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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-23 · Heft 9 (23.2.1886) · p. Seite 140

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 9 (23.2.1886)
Date
1886-02-23
Page
Seite 140 (sequence 12)
Language
German
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140 teresse des Staates, dieselben aus ihrer Jsolirtheit zu befreien,! um einst für das ganze Reich daraus Vortheil erzielen zu j können? Wenn einmal die Juden überall im Reiche frei sein; und dieselben Rechte wie die übrigen Unterthanen genießen! werden, so wird diese intelligente und arbeitsame Race sich in Rußland ebenso nützlich erweisen wie sie zum Beispiel in Frankreich und England ist und wird sicherlich die ihr bei uns stets gemachten Vorwürfe zu Schanden machen. Natürlich könnte ein solcher Umschwung nur allmählig vor sich gehen. Die von der Elite der Provinz-Administratoren vorgeschlagenen Maßregeln zur Juden-Emanzipation in diesem Sinne sind daher, es möge der „Nowoje Wremja" gefallen oder nicht, weise und vernünftig. Diese Aeußerungen des offiziösen Blattes sind jedenfalls von Bedeutung. Denn wenn sie auch noch nicht den Werth bereits beschlossener Maßregeln haben, so zeigen sie doch, daß in den Regierungskreisen eine günstige Strömung vorhanden ist, und daß die Antisemiten die bis jetzt fast allein das Wort führen, an Terrain verloren haben. Mazedonien. Salonichi, 16. Januar. Der Pariser „Temps" vom 27. Januar enthält von seinem Specialcorrespondenten einen Bericht über die Stimmung der christlichen und der jüdischen Bewohner dieser Hafen- und Handelsstadt, welche jetzt über 200,000 Einwohner zählt. Daß die türkische Herrschaft auf die christliche Bevölkerung, die griechische wie die bulgarische, nicht rechnen darf, wenn irgend ein Conflict entsteht, setzt Jedermann voraus. Aber die Bulgaren und Griechen sind unter einander verfeindet, und es finden allzuoft blutige Schlägereien zwischen den griechischen Matrosen und Hafenarbeitern und den bulgarischen statt, welche nur durch die Dazwischenkunft der türkischen Polizei unterdrückt werden konnten. Die bulgarische Bevölkerung überhaupt ist erst in geringem Maße civilisirt und flößt daher den übrigen Theilen der Einwohnerschaft kein Vertrauen ein. Der Correspondent fährt fort: „Was die Israeliten betrifft, die seit undenklicher Zeit ausschließlich in den Städten der europäischen Türkei sich niedergelassen und welchen ihre persönlichen Glücksgüter und ihre Zahl eine Achtung verschafft haben, die ihre Glaubensgenossen in Nordafrika niemals erlangen werden, so haben sie sich Alle, ohne Ausnahme, offen für die Erhaltung des stntu c[uo ausgesprochen. Einige haben selbst die Initiative ergriffen, öffentliche Subskriptionen in ganz Macedonien zu eröffnen, um den Soldaten der türkischen Armee zu Hülfe zu kommen. Die durch die Israeliten aller Stände Unterzeichneten Summen haben bereits eine überraschende Höhe erreicht und wachsen täglich an. Es ist besonders im israelitischen Elemente, daß die Idee einer Veränderung der Herrschaft mit Entschiedenheit zurückgewiesen wird und daß man, vielleicht mehr als Europa denkt, fürchtet, die Oesterreicher würden eines Tages die Besitzer dieser herrlichen Gegend. Im Allgemeineil flößt Oesterreich-Ungarn den maeedonischen Bevölkerungen keine Sympathie ein. Die Resultate in Bosnien ermuthigeu die verschiedenen Volkselemente Macedoniens nicht, die Besitzergreifung seitens Oesterreich-Ungarns zu wünschen. - Weiterhin berichtet der Correspondent: Seit einiger Zeit vollzieht sich in der jüdischen Bevölkerung von Salonichi eine religiöse Entwickelung, welche be erkt zu werden verdient. In einem meiner früheren Berichte theilte ich Ihnen mit, daß die jüdischen Kinder in Macedonien den niederen und den höheren Unterricht, der ihnen in den öffentlichen Schulen ertheilt wird, ausschließlich in französischer Sprache erhalten. Nun, diese ungemein freisinnige Erziehung scheint in Betreff der Gewissensfreiheit der Juden schon viel mehr gewirkt zu haben, als die vereinten Bemühungen des Consistoriums und des großen hebräischen Chacham von Salonichi. In der That hatten sich die Türken, indem sie die macedonische Dynastie der Seleuciden nachahmten, welche dahingekommen war, eine große Anzahl der Juden zu hellenisiren, seit der Eroberung von Salonichi durch Amurat, sich bestrebt, diese Classe der Rajas, die von Natur geschmeidig und furchtsam ist, zum Islam zu bekehren. Aber bei dem ersten Nachlassen religiöser Verfolgung, welche hier, wie ich glaube, seit dem Krimkriege datirt, hatten einige Israeliten — Renegaten oder Söhne von Renegaten — die hier veuinnes genannt werden — begonnen, im Geheimen jüdische Ceremonien auszuüben. Heute kehren diese Apostaten, welche die Türken durchaus nicht unterdrücken, in Menge zur mosaischen Religion zurück und man kann voraussehen, daß in Kurzem die maeedonischen Israeliten keinen einzigen Renegaten mehr unter sich haben werden. — (Wenn der Correspondent oben von den günstigen Vermögensverhältnissen der Juden in Salonichi spricht, kann er nur einen kleinen Theil derselben im Auge haben, denn der größere Theil der ca. 30,000 Juden dieser Stadt ist arm, Lastttäger, Haseuarbeiter und Schiffer, die z. B. bei der Entladung der Seeschiffe fast allein I beschäftigt sind, wie wir früher aus zuverlässigen Mittheilungen | berichten. > Marokko. Paris, im Febr. Das XIX Siede enthält über Marokko leinen Artikeln von Herrn St. Juirs, dessen Schluß folgen-; dermaßen lautet: Hervorzuheben ist, daß die jüdische Bevölkerung von j Marokko voll friedlicher Gesinnung ist, und daß man ihr! keinerlei Enipörungsversuch gegen den Sultan und seine Ber- | tretet vorwerfen tann. Nicht allein sind die Israeliten die I fügsamsten Unterthanen Sr. Scheriff'schen Majestät, sondern sie repräsentiren auch das intelligenteste, thätigste und ge-

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