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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-16 · Heft 8 (16.2.1886) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 8 (16.2.1886)
Date
1886-02-16
Page
Seite 119 (sequence 7)
Language
German
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119 der Wohlthätigkeit bekannten Banquiers I. Günzburg, dessen Sohn Horace v. Günzburg, Brodsky u. a. traten, hatte sich die Anerkennung sowohl vieler russischen Staatsmänner und Gelehrten als auch aller einsichtsvollen und bessergesinnten Glaubensgenossen vom Anfang an zu erfreuen und hat, trotz der Hindernisse, welchen er in den ersten Jahren seines Bestandes von verschiedenen Seiten begegnete, eine Wirksamkeit entfaltet, die für die Juden Rußlands von weitreichender kulturhistorischer Bedeutung wurde. Was der Verein seit seiner Gründung Ersprießliches geleistet hat, zeigt sich deutlich iu der Schrift N'on pNi rhiv* min rvn^n, welche der verdienstvolle Hr. Leon Rosenthal, der dem Vereine seit der Gründung als Cassirer vorsteht, so eben zu Gunsten des Vereins veröffentlicht hat und welche die aus dem Russischen in das Hebräische übersetzten protocollarischen Auszüge und Beschlüsse des Vorstandes enthält. (St. Petersburg 1885.) In den 21 Jahren seines Bestandes verausgabte der Verein die bedeutende Summe von 309,998 Rubel, und zwar an Stipendien für Studirende an den russischen Hochschulen, Kunst-Akademien und am jüdisch-theologischen Seminar in Breslau, ca. 42,000 Rubel, an Subvention der I jüdischen Schule 22,761 Rubel, für Bücher, welche auf Kosten des Vereins in's Russische übersetzt, gedruckt und verbreitet, oder von dem Vereine subventionirt wurden, über 18,000 Rubel. Außerdem wurden hebräische Schriften zum Druck befördert und jüdische Schriftsteller namhaft unterstützt. Diesen Ausgaben stehen die Einnahmen mit 338,685 Rubel gegenüber, eingerechnet die Geschenke der Herren Günzburg im Betrage von 87,215 Rubel und des Herrn Leon Rosenthal im Betrage von 30,998 Rubel. Um den Verein, der im Jahre 1864 175 und im Jahre 1884 545 Mitglieder zählte, haben sich unter den genannten Herren Günzburg, Rosenthal, Brodsky u. a. Chwolson, Dr. A. Harkavy, Br. Bertensohn, Warschawsky, der allzufrüh verstorbene Rabbiner Br. Neumann u. a. nt. bleibende Verdienste erworben. Indem wir Herrn Rosenthal für die mühevolle Arbeit Dank und Anerkennung aussprechen, sehen wir dem verheißenen zweiten Theile derselben gern entgegen und hoffen daß der Verein, dessen Wirksamkeit sich bereits bis nach Tiflis und dem Kaukasus erstreckt, immer mehr erstarke und seine segensreiche Thätigkeit immer mehr entfalte. Br. Kayserling. (Forts, folgt.) i/t4 vcj Mtac fj c-'ia. )cutschlanv. Berlin, 1. Februar. (Privatmitth.) Die Debatten im Reichstage und in dem preußischen Landtage während der letzten Tage des Januars sind von großer Wichtigkeit und ihre Tragweite ist noch unübersehbar. Es wird deshalb statthaft sein, auch an dieser Stelle noch einige Betrachtungen darüber zu machen. Ueber den Punkt, von welchem sie ausgegangen, haben jene Verhandlungen wenig Neues gebracht; nur die oppositionellen Redner brachten die Ausweisungen zur Sprache, während die Minister und die Sprecher der gouvernementalen Parteien nur leicht darüber hingingen und einer wirklichen Rechtfertigung der Maßregel „in der Art und dem Umfang", in welchen sie ausgeführt wurde, gar nicht versuchten. Aber das ist klar erwiesen worden, daß jene Ausweisungen nicht gegen die Juden gerichtet waren,! sondern nur diese in Mitleidenschaft zogen, weil man den! Vorwurf confessioneller Parteilichkeit nicht auf stch laden! wollte und sie in den großen Topf des Polonismus warf,! weil sie nun einmal aus Polen eingewandert sinv, obschonj man zugab, daß sie gar nicht zum eigentlichen Polonismus j gehören. Dies ist für uns immerhin ein Resultat, wenn! es auch für die Unglücklichen nicht den geringsten Trost! bietet. Die Debatten sind vielmehr eine Kriegserklärung! gegen die Polen, ohne daß über dieselbe ein Zwiespalt zwischen der Regierung, den ihr folgenden und den ihr oppositionellen Parteien besteht. Denn auch das Centrum und die Deutschfreisinnigen traten für die Förderung der Germanisirung ein. Der eigentliche Zwiespalt offenbarte sich nur zwischen dem Reichstage und dem Landtage. In jenem haben Centrum und Freisinnige die Majorität, in diesem die Conservativen und Nationalliberalen. Wir haben deshalb in beiden Körperschaften nur noch zwei Parteien, auf der einen Seite die verbundenen Conservativen und Nationalliberalen, auf der anderen die verbundenen Freisinnigen und das Centrum. Im Reichstage überwiegt also die oppositionelle, im Landtage die gouvernementale Partei. Diese merkwürdige Gestaltung muß natürlich den Widerstand gegen die Regierung im Reichstage, dagegen die Willfährigkeit im Landtage herbeiführen. Daraus ging die Erklärung des Reichskanzlers und Ministerpräsidenten Fürsten Bismarck hervor, von jetzt ab den Schwerpunkt der Gesetzgebung und der politischen Bedeutung in den preußischen und die Landtage der übrigen deutschen Staaten zu verlegen. Hiermit würde aber der deutsche Reichsgedanke einen schweren Stoß, dagegen der Partikularismus eine wesentliche Stärkung erhalten. Sollten nun einige dieser Landtage einen anderen Weg als der preußische einschlagen, so würde die Spaltung im deutschen Reiche eine schwere Schädigung desselben mit

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