mir schmachtet der Geist und die Seelen, die ich geschaffen." Sehen wir nun, was der dritte, der letzte Abschnitt zu unserem Zwecke noch heran bringt. Nach den voraufgegangenen Verkündigungen und Belehrungen bleibt dem Propheten nur noch die Folgerungen zu ziehen. Die Zeit war vorgerückt; die Rückkehr beschlossen und gewiß; aber die Schaar, die sich zur Rückkehr bestimmte, war klein, und die größere Menge wollte in Babel Zurückbleiben. Daher unterscheidet der Pro-