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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-23 · Heft 9 (23.2.1886) · p. Seite 141

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 9 (23.2.1886)
Date
1886-02-23
Page
Seite 141 (sequence 13)
Language
German
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141 bildetste Element in seinem Reiche. Während das Verhältniß derjenigen, die schreiben und lesen können, bei der arabischen Bevölkerung nicht 5 "/y erreicht, erhebt es sich bei den Juden auf 95o/o. Die meisten Israeliten, die in Marokko geboren und erzogen sind, sprechen und schreiben geläufig mehrere Sprachen. Nach jeder Beziehung hin haben diese unglücklichen Unterdrückten ein Anrecht auf unseren Schutz. Drei europäische Großmächte: Frankreich, England und Deutschland, stehen gegenwärtig in Unterhandlung mit dem Sultan von Marokko wegen des Abschlusses eines neuen Vertrages; wir hoffen, daß ein ausdrücklicher Paragraph dieses Vertrages den Verfolgten von Demnat und Marackesch das Recht garantiren wird, einfach wie Menschen behandelt zu werden. Bonn, 14. Febr. (Notizen.) Man schreibt aus Krakau vom 8. Februar: Der aus dem Proeesse Ritter bekannte der Ermordung der Franeiska Minch mitbeschuldigte Marzell Strochlinski ist gestorben. — Aus Graz wird geschrieben: Die hiesige israelitische Cultus-Gemeinde hat vom k. k. Finanzministerium die Bewilligung erlangt, eine Effecten-Lotterie zu Gunsten der Errichtung einer Synagoge in Graz, des ersten israelitischen Gotteshauses in der Steiermark, ins Werk zu setzen. Aeuil Menah's Hochzeit. Episode aus einer Afrikareise. Bon Clara Biller. (Fortsetzung. Eine Karavane hatte Ebn Eschak, den gut situirten Hebräer, von Tetuan gebracht. Am nächsten Tage half ich; Wally, unsre kleine Menah zur Brautschau anziehen. Mein 1 Wirth hatte die schönsten Granatblüthen gespendet, aber das Ziegelroth der geschminkten Finger verdarb leider den Effect! der herrlichen Blüthen. Menah Hütte eher einen Vorderzahn geopfert, als das abscheuliche Hennah. Was jedoch kein Roth ' verderben konnte, das war der Liebreiz ihres Wesens und der wechselnde Ausdruck ihrer goldbraunen Augen. Bald glitt ein Lächeln freudiger Erwartung darüber hin, das sich dem ganzen feingeschnittenen Gesichtchen mittheilte und bret oder vier Grübchen weckte. Bald verdunkelte sie Furcht vor dem unbekannten Werber. Dann zuckte die Lippe und von den Wimpern tropften langsam ein paar schwere Tropfen — bis irgend ein aufmunterndes Wort die Wolke verscheuchte und einen neuen Sonnenblick hervorrief. Ich war ganz siegesgewiß. Kein Mädchen von Juda mit pathetischen Augen war zu fürchten, wo ein Pantoffelhändler die Wahl hattte. Denn welcher Pantoffelhändler hätte sich neben der tragischen Muse, Ruth, zu Tisch setzen können, ohne daß ihm kalte Schauer über den Rücken liefen? Selbst die Judenfrauen, welche aus der Nachbarschaft zusammengelaufen waren, glaubten an Menah's Sieg. Als die Stunde nahte, wo Isaak sie 511 den Eltern Ruth's führen sollte, wurde Menah von der blinden Großlnutter gesegnet. Es kam uns vor, als ob ein Strahl des Bewußtseins sie durchleuchte. Molly führte die zitternde leton. Hand, bis sie den Scheitel der Knieenden berührte, unb sprach leise die rituellen Segensworte, welche die Alte noch leiser wiederholte. Wir waren Alle tief bewegt. Ach — wie wünsche ich — und das wünsche ich ihr noch heute übers Meer! — daß dieser Segen sich der armen Verwaisten wirksam erweise .... Isaak blieb lange aus — man wurde ungeduldig. Bei dem kleinsten Geräusch stürzten die Jüdinnen heraus und herein; sie hatten alle möglichen Vermuthungen, von denen sie keine auf den Herzen behielten, und Menah mit den schrecklichstell quälten. Einmal schloß ich die Thür, als Alle auf die Straße gelaufen waren, und eine Weile hatten wir Frieden. Nun wurde die Großmutter unruhig. Ihre stumpfen Sinne waren durch die Aufregung geschärft worden; sie wollte wissen, was vorging, und verlangte bald aufgerichtet zu werden, bald zu liegen. Menah war die Einzige, die geduldig und unermüdlich auf ihre Wünsche achtete, obwohl sie sehr bewegt schien. Ich merkte, wie das Glas in ihrer Hand zitterte und die Augen immer nach der Thür flogeu. Auf einmal wurde diese fast gestürmt — Isaak war gekommen. Alles wollte zu gleicher Zeit herein; sie gestikulirten und lamentirten . . . etwas Außerordentliches mußte geschehen sein — Jsaak's Miene verrieth eine schlimme Botschaft, als er sich endlich durchgearbeitet hatte. „Gott, Gerechter — Isaak, was ist geschehen!" schrie Molly. Aber ehe er noch zu Wort kam, errieth ich, daß es sich um Ruth handle. „Ruth ist fort! Wir haben sie gesucht eine Stunde im Hause der Eltern und in der Gemeinde. Mirjam sagt, sie sei geflohen zu ihrem Goi. Der Zorn Adonai's wird sie treffen!" rief er. Jetzt behauptete Jede, daß sie längst gewußt, es werde mit Ruth ein solches Ende nehmen. Ruth hatte sich an

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