Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 9 (23.2.1886)
- Date
- 1886-02-23
- Page
- Seite 134 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Den früheren Bearbeitern konnte es nicht entgehen, daß dieser Vers mit ihrer Behauptung in vollem Widerspruche stehe, und suchten sie deshalb auf mancherlei Wegen eine Ausgleichung zu finden. Der Vers, widerlegt alle diese Versuche aufs Gründlichste, da das einfache Wort des Philosophen doch nur „Einen Gott als den größten unter den Göttern und Menschen" bezeichnet. Hierzu kommen nun noch andere Fragmente, namentlich das 21., in welchem uns der Schluß des Gedichtes vorliegt, und in welchem Xenophanes ermahnt, „nicht von den Kämpfen der Titanen und Giganten und nicht von den Dingen der Centauren zu reden, Erdichtungen der Vorzeit, Lhörichten Fabeln, die keinerlei Nutzen bringen, hingegen den Göttern rechte Verehrung immer zu bezeigen." Hier ist also das Bestehen vieler Götter ausdrücklich anerkannt und der steten und rechten Verehrung derselben das Wort geredet. Nachdem nun Dr. F. die Fragmente in dieser Beziehung kritisirt hat, geht er noch sämmtliche anderweitige Berichte in der klassischen Literatur über die Meinungen des L'enophanes genau durch und prüft ebenso ihre Glaubwürdigkeit wie ihren Inhalt. Er thut dann Ausblicke aus die übrigen griechischen Philosophen und deren Compromisse zwischen philosophischer Ketzerei und religiöser Ueberlieferung. Sein Resultat spricht er (S. 16.) folgendermaßen aus: „Wohl aber geht aus den angeführten und zahlreichen anderen Beispielen hervor, daß die Leugnung der volksthümlichen Anschauungen von den Göttern die griechische Philosophie noch nicht zu strengem Monotheismus geführt, daß die klar erkannte Nothwendigkeit, alle Kräfte der Natur auf eine ursprüngliche Einheit zu beziehen, die Annahme einer Göttervielheit nicht ausgeschlossen hat. Weil diese Einheit nicht in einem persönlichen Gotte erkannt, sondern als eine unpersönlich wirkende Kraft, als ein O'slov angesehen wurde, dessen un^stimmte Wesenheit nach keiner Seite hin scharf abgegrenzt war, konnte man aus dieser Urgottheit andere Einzelgötter wieder hervorgehen lassen und so eine Vereinigung von Pantheismus und Polytheismus schaffen, die uns oft räthselhaft erscheint, die aber antiker Anschauung vollkommen entspricht." Dr. F. erörtert dieses Resultat noch weiterhin und so finden wir in seiner Abhandlung, die er mit gelehrten Noten in einem Anhang versehen hat, viel mehr als der Titel verspricht. Hoffen wir, daß seine Auslassungen eine allgemeine Würdigung bei den Gelehrten finden und die Halbgelehrten bestimmen werden, nicht so oberflächliche Behauptungen aufzustellen, wie es Herr Dr. Otto Henne-am Rhyn jüngst gethan. — l) *) Prof. Dr. Freudenthal hat also erwiesen, daß die griechischen Philosophen ihren Pantheismus oder Atheismus nicht scharf vorn Polytheismus trennten und diesem letzteren immer Raum genug be. wahrten. Wir, in unserer Abhandlung, hatten bei der Aufstellung des Resultats viel mehr die Spekulationen der griechischen Philosophen im Auge und sagten deshalb (S. 200): „Blicken wir aus unfern eigentlichen Gegenstand, die Lehre von Gott, so ist es ersichtlich, daß die Griechen eigentlich sich die Welt nur in deren gegenwärtiger Gestalt geschaffen zu denken vermochten, daß sie daher allesammt eine Unerschaffenheit, eine Ewigkeit der Materie, des Raumes, der Bewegung annehmen und nun entweder — und dies sind die Meisten — Welt und Gott identifizirten, demnach pantheistisch in der Materie zugleich die bewegende, d. h. bildende Kraft annahrnen, oder irgend ein Element als das bildende, das auf die übrigen Elemente bildend einwirkende betrachteten, oder den bewegenden, bildenden Geist in alle Dinge vertheilt hielten, oder wenn sie Materie und Gott unterschieden undGott außerweltlich begriffen, doch die Materie für ebenso ewig hielten wie Gott und deshalb nach einem dritten, nach irgend einem Medium suchten, daß diesem Gott die Schöpfung der Welt aus der vorhandenen Materie möglich machte, so Anaxagoras, Plato, Aristoteles. Hierüber hinaus kamen sie nicht; und da sie nun aus dieser Wurzel sich ihren Gott herauskonstruirten, so waren sie im Grunde entweder versteckt oder offenbar gottesleugnerisch, oder die Gottheit ward ihnen zu einem leeren spekulativen Begriff oder sie mußten, unl sich ihren Gott zu beleben, ihre Spekulation bei Seite lassen, und mit vollem Herzen und warmer Phantasie, wie Plato, die Gottheit mit ethischen und ästhetischen Gedanken füllen, wenn sie auch mit der Spekulation in gar keinem Zusammenhänge standen." Deutschland. Berlin, 7. Februar. (Privatmitth.) H. Wer es unternimmt, einigen Versammlungen der „Berliner Konservativen" beizuwohnen, der wird bald die Bemerkung machen, daß alle über einen Leisten geschlagen sind, mag das Thema, das die Einberufung veranlaßt, lauten wie es will. Sachliches wird in diesen Versammlungen nicht verhandelt; versucht dieß einmal ein Redner, so kommt er bald wieder davon ab, denn die Versammlung, die zum größten Theil hergekommen ist, um — wie der Berliner sagt — Radau zu machen, und die zur Hälfte aus Studenten besteht, die sich belustigen wollen, ist dabei karg mit ihrem Beifall. Da kommt dann immer derselbe Kniff: eine Schmähung auf die Juden, und nur ein j solcher Redner findet warmen Anklang. Weiß er gar nichts 1 $u sprechen, so bringt er einfach den alten, aufgewärmten Kohl des Antisemitismus: Wo die Begriffe fehlen, da stellt zur rechten Zeit ein Schmähwort sich ein. Aus der Schaar der akademischen Jünglinge, „die wir hinter uns haben" — wie G. Cremer in einer Versammlung am letzten Freitag mit Emphase und unter Anlehnung an einen Kollegen im Parlament ausrief, ertönten spöttische Zurufe, die dem Gebiete der ^utisemitioa entnommen sind. Und nun befindet sich die Versammlung in ihrem Element. Zu den im vorstehenden gemachten Bemerkungen sahen wir uns wieder durch die oben schon erwähnte Versammlung