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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-16 · Heft 8 (16.2.1886) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 8 (16.2.1886)
Date
1886-02-16
Page
Seite 118 (sequence 6)
Language
German
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118 uns in unseren Referaten und Reeensionen auf die Kapitel umfassender Werke, welche der Darstellung geschichtlicher oder gegenwärtiger Verhältnisse der Juden gewidmet sind. Es ist also keine Parteilichkeit, sondern nur Beschränkung auf die dieses Blatt berührenden Gegenstände. Innerhalb dieses Gesichtskreises befleißigen wir uns aufrichtig der Unparteilichkeit und haben unseren Glaubensgenossen niemals verdiente Vorwürfe erspart. Leider begegnen wir jedoch in der heutigen Literatur so vielen Ungerechtigkeiten, so vielen Angriffen, Vorurtheilen und Gehässigkeiten gegen die Juden, daß wir jenes kritischen Amtes zu unserm Bedauern, ja zu unserm Schmerze immerfort zu pflegen gezwungen sind. Selbstverständlich haben wir bei solchen umfassenden Werken uns in ihnen nach dem leitenden Grundgedanken umzusehen, weil wir aus ihm auch die eventuelle Behandlung der Juden zu erklären vermögen und diese durch jenen die rechte Beleuchtung erhält. Wir fanden ihn bei Mommsen in dem „römischen Staatsgedanken", den er in der römischen Cäsarenwirthschaft findet, dem er mit aller Liebe huldigt, so daß er diejenigen Völkerschaften, welche um ihrer Freiheit und Unabhängigkeit willen sich den römischen Cäsaren entgegenstellten, mit feindlichen Augen ansieht, als Empörer und Räuber, mit der Sünde gegen den h. Geist der römischen Cultur behaftet. In solchem Spiegel sieht Mommsen auch die Juden an und verurtheilt sie um ihrer heroischen An-! strengungen willen, sich vom römischen Joche zu befreien. Treitschke nun hat sich auf den Standpunkt der nationalen Reaction gestellt und be- und verurtheilt alle Erscheinungen der letzten sieben Jahrzehnte vom extremnationalen und antiliberalen Standpunkte. Da er nun auch anderweitig feindselig gegen die Juden gestimmt ist, so macht er sie, wo er ihnen begegnet, zum bereiten Gegenstände seiner fanatischen Stöße und Hiebe, und diese sind es, die wir ihm zurückgeben müssen. In Wahrheit hat eine innerhalb der Grenzen der Gerechtigkeit sich haltende Bertheidigung in den Augen billig Denkender noch niemals für Parteilichkeit und Parteileidenschaft gegolten. Wohllhiitige Werke. 11. Es ist selbstverständlich, daß die meisten wohlthätigen Institutionen und Vereine eine örtliche Abgrenzung haben und ihre Wirksamkeit höchstens noch auf Hilfsbedürftige ausdehnen, die für kürzere oder längere Zeit angewandert kommen. Die Lage und Verhältnisse der jüdischen Gemeinden brachten es in früherer Zeit auch mit sich, daß das Interesse sich auf die jüdischen Bewohner des Weichbildes beschränkte, und nur selten kam es vor, daß sich die thätige Theilnahme auf größere Landstriche oder gar ferne Länder ausdehnte, immer mit alleiniger Ausnahme der Spenden für Jerusalem und das heilige Land. Als durch die neuere Entwickelung die gemeinsamen Interessen in den Vordergrund traten, hatte man mit jener Einseitigkeit hart zu kämpfen. Erst allmählig bildete sich der Gemeinsinn aus, der über die eigenen Mauern hinwegsieht und in der allgemeinen Förderung auch die örtliche und persönliche erblickt, und noch jetzt hält es sehr schwer, für weiter gehende Zwecke die große Masse zu begeistern. Wir haben oft genug Gelegenheit, tadelnd hervorzuheben, daß die Anstalten und Vereine in einer der größeren Städte und Gemeinden, welche auch für die Kinder der Provinzen und oft für diese am meisten, Hilfe bereiten, z. B. Blinden- und Taubstummen-Anstalten, Vereine für Studirende und Handwerker und dergl., die große Mehrzahl ihrer Contribuenten nur in der betr. großen Stadt haben, während die bez. Provinzen so gut wie garnichts leisten. Daß hierdurch die Mittel dieser Anstalten und Vereine ungenügend bleiben oder doch viel größer und Wirksamer sein könnten, ist einsichtlich. So sind denn auch die Mitgliederzahlen jener hochbedeutenden Vereine wie der Alliance isr. univ., der Wiener Allianz, des deutsch-israelitischen Gemeindebundes im Berhältniß zu der Menge der jüdischen Bevölkerung und zur Großartigkeit ihrer Bestrebungen geradezu nur gering zu! nennen. Um so rühmenswerther ist es, daß sich die Vorstände und Vertreter dieser Vereine durch diesen betrübenden Umstand nicht hindern lassen, die gesteckten Ziele mit unermüdlicher Ausdauer zu verfolgen. Einen Ehrenplatz unter diesen Vereinen nimmt der in Petersburg seit 22 Jahren bestehende „Verein zur Hebung der Bildung unter den Juden in Rußland" ein. Man braucht nur den Namen und Zweck desselben zu nennen, um seine hohe Bedeutung zu würdigen. Vor kurzem erschien der erste Bericht dieses Vereines und wir geben hier ein uns soeben zugekommenes Referat über diesen Bericht. Pest, 18. Januar. Am 8. December v. I. waren es 22 Jahre, als die wenigen angesehenen und einflußreichen Männer jüdischen Bekenntnisses in St. Petersburg, denen damals der Aufenthalt in der Hauptstadt Rußlands ausnahmsweise gestattet war, den Plan faßten, einen „Verein zur Bildung und Aufklärung unter den Juden in Rußland" zu gründen. Bon dem Gedanken geleitet, daß die Verbesserung der bürgerlichen Stellung der Inden des Czarenreiches, welche unter der Regierung Alexander II. angestrebt wurde, mit der Hebung der Volksbildung und der Verbreitung der Landessprache unter den Juden Hand in Hand gehen müsse, stellte sich der Verein die Aufgabe, Bücher und Zeitschriften in russischer und hebräischer Sprache herauszugeben, zu subventioniren und zu verbreiten, Schulen zu gründen, Studirende zu unterstützen. Der Verein, an dessen Spitze die als Muster

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