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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-23 · Heft 9 (23.2.1886) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 9 (23.2.1886)
Date
1886-02-23
Page
Seite 142 (sequence 14)
Language
German
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H-> einen französischen Christen gehangen, der schon vor drei Monaten heinigekehrt war. „Aber er hat versprochen, sie nachzuholen..." „Reb Ephraim wollte Ebn Eschak 15,000 Mosonat geben, wenn er sie mit nach Tetuan nähme ..." „Es ist Mirjam, die Ruth aus dem Hause treibt — Mirjam läßt Ruth hungern ..." „Vielleicht hat das französische Schiff sie mitgenommen, das vorhin abging ..." So schwirrte es durcheinander. Eins schien mir sicher-, ob Furcht vor dem neuen Freier, oder Sehnsucht nach ihrem geliebten Franzosen — Verzweiflung hatte Ruth ins Elend getrieben. Arme Ruth! . . . Aber neben dem Mitleid regte sich auch die Zuversicht, daß Menah nun um so gewisser in den ruhigen Hafen der Ehe einlaufen werde. Ich trat zu Isaak: „Bitte, führen Sie Ebn Eschak her . . . Menah ist so schön geputzt — er muß sie doch sehen." Isaak, der schnell gelaufen, war auf einen Schemel gesunken und trocknete sich den Schweiß mit einem grünen Halstuch ab, was sein Gesicht einer Wiese ähnlich machte. Er erzählte, der Babuschenhändler habe sich zur Brautwahl in Ephraim's Hause eingefunden, sei aber davongelaufen, als er die Flucht Ruth's erfahren habe. Ich fürchtete, er werde aus Zorn unbeweibt nach Tetuan zurückkehren. „Sie müssen ihn durchaus auffinden und herbringen," redete ich Isaak zu; „er kann doch die Reise nicht umsonst gemacht haben!" Da erhob sich Isaak endlich und lief den Jüdinnen nach, die ihre Neugier anderweit befriedigen wollten. Nun waren wir allein ... da stand Menah. geschmückt, gesegnet und — vergessen; schöner noch in ihrer kindlichen Traurigkeit, als vorher. Das Leben war zum ersten Male mit seinem Ernst an sie herangetreten und hatte sie geweiht. Ohne zu klagen, legte sie Stück für Stück ihren vielbewunderten Schmuck ab. Wir brachten die Alte, welche nach der Aufregung jetzt stumpf und fühllos dalag, zur Ruh. Menah vermied zu reden — vermied fast mich anzusehen ... ich konnte mich nicht entschließen, sie allein zu lassen. Wir saßen eine Weile still neben einander. „Die arme Ruth - die arme Ruth!" fing Menah an. „Warum beklagst Du Ruth?" „Weil sie Sünde begangen hat; Reb Ephraim wird ihr fluchen - sie wird niemals glücklich werden —" „Wenn sie ihren Christen so lieb hat, wie Molly sagt, konnte sie Ebn Eschak doch nicht heirathen, auch wenn er sie gewählt hätte — meinst Du nicht?" Sie dachte lange darüber nach: „Ich könnte nicht ertragen, daß mir Jemand fluchte," sagte sie endlich sehhr leise. Die arme Ruth ... ich sah sie lebhaft vor mir, wie sie bei jenem Besuch von der „Sehnsucht" geredet, die sie noch „tödten" würde ... ich dachte an den zürnenden Propheten, Reb Ephraim, und die mißlaunige Mirjam . . . wollte Gott, daß der „Goi", den sie liebte, ein ehrlicher Christ wäre, der sie vor Verachtung in der Fremde schützte! . . . Die Großmutter schlief — es fing an zu dämmern und es war so still um uns, daß man einen Vogel draußen hätte fliegen hören. Ich wollte eben nach Hause gehen, als Schritte die Straße herauf kamen. Isaak trat ein, ein jüngerer Mann folgte — wir halten den Babuschenhändler vor uns. Menah wollte sich in ihrer kindlichen Rathlosigkeit hinter mir verbergen — sie zitterte, wie auch jeder europäische Backfisch in ähnlicher Lage gezittert haben würde. Ebn Eschak hatte keine schönen Züge, aber sein Auge gefiel mir; es hatte jenen schwermüthigen Ausdruck, der allerdings mehr im Schnitt und in der Beschattung durch lange Wimpern, als in geistiger Bedeutung zu suchen ist. Isaak nannte des Babuschiers Namen, ehe er uns verließ. Die Lage war für den Pantoffelhändler nicht ohne Schwierigkeit. Er stand auch da wie ein Schauspieler, der auf sein Stichwort wartet, und sah bald auf Menah, bald auf mich — indeß schien mir nicht, daß Letzteres in Bezug auf eine Wahl geschähe. „Sie haben eine weite Reise gemacht, SeLor, wollen Sie nicht Platz nehmen?" sagte ich und fühlte, daß wir nie ans Ziel kommen würden, wenn ich mich nicht der Situation bemächtigte. Ebn Eschak aber rührte sich nicht und beharrte mit orientalischem Phlegma in der oben erwähnten Beschäftigung. „Ich bin eine Freundin Menah's," fuhr ich etwas eindringlicher fort, „ach hätten Sie nur gesehen, wie reizend sie vorhin geschmückt war ..." „Nicht der Schmuck macht die Braut, sondern die Verlobung," sagte er jetzt mit einem Scharfsinn, der mich entzückte. Ich hätte ihm beinahe kräftig die Hand geschüttelt, aber ich besorgte, ihn durch „europäische" Manieren von dem schönen Ziele abzuwenden, das seine Worte andeuteten. Er hatte jetzt begonnen, Menah ausschließlich zu betrachten — lange Pause . . . Ich ergriff Menah's zitterndes, rothgeschminktes Händchen .. . „Sie bedarf auch keines Schmuckes — o, wenn Sie wüßten, wie ich sie schätzen lernte! Wer eine kranke Großmutter so geduldig pflegt — nie an eignes Vergnügen denkt — immer nur an die Pflicht ..." Er öffnete die schwermüthigen Augen weit und sah mich erstaunt an . . . Natürlich hatte er Recht, sich über meine Einmischung zu wundern, aber wir mußten doch endlich zum Schluß kommen ... ich faßte mir ein Herz.

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