Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1886)
- Date
- 1886-02-16
- Page
- Seite 122 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227618--43316-3263669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
122 gewordene Auszeichnung einen weiteren Beweis für die erfreuliche Thatsache, daß in unserem Lande dieses Bekenntniß keinerlei Hinderniß bietet, das Verdienst zu belohnen und dem Ehre zu erweisen, dem Ehre gebührt. Großbritannien. London, 5. Februar. Den öffentlichen Blättern zufolge hat in dem neuen Cabinet Gladstone Lord Roseberry das Amt des Ministers des Auswärtigen übernommen. Derselbe ist bekanntlich Schwiegersohn des verst. Barons Meyer v. Rothschild. Lord Roseberry gehört der liberalen Partei sehr entschieden an und hat die Herren vom Oberhause, dessen Mitglied er ist, schon oft durch seine Anträge auf eine völlige Umgestaltung des hohen Hauses lebhaft erschreckt. Er ist noch jung (39 Jahre alt), mit allen Glücksgütern ausgerüstet und ein Freund sowohl Gladstones als auch des Grafen Herbert v. Bismarck. Daher glaubt man, daß durch ihn die Beziehungen zwischen England und Deutschland in freundschaftlicher Weise erhalten werden. Dies hält jedoch deutsche Blätter nicht ab, ihre Glossen zu machen über „die Freude in Israel", ob dieser Wahl des Schwiegersohns Rothschilds.— Eine Anzahl deutscher Juden in London hat sich insofern von der Hauptsynagoge getrennt, als sie sich eine eigene Synagoge erbaut haben. Daß hiermit eine weitere Trennung nicht beabsichtigt ist, geht daraus hervor, daß vr. Herrmann Adler, der Stellvertreter seines Vaters, bei der Einweihung fungirte. Der deutsche Kaiser hatte dem Bauconiit« eine baare Unterstützung gesendet, während Rothschilv jeden Beitrag verweigerte, weil, wie man sagt, er keinen Unterschied zwischen englischen und deutschen Juden kenne und deshalb eine Trennung nicht gutheiße. Rußland. Aus Finnland, im Februar. Wie die „Nowosti" melden, wird im finnischen Landtage eine Massen-Petition für die vollständige Gleichstellung der Juden mit den übrigen Finnländern eingebracht werden. Die gesammte finnische Presse tritt warm für diese Petition ein und beruft sich auf das Zeugniß des Gouverneurs von Finnland, der in der letzten Landtagssession äußerte, daß die Beziehungen zwischen Christen und Juden die besten und Gesetzesverletzungen seitens der Juden selten seien. Odeffa, im Januar. (Privatmitth.) Die Feier des 25 jährigen Amtsjubiläums des Stadtrabbiners vr. Schwaba cher Hierselbst hat sich so gestaltet, daß sie auch von einem allgemeineren Interesse wurde, und möge es daher gestattet sein, etwas ausführlicher darüber zu berichten. Zunächst sei hier das Referat des weit verbreiteten „Od. Listok" in seiner ' Nummer vom 22. December v. I. in deutscher Uebersetzung wiedergegeben. „Morgen feiert der Odessaer Stadtrabbiner vr. Schwabacher sein 25 jähriges Dienstjubiläum. Während der langen Periode seines Amtes hat vr. Schwabacher nicht wenig zum Frommen der ärmsten Bevölkerung der Stadt Odeffa, ohne Unterschied der Confessionen, gewirkt. Im Laufe des verflossenen Vierteljahrhunderts gingen durch seine Hände mehr als 70,000 Rubel, die er für verschiedene wohlthätige Werke gesammelt hat. Auf seine Initiative entstand die Gesellschaft „Trud" und wurden mehrere Elementarschulen für arme Kinder ins Leben gerufen. Während der Choleraepidemie 1866, Dank der Energie des vr. Schwabacher, wurde hier ein Cholera-Hospital für Kranke, ohne Unterschied der Confession, eröffnet, das aus speciell jüdischen Mitteln erhalten wurde. Für diese Verdienste, die er der Stadt erwies, wurde vr. Schwabacher der Allerhöchste Dank und der Orden St. Stanislaus 3. Klasse zu Theil. Später wurde ihm für seine nützliche Wirksamkeit der Orden St. Anna 3. Klasse verliehen. Für sein Wirken zum Besten der Wittwen und Waisen der Getödteten und Verwundeten im letzten russisch-türkischen Kriege empfing vr. Schwabacher einen kaiserlichen Dank und das Ehrenzeichen des „Rothen Kreuzes". Außer diesen und andern Danksagungen von Allerhöchsten Personen, empfing vr. Schwabacher wiederholt Dankesäußerungen von den Ministerien des Innern, der Bolksaufklärung und des kaiserlichen Hofes, vr. Schwabacher empfing sogar eigenhändige Briefe in deutscher Sprache vom jetzigen Minister des Innern Grafen Tolstoy. Ueber die Vorbereitungen zum Jubiläum haben wir dieser Tage gesprochen. Jetzt wollen wir einige biographische Mittheilungen über diesen in jeder Beziehung hervorragenden Mann und Prediger geben. vr. Schwabacher wurde den 24. April 1819 in einem kleinen süddeutschen Städtchen geboren, wo er seine Kindheit und die ersten Jünglingsjahre verbrachte. Im Anfänge bestand seine Erziehung ausschließlich in der Erlernung der hebräischen Literatur und des Talmuds; später trat er ins Gymnasium ein, worauf er in seinem 20. Lebensjahre die philosophische Facultät der Universität bezog. Die Universitätsjahre verbrachte er theils in München, theils in Heidelberg, sich mit der hebräischen Literatur befassend, da der Gedanke, sich gänzlich seinem Volke zu widmen, ihn nicht verließ. Den Doctorhut erhielt er auf der Kieler Universität und ein Jahr später, 1845, war er zum Rabbiner in Schwerin gewählt. Von dort wurde er in gleicher Eigenschaft nach Lemberg berufen und dann ging er im Jahre 1860 nach Odessa, wo er noch gegenwärtig diesen Posten mit Würde bekleidet."