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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-16 · Heft 8 (16.2.1886) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 8 (16.2.1886)
Date
1886-02-16
Page
Seite 117 (sequence 5)
Language
German
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117 lung aus Heine's prosaischen Schriften in englischer Uebersetzung enthält und ein Life of Heine voranschickt, das, nach Karpeles, eine wahrheitsgetreue und durchaus objektive Schilderung von Heine's Leben und Schriften bringt, die auf eingehenden Quellenstudien beruht. Hier heißt es: „Als Mensch hatte Heine viele angenehme und ausgezeichnete Eigenschaften. Er liebte sein Vaterland mit wahrem patriotischem Gefühl, wie aus vielen seiner Gedichte, aus unzähligen Stellen seiner Briefe und Werke zu ersehen ist. Das Gefühl, daß er gezwungen war, 'im Exil zu leben, verließ ihn nicht in Frankreich, obwohl er dort im socialen Leben viel ihm Verwandtes vorfand. Für einen Dichter wie Heine, war die Luft der Heimath eine unbedingte Nothwendigkeit, und wenn er doch in Frankreich zu leben liebte, so kommt dies daher, weil er dort gut ausgenommen wurde und das Leben eines freien Menschen führen konnte, während er in Deutschland aller Wahrscheinlichkeit nach hätte im Gefängniß schmachten und unter beständiger Polizeiaufsicht stehen müssen. Aber er hatte eine höhere Meinung von dem deutschen Geiste und dem deutschen Schaffen, wie von dem französischen. Die deutsche und auch die englische Poesie stand höher in seiner Achtung als die französische und ebenso hielt er die Franzosen füc unfähig, echte Poesie zu würdigen. Und wenn er auch die Deutschen stets wegen ihrer lauen Erfüllung socialer und politischer Aufgaben schalt, so war das doch nur wie ein wohlwollendes Urtheil, das wir über einen Freund, den wir gern vollkommen sehen möchten, aussprechen. Die Ehre seines Vaterlandes lag ihm in Wirklichkeit so am Herzen, daß er sich in der That einmal mit einem Franzosen duellirt hat, weil derselbe sich schmähende Aeußerungen über Deutschland erlaubt hatte. Wir haben gesehen, daß er zahlreiche Beweise physischen und nicht selten auch moralischen Muthes gegeben hat, welche ganz gewiß sehr ehrenvolle Züge im Charakter eines Mannes sind. Treue Freundschaft erwiderte er ehrlich, und ein Dürftiger, ein Nothleidender fand stets an ihm einen großherzigen Helfer! Er war sehr feinfühlig und stets bereit, das Unrecht, welches man ihm oder Anderen zugefügt, zu empfinden; ein reizbares Temperament ließ dann Worte sagen, die er später bereute. Es scheint überhaupt ein charakteristischer Zug in Heine's Familie gewesen zu sein, wie er selbst in einem Briefe an den Onkel dies hervorhebt. Heine war sehr pünktlich in der Erfüllung seiner Pflichten, und obwohl er in den Ausgaben extravagant gewesen sein mag, führte er doch ein ernstes und mäßiges Leben — er rauchte nicht einmal — und seine größte Sorge war immer, die Schulden zu bezahlen. Wir müssen hier noch besonders hervorheben, obwohl es kaum nöthig scheint, daß er wahrhaftig und geradsinnig war, weil er unfähig war, den Ausdruck seiner Ueberzeugung zu verbergen, auch wenn dieselbe feindselig gewesen und die Aeußerung derselben ihn so gut wie t Andere berührte." Auch wir sind keine unbedingten Lobredner Heine's, und unsre Leser aus früherer Zeit wissen, daß er uns in nicht wenigen Punkten antipathisch war. Aber einer so parteiischen und ungerechten Zerstückelung, wie sie Treitschke sich gestattrt, und dem Bestreben des Letzteren, alle Unarten des „verzogenen Kindes der Musen" allein hervorzuheben und auf die Juden insgesammt zu wälzen, müssen wir entschieden entgegentreten. Hierbei mögen wir noch folgende Betrachtung hinzufügen. Börne und Heine haben der väterlichen Religion und der Stammesgenossenschaft den Rücken zugewendet und zwar nicht aus religiöser Ueberzeugung, sondern aus äußeren Gründen, doch beide ohne reellen Erfolg. Gerade hierdurch haben sie erwiesen, daß sie, obschon von Juden abstammend, in ihrem innersten Wesen keine Juden waren. Wir betrachten einen solchen Schritt nicht als bloße äußere Trennung, sondern auch aus der inneren Natur hervorgehend. Die Treue, die Festigkeit, die Charakterstärke und Charakterwürde, welche die Juden, mit so geringen Ausnahmen, durch so viele Jahrhunderte in der Anhänglichkeit und Selbstaufopferung erhärteten, muß aus dem inneren Wesen dieses Stammes hervorgegangen sein, muß in der Natur dieser Volksseele ein wesentliches Element sein, und wenn zwei Männer wie Börne und Heine, ohne von einer anderen religiösen Ueberzeugung getrieben zu sein, also bloß aus Hoffnung auf Erfolg, aus dem Wunsche, in die Kreise der Majorität ausgenommen zu werden, von ihrer Religion und Genossenschaft abfallen, so beweisen sie eben, daß sie von jenem bedeutenden, ja erhabenen Charakterzuge ihres Stammes nichts besaßen, daß sie also sehr verschieden geartet waren, abweichend von ihren Stammesgenossen. Dies ist es auch, was wir Juden gegen solche, die sich nicht aus religiösen Ueberzeugung taufen lassen, empfinden: nicht sowohl religiösen Fanatismus, als vielmehr das Bewußtsein, diese Leute sind anders als wir, sie haben einen ganz anderen Charakter, sie sind verschieden von uns, sie gehören in ihrem Wesen uns nicht an. Sterben doch an jedem Baume einzelne Reiser ab und fallen auf den Boden. Diese können noch immer recht tüchtiges Material für ein Heerdfeuer abgeben, aber vom Leben jenes Baumes haben sie nichts mehr. Um so weniger können wir Treitschke zugeben, daß, was er an jenen beiden Autoren Fehlerhaftes und Schädliches zu finden glaubt, zu einer Eigenschaft der gesammten Judenheit zurecht zu kneten. Hat er, wie wir meinen, Börne und Heine in der unbilligsten Weise und vom einseitigsten Parteistandpunkt aus beurtheilt, so hat er sich noch unbilliger und noch parteiischer gegen die Juden vergangen. Zum Schluffe haben wir uns noch zu verwahren. Man hat unsre Kritik des 5. Bandes von Mommsens Römischer Geschichte „parteiisch" genannt und wird dies von der vorliegenden Besprechung ebenfalls sagen. Aber mit großem Unrecht. Dem Zwecke dieser Zeitung gemäß beschränken wir

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