Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 9 (23.2.1886)
- Date
- 1886-02-23
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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185 vom letzten Freitag ganz besonders veranlaßt. In derselben wollte G. Cremer über die Polendebatte, Stöcker über die Reichstagsmajorität und Wagner über nationale Politik sprechen. Stöcker, der sich, wie man wissen wird, in der Polenfrage, im Reichstag wie im Landtag, hübsch fein ausgeschwiegen hatte, scheint sich auch jetzt nicht haben engagiren zu wollen, denn er verreiste auf einige Tage. Cremer dagegen sprach. Wir fühlen uns nicht veranlaßt, seiner Rede so viel Ehre anzuthun, um sie in dieser Zeitung zu kritisiren. Er sprach beständig von seinen Sympathien für die Polen und brachte nichts dafür bei, was zur Rechtfertigung der Maßregel gegen die Polen gedient hätte. Als alles dieses nicht recht verfangen wollte, kam der Herr auf die Inden — und nun war er der erfolgreichste Redner, und der alte Faden war wieder angeknüpft und konnte weitergesponnen werden. Und das Ende vom Liede? Appel an die Anwesenden, gewiß einen Antisemiten-Konservativen in den Reichstag zu wählen. Unter den Anwesenden waren, wie ein Blick belehrte, 7/s Nichtwähler! Bisum teneatis! —. Eine Kleinigkeit aus dem liebenswürdigen Berliner Volksleben! Drei halbwüchsige Burschen. Koch, Klapper und Stint, hatten sich gestern vor der 91. Abtheilung des Schöffengerichts wegen eines Straßenexcesses zu verantworten, den sie ihrer antisemitischen Gesinnung zugeschrieben haben wollten. Am 13. Januar rempelten die Angeklagten in der Gollnowstraße ohne alle Veranlassung Jeden an, den sie für einen Juden hielten. Der Kürschner Köppen wurde Augenzeuge, als die Burschen einem jüdischen Herrn den Hut vom Kopfe schlugen, und suchte denselben zu schützen. Sofort wandten sich jene gegen ihn und mit den Worten: „Das ist erst ein echter Jude, das sieht man gleich!" stürzten sie auf ihn zu. Zum Glück für Köppen kamen in diesem Augenblicke mehrere Schutzleute herbeigeeilt. Aber erst nach heftiger Gegenwehr gelang es, die Burschen dingfest zu machen. Da einige der betheiligten Schutzleute gestern verhindert waren, zum Termin zu erscheinen, so konnte gegen die Angeklagten nur wegen Unfugs und Beleidigung verhandelt werden; sie wurden hierfür mit je einer Woche Gefängniß belegt. Wegen des Widerstandes gegen die Staatsgewalt werden sie demnächst in einem neuen Termine Rede stehen müssen. Berlin, 9. Febr. (Privatmitth.) Ein Rückblick auf eine vergangene Zeit ist oft recht nützlich, da Vergleichung mit der Gegenwart da nicht ausbleibt, und die Frage, sind wir vorwärts gekommen? eigenthümlich beleuchtet wird. Vor Kurzem erschien eine verdienstvolle Arbeit: „Abhandlungen und Aktenstücke zur Geschichte der preußischen Reformzeit" 1807 — 1815 von Alfred Stern. (Leipzig, Dunker und Humblot.) Unter diesen Abhandlungen zieht unsre Aufnierksamkeit auf sich „die Entstehungsgeschichte des Edikts vom II. März 1812", das feindlich gegen das Judenthum, aber freundlich gegen die Juden war, und das nach 1815 wieder in wesentlichen Stücken zurückgenommen wurde. Und wie muß man heute erstaunen, wenn man diejenigen kennen lernt, welche in jener Zeit am weitesten gingen. Die Sektion für Cultus und öffentlichen Unterricht verlangte, „daß die Gleichstellung aller Bürgerrechte und Bürgerpflichten zwischen Christen und Juden vollkommen und unbedingt sogleich eintreten müsse." Die Sektion verwahrte sich „feierlichst" dagegen, „daß, wenn die Juden von Staatsämtern ausgeschlossen werden, sie dann auch nicht zu akademischen Lehr- und anderen öffentlichen Schulämtern zugelassen werden." Auch verwarf sie alle Beschränkungen in Bezug auf Gewerbeverhältnisse. Diese Sektion erhob sich am höchsten über die Anschauungen der Vergangenheit, und zur Seite trat ihr in mehreren Hauptfragen das — Kriegsministerium. Der Staatskanzler hatte die bestimmte Erklärung abgegeben, es seien „die Juden unbedingt den Christen in allen ihren Rechten und Verhältnissen gleich zu stellen." Und noch eins, was in unfern Tagen heraus zu heben nützlich ist. Nach dem letzten Entwürfe sollte keinem Juden ferner der Trödelkram erlaubt sein. Der Justizminister fand dies zu hart und in Berlin nicht ausführbar, wenn — 50 Familien (nicht Tausende!) aus dem Lande gejagt werden sollen! Er legte auch sein Fürwort ein für die vielen Hunderte seit vielen Jahren bereits als Dienstboten, Schullehrer, Diener u. s. w. im Lande lebenden vergeleiteten fremden Juden, auf die im Entwurf keine Rücksicht genommen war. „Sollen," rief der Justizminister aus, „diese unglücklichen Menschen über die Grenze gebracht werden? Oder würde es nicht human sein, den status quo zu respektiren?" Aber es sind schon 73 Jahre her, als ein Minister so sprach. Unsere „Fortschritte" sehen oft so eigenartig aus, wie in der verkehrten Welt. Berlin, 11. Februar. (Privatmitth.) Der Deutsch- Israelitische Gemeindebund hat ein „Statistisches Jahrbuch für 1885" herausgegeben. In demselben sind die israelitischen Gemeinden und in Deutschland nach den Staaten, Provinzen, Regierungsbezirken alphabetisch aufgeführt, die Rabbiner, Lehrer und Kantoren derselben namhaft gemacht. Es hat dem Ausschüsse nicht geringe Mühe verursacht, diese, schon von Beginn des Gemeindebundes geplanten statistischen Zusammenstellungen zu Stande zu bringen. Berichtigungen und Mittheilungen von Veränderungen werden vom Bureau, Berlin W. Siegismundstraße 5, mit Dank entgegengenommen. Wir haben uns aus diesem statistischen Material die Gemeinden notirt, in welchen orthodoxe Separatgemeinden bestehen, um über den Erfolg des Austrittsgesetzes eine richtige Vorstellung zu erlangen. Da fanden wir denn solche in Königsberg i. Pr., Berlin, Frankfurt a. M., Wiesbaden, Köln, Trier, Karlsruhe, Darmstadt, Mainz, Bingen. Unter den Tausenden jüdischer Ge-