Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1886)
- Date
- 1886-02-16
- Page
- Seite 120 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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120 sich führen. In diese Verwirrung dringt noch kein Licht hinein. Man muß es mit tiefem Bedauern sagen, daß das deutsche Reich seit seiner glorreichen Begründung wenig Glück gehabt, denn seit jener Zeit haben die inneren Kämpfe nicht aufgehört: zuerst der Culturkampf, dann der Zollkampf, der eine völlige Wendung in den inneren Verhältnissen schuf und noch heute keine endliche Lösung gefunden, dann der Kampf gegen den Sozialismus und nebenbei der Antisemitismus, und nun wieder derKampf gegen die Polen und zwischen derRegierung und dem Reichstage, sämmtlich schwer wiegende Streitmomente, die nach allen Seiten und Richtungen hin die Einheit der deutschen Nation durchfurchen und die Zukunft schwer verdunklen. Fügt man die Kämpfe der Deutschen in Oesterreich gegen die Slaven und die Zustände in den russischen Ostseeprovinzen hinzu, so sieht man die deutsche Nation in ihrem ganzen Umfange von tief gehenden Erschütterungen bedroht. — Dem Abg. Dr. Bamberger ist von einer vorgestern in Rheinhessen abgehaltenen freisinnigen Wählerversammlung ein Telegramm zugegangen, welches ihm Glückwünsche zu der von ihm in der Ausweisungsfrage eingenommenen Haltung sendet und die Partei zum Festhalten an den Grundsätzen der Humanität aufmuntert, unbeirrt von dem Druck, den man von oben auszuüben sucht. Breslau, 2. Februar. (Privatmitth.) Der Jahresbericht des hiesigen jüdisch-theologischen Seminars bezeugt den ruhigen und wirkungsreichen Fortgang dieses Instituts. Es zählt gegenwärtig 35 Hörer, 6 neue traten im Laufe des verflossenen Jahres ein; 2 Candidaten wurden nach bestandener Prüfung in den theologisch-rabbinischen Lehrgegenständen entlassen. Wenn die Lehrer und zwar mit Recht über den häufigen Stellenwechsel klagen, welchem sie ausgesetzt sind, so findet ein solcher auch bei den Rabbinern statt, was für ihre Wirksamkeit just nicht vortheilhaft sein kann. Man ersieht dies aus dem folgenden Passus des Jahresberichtes: „Bon den ehemaligen Zöglingen des Seminars sind zu unserer großen Befriedigung im verflossenen Jahre folgende zu Rabbinats- und Lehrämtern berufen worden: Dr. Klemperer, bisher Rabbiner in Landsberg a. W., zum Rabbiner in Bromberg, Dr. I. Prager, bisher Seminar-Director in Hannover, zum Landrabbiner in Cassel, Dr. A. Kohut, bisher Rabbiner in Großwardein in Ungarn, zum Prediger in New-Jork, Dr. M. Brann, bisher in Breslau, zum Rabbiner in Pleß O. S., Dr. A. Lewin, bisher Rabbiner in Coblenz, zum Rabbiner in Freiburg i. B., Dr. S. Margulies, zum Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Neweh-Schalom in Hamburg, — Dr. L. Knoller ist bereits seit dem 1. März 1884 als Religionslehrer und Stellvertreter des Rabbiners in Breslau angestellt, — Dr. S. Flaschner, bisher Rabbiner in Burkundstadt in Baiern, zum Rabbiner in Bernburg, Dr. Kisch, bisher Rabbiner in Jungbunzlau, zum Rabbiner der Meisel-Synagoge in Prag, Dr. I. Theodor, bisher in Bromberg, zum Rabbiner in Berent in Westpreußen, Dr. Th. Kroner, bisher Rabbiner in Erfurt, zum Seminardirector in Hannover, Dr. B. Drachmann zum Rabbiner der Gemeinde Oheb Schalom in Newark (Amerika)." Dem Jahresbericht geht eine Abhandlung des Prof. Dr. I. Freudenthal „Ueber die Theologie des Xenophanes" voran. Hamburg, 5. Februar. (Privatmitth.) Von offiziöser Seite geht uns die Nachricht zu, der von dem Vorstand und dem Delegirten-Collegium des hiesigen Synagogenverbandes fast einstimmig gefaßte Beschluß, betreffs Neu-Anstellung eines Predigers, welcher der Bestätigung des hohen Senats noch bedarf, beruht auf der Basis, daß der Anzustellende akademisch-wissenschaftliche Bildung mit gründlicher Kenntniß des Talmuds und seiner Decisoren, deren Inhalt er als Directive seines Lebens und Verhaltens betrachten muß, verbinden soll. Ferner muß er im Besitze eines Rabbinats-Diploms von einer anerkannten Autorität sein und wenn es auch nicht unbedingt erforderlich ist, so ist doch erwünscht, daß derselbe pädagogische Befähigung habe. In erster Linie muß -derselbe natürlich Rednertalent besitzen. — Alles nähere wird eine in Ihrem geschätzten Blatte demnächst erscheinende Annonce besagen. Posen, 5. Februar. (Pos. Z.) Die Angelegenheit der ausgewiesenen 100 jährigen Klara Mendlowitsch, welche gegenwärtig in Folge der für eine so alte Frau immerhin erheblichen Reisestrapazen hier krank darniederliegt, hat einen überraschenden Verlauf genommen. Es ist nämlich von höherer Stelle die Weisung eingetroffen, auf Staatskosten den Unterhalt der Frau bis zu ihrem Tode zu übernehmen. Eine große Ausgabe wird dem Staate dadurch freilich nicht erwachsen, da die arme Frau allem Anscheine nach wohl nicht mehr lange leben wird. rKesterreich -Ungarn. Aus Ungarn, 5. Februar. (Privatmitth.) Sie haben in den jüngsten Wochen nur wenig Nachrichten aus dem Ungerlande gebracht. Man kann sich dessen freuen, denn es liegt darin der Beweis, daß der antisemitische Sturm, der über Ungarn hingebraust, allmählig aufgehört hat. Selbst die eifrigsten Antisemiten sind müde geworden und ihre Schreier im Abgeordnetenhaus haben endlich eingesehen, daß ihre Tiraden und heftigen Reden gar keinen Wiederhall mehr finden. Ja, dieser Sturm war sehr laut, aber näher betrachtet, hat er wenig Schaden angerichtet. Noch einige wenige Uebelthäter haben ihre Strafen abzubüßen; dann werden die Folgen verschwunden sein. Die Zeit der Ruhe und Sicherheit, die für die Juden in Ungarn zurückgekehrt ist, könnte von ihnen in weiser Art benutzt werden, namentlich um die Einigkeit wieder herzustellen, denn noch sind die