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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-23 · Heft 9 (23.2.1886) · p. Seite 138

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 9 (23.2.1886)
Date
1886-02-23
Page
Seite 138 (sequence 10)
Language
German
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macht haben, so wären ihm viele aufregende Wahlkämpfe erspart geblieben, die sich jedesmal erneuerten, so oft sein Mandat als Präsident der Handelskammer oder als galizischer Reichsraths-Abgeordneter abgelaufen war. Blieb aber Kallir den polnischen Velleitäten ferne, so bekundete er nichtsdestoweniger die lebhafteste Fürsorge für die materiellen und geistigen Interessen Galiziens. Besonders eifrig verfocht er die Handels- Interessen Brodys, und selbst seine politischen Gegner haben ihm das Zeugniß nicht versagt, daß er die ihm anvertrauten Mandate stets mit vollster Selbstlosigkeit und immer den Sinn auf das Gemeinnützige und auf die Wohlfahrt der von ihm vertretenen Kreise gerichtet ausgeübt hat. Dies hinderte allerdings nicht, daß er von seinen polnischen Gegnern, denen eine deutsche Handelskammer in Brody stets ein Dorn im Auge gewesen, bei der letzten Präsidentenwahl, als er schon mit schweren physischen Leiden kämpfte, zu Falle gebracht wurde. Kallir war als junger Mann von 21 Jahren in das Geschäft seines Vaters eingetreten, welches er seither leitete. Im Jahre 1870 wurde er von der Stadt Brody in den galizischen Landtag und bei den ersten direkten Reichsrathswahlen von der dortigen Handelskammer in das Abgeordnetenhaus gewählt, wo er sich der Verfassungspartei anschloß. Kallir trat zwar selten öffentlich als Redner auf, entwickelte aber bei der Berathung wirthschaftlicher Fragen in den Ausschüssen eine lobenswürdige Thätigkeit. Auch bei den Neuwahlen in den Jahren 1879 und 1885 wurde Kallir wieder von der Handelskammer zu Brody in den Reichsrath entsendet. Seitdem er die parlamentarische Laufbahn eingeschlagen, wendete er seine Aufmerksamkeit vornehmlich den commerziellen Angelegenheiten Galiziens und speziell seiner Vaterstadt zu und überließ die eigentliche Führung des Bankgeschäftes seinen Verwandten in Wien. Seit einem Decennium schon war Kallir von einem Nierenleiden befallen worden, das im Frühling vorigen Jahres so heftig auftrat, daß seine Familie Herrn Professor Dittel nach Brody berief, welcher nur momentane Linderung der Schmerzen schaffen konnte. Schwer leidend, kam Kallir im September vorigen Jahres nach Wien und nahm auch noch, trotz seines bedenklichen Zustandes, an einigen wichtigen Abstimmungen des Abgeordnetenhauses theil. Pest, 30. Jan. (Privatmitth.) Der Antisemitismus ist, wie in Deutschland, so auch in Ungarn im Niedergange. Die Antisemiten im Reichstage sind auf einige Wenige znsammengeschmolzen, und diese machen sich bei jeder Gelegenheit lächerlich. Das mußte in der heutigen Sitzung des Abgeordnetenhauses selbst Otto Hermann zugeben, der bekanntlich der Antisemitenpartei früher nicht fern stand. „Ich habe die Erfahrung gemacht," sagte Hermann am Schluffe seiner heutigen Rede, „daß es in letzter Zeit kaum einen Berathungsgegenstand in diesem Hause giebt, welcher nicht von Seite gewisser Abgeordneten mit den Juden in Zusammenhang gebracht würde. Gestern haben wir bei Gelegenheit der Rede des Herrn Abgeordneten Franz Komlössy wieder staunend gesehen, in wie vielfacher Weise man die Juden in die Debatte ziehen kann. Da ich in dieser Frage im verflossenen Jahre einen prinzipiellen Standpunkt eingenommen habe, muß ich vor Allem gestehen, daß es der Würde der Gesetzgebung nicht gerade zum Vortheil gereicht, wenn ohne Wirkung und ohne Erfolg gewisse Qualitäten jeden Augenblick in die Debatte gezogen werden. Ich achte die Meinung, das Streben eines Jeden, so lange er gewisse Grenzen respektirt. Jndeß glaube ich, daß die Herren, die immer wieder mit dieser Frage kommen, doch die Erfahrung gemacht haben müssen, daß je öfter sie mit diesen Dingen kommen, desto geringer die Wirkung ist, die sie erzielen (Zustimmung links); daß sie also doch in sich gehen sollten und in Erwägung ziehen, daß, indem sie hier fortwährend die Schädlichkeit eines Elementes demonstriren, sie doch dem Hause die Mittel angeben sollen, wie sie sich die Lösung denken. Baron Andreunßky: Unsere Adresse! Otto Hermann: Ich möchte den Herren Eines sagen. (Hört!) Es hat in Ungarn Ereignisse gegeben, während welcher die sogenannte Judenfrage kräftig pulsirte und die Gemüther in eine allgemeine Bewegung brachte. Ich will jetzt auf die Motoren jener Erscheinung nicht eingehen, sondern nur konstatiren, daß jene Ereignisse die Folge hatten, daß die Betreffenden, die sich als Antisemiten bekannten, sich veranlaßt sahen, fortwährend hochtönende Superlative anzuwenden. Ich will es nicht versuchen, diese Superlative vor dem geehrten Hause zu analysiren, sondern nur auf Eines Hinweisen. Es hat einmal in Ungarn eine Epoche gegeben (Hört!), in welcher ein gewisser Theil der Presse dem Ministerium Lönyay gegenüber sich so scharfer Ausdrücke bediente, daß diese Blätter am vierten Tage schon keine kräftigeren Ausdrücke fanden, als jene, deren sie sich drei Tage hindurch bedient hatten. Die erste Anwendung dieser Ausdrücke hat die Leser verblüfft, die Sache machte große Wirkung; am zweiten Tage versetzte sie die Leute in Nachdenken, am dritten Tage in Zweifel, am vierten Tage brachte sie lautes Gelächter hervor. (Eine Stimme: Das Ministerium Lönyay ist aber gefallen! Hört!) Ich frage nun, was kann man nach alldem, was wir da gehört haben, an starken Ausdrücken noch hervorbringen? Ich kann mir keine Wirkung vorstellen, welche den Gang nimmt, daß zuerst die Abschaffung der Emanzipation und hernach die Besteuerung der Gänsefette gefordert wird. (Heiterkeit links.) Das ist ein solches Mißverhältniß, mit welchem man ernste soziale Fragen nicht lösen kann; und dies ist eine ernste soziale Frage, die, wenn nicht jetzt, so doch später gelöst werden muß. Ich bitte also

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