Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1886)
- Date
- 1886-02-16
- Page
- Seite 123 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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123 Am Montag den 23. December um 12 Uhr Mittags erschien in der Wohnung des Jubilars ein Beamter, der ihm im Namen des Generalgouverneurs v. Roop dessen Glückwünsche überbrachte. Namens der Stadt begrüßten und beglückwünschten ihn der Bürgermeister Geheimrath Marasly und der Stadtrath Chary. Auch der frühere Generalgouverneur, der einzige Ehrenbürger unserer Stadt, der humane und hochverehrte 90jährige Generaladjutant Graf Stroganoff erinnerte sich des Festtages des Rabbiners und sendete ihm einen Glückwunsch. Unter den Hunderten von Personen, welche kamen, ihre Glückwünsche darzubringen, sahen wir auch mehrere christliche Freunde des Jubilars. Gegen 1 Uhr versammelten sich die Vorstände sämmtlicher Synagogen, das Rabbinat, die Cantoren, Vertreter sämmtlicher Wohlthätigkeitsanstalten und verschiedener Vereine. Der Jubilar empfing stehend die verschiedenen Deputirten, die Adressen brachten, und war sichtlich erregt. Seine Brust war mit zwei Orden und mit dem Ehrenzeichen des „Rothen Kreuzes" geschmückt. Im Ganzen wurden ihm 16 Adressen überreicht. — Der Erste, der den Jubilar in deutscher Sprache im Namen der Gemeinde begrüßte, war der Aelteste in der Gemeinde, Herr vr. Dreh. Die hebräische Adresse verlas der bekannte jüdische Schriftsteller Abramowitsch, die russische Uebersetzung Collegienrath vr. Margoulies. Die Adresse der hiesigen Gemeinde, mit Hunderten von Unterschriften bedeckt, war in einer prachtvollen Mappe von blauem Sammt mit einem massiven silbernen Mensel und mit einem silbernen Lorbeerkranz geschmückt. In der Adresse, die vorzüglich abgefaßt ist, wird auf die Verdienste des Jubilars hingewiesen, und namentlich hervorgehoben, daß seiner Initiative die Entstehung der Handwerkerschule „ Trud" zu verdanken ist. Weiter wird erwähnt, daß er den ersten Baustein zu dem jetzt in der Blüthe stehenden Waisenhause gelegt hat; ferner, daß er seinen Blick auf das traurige Loos der armen Wöchnerinnen wendete und die Gemeinde veranlaßte, ihnen eine Zufluchtsstätte zu gründen. Endlich wird auch darauf hin gewiesen, daß aus der gediegenen Feder des vr. Schwabacher viele Schriften hervorgingen, die nicht nur einen moralischen Nutzen der Gemeinde, sondern auch eine materielle Unterstützung der Talmud-Thora und anderen Wohlthätigkeitsanstalten brachten, da der Jubilar den Erlös derselben diesen Instituten zuführte. Mit seiner Adresse überreichte der „Trud" ein Geschenk, das Werk der Zöglinge dieser Schule. Das Geschenk besteht in einem ziemlich großen kupfernen Tische, auf welchen in Relieffiguren zwei Knaben abgebildet sind, die bei der Schmiede sich beschäftigen. Ueber ihnen erhebt sich der Vulkan, der ihnen das Feuer, das er vom Himmel geraubt hat, zum Schmieden von Eisen und Kupfer überreicht. Der Tisch wird von einem kupfernen Piedestal getragen. Dies alles ist mit großem Geschmack und sehr 'elegant verfertigt. Rührend war die Vorlesung der Adresse -er Zöglinge des Waisenhauses, die von vier Waisenkindern, zwei Knaben und zwei Mädchen, dem Jubilar überreicht wurde. Von den vorgetragenen Reden und Ansprachen, zog die Rede des Staatsrathes vr. Finkelstein, Vorsitzenden des Comitös der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung der Juden in Rußland, die besondere Aufmerksamkeit auf sich. Der Vorsteher des Cultustempels Herr Lulky übergab dem Jubilar, im Namen vieler Verehrer, in einem prachtvollen Portefeuille mit einer passenden Inschrift versehen, ein Ehrengeschenk in Staatspapieren bestehend. Als alle Deputationen vorbei defilirten und ihre Adressen übergaben, richtete vr. Schwabacher, sichtlich erregt, eine kurze ergreifende Ansprache an die zahlreich Versammelten. Im Laufe des Tages liefen sehr zahlreiche Glückwünsche und Telegramme von allen Enden Rußlands und Europas ein» viele von den bekanntesten jüdischen Capacitäten. Zur Feier des Tages erschien von Herrn O. Ch. eine Brochüre betitelt: „Rückblick auf die Thätigkeit des vr. Schwabacher, zu seinem 25jährigen Dienstjubiläum" in deutscher Sprache, in welcher die Wirksamkeit des vr. Schw. en detail geschildert ist. — Die Verwaltung der jüdischen Armenküche ließ zu Ehren des Jubilars an diesem Tage 400 Arme beköstigen. Wir können unseren Bericht nicht schließen, ohne dem von uns verehrten Prediger aus dem Grunde unseres Herzens zu wünschen: er möge sein 50 jähriges Amtsjubiläum in ungetrübter Gesundheit und mit frischem Geiste feiern! L. T. Bonn, 7. Febr. (Notizen.) Man schreibt uns aus Rosenberg in Oberschlesien: Der hier im November vor. Jahres verstorbene Kaufmann Abraham Karmaonsky hat der hiesigen Synag. Gem. 1. 3000 Mk. zur Abhaltung seiner und seiner Frau Jahrzeit, 2. 2400 Mk. zur Abhaltung seiner Kinder und Geschwister Jahrzeit, 3. 2000 Mk., wovon die Zinsen als Beitrag zu den Gemeinde-Abgaben fließen sollen, so daß der Verewigte ewiges Mitglied bleibt, 4. 300 Mk., für deren Zinsen sein und seiner Frau Grab unterhalten werden soll, letztwillig vermacht und bestimmt, daß die Zinsen von den 5400 Mk. ad 1 und 2. zu gleichen Theilen für die Beamten der Gemeinde und die jüdischen Ortsarmen verwendet werden sollen. Ferner bedachte er das Städtische Krankenhaus mit 3000 Mk., für deren Ertrag jüdische Kranke darin verpflegt werden sollen; sollten aber solche nicht Vorkommen, so werden die Zinsen zu gleichen Theilen an jüdische und christliche Ortsarme alljährlich vertheilt. Der brave Mann hat sich ein bleibendes Andenken durch seine Hochherzigkeit gesetzt. — Polizeilicher Auflösung verfiel in Berlin die zum 29. Jan. Abends einberufene christlich-sociale Parteiversammlung, als nach den 8*