Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1886)
- Date
- 1886-02-16
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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116 mich niederwerfen? Er hascht nach Asche, bethörtes Herz führt ihn irre, nicht rettet er seine Seele und spricht nicht: ist nicht Lug in meiner Rechten?" Mit diesen letzten Worten deutet der Prophet an, was er später weiter ausführt, daß die! Folge des Götzenthums die Verirrung der Seele, die Entartung der Sitte, das Verderbniß des Herzens ist und durch dasselbe kein Weg der Umkehr dem Sündigen geöffnet wird. — Wir brauchen nicht weiter nachzuweisen, wie in allen diesen Aussprüchen, die wir nur den ersten Reden des Propheten (Kapp. 40—45) entnommen haben, nur der reinste und allgemeinste Gottesbegriff zum Ausdruck kommt und auch nicht der geringste Zug einer Beschränkung auf einen Nationalgott vorhanden ist. Und doch weiß gerade dieser Prophet die Beziehungen Israels zu Gott aufs Wärmste und Innigste zu bekunden, wie wir im Folgenden erkennen werden.*) (Fortsetzung folgt.) Heinrich von Treitschke's Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, 3. Theil. V. (Schluß.) Nachdem Treitschke so den Juden insgesammt eine Reihe häßlicher Eigenschaften zugeschrieben, stürzt er sich mit voller Rüstung auf Börne und Heine und führt mit seinem kritischen Schwerte die furchtbarsten Hiebe auf diese aus. Da Beide längst aus dem Leben geschieden, können sie sich nicht vertheidigen. Dennoch glauben wir, daß es Herrn Treitschke nicht gelingt, sie zu Boden zu strecken und werden sie Beide auch fernerhin aufrecht auf dem Platze bleiben, den sie in der deutschen Literatur sich erworben. Der Leser des ganzen Kapitels wird sich fragen, hat hier Treitschke ein Hüsteron- Protcron oder ein Proteron-Hüsteron angewendet? Wurden die Juden geschmäht, um den Boden für den Kampf gegen Börne und Heine zu ebenen, oder wurden Heine und Börne so zusammengehauen, um mit ihrer Niederlage auch die Juden niederzuwerfen? Denn man könnte ja die beiden Heerlager, die Juden und jene beiden Schriftsteller, ganz von einander getrennt denken, um so mehr, da der anfängliche „Einbruch des Judenthums" in die deutsche Literatur zuletzt zu einem „Einbruch Börne's und Heine's" wird (S. 714). Schließlich sind es doch nur die schlimmen Eigenschaften jener beiden Autoren nach der Auffassung Treitschke's, welche er dem gesammten Judenthume zuschreibt. Naturgemäß hätte er sie erst aus Börne und Heine ziehen und auf die gesammte Judenschaft werfen sollen. Darin wäre wenigstens *) Möchten doch diejenigen, welche so oft von einem „Judengott" sprechen, erst Nachsehen, ob sie in ihren Religionsbekenntnissen lolche erhabene Vorstellungen von Gott finden, wie wir sie oben aus dem jüdischen Propheten angeführt haben! sine gewisse Folgerichtigkeit gewesen, und sicherlich war dies auch der ursprüngliche Gedankengang Treitschke's. Dann aber hätte die Frage nahe gelegen: müssen denn die Untugenden jener beiden Schriftsteller gerade Untugenden sein, die der ganzen Judenschaft einwohnen? Dafür wäre ein Beweis erforderlich gewesen, den zu führen Herrn Treitschke schwer gefallen wäre, da er mit dem Schriftthum und dem Leben der Juden so wenig bekannt war. Wenn man aber die Sache umdreht, wenn man vorher auf die Inden die Schmähungen häuft, die man für die beiden Autoren bereit hat, so können diese als Beweis für jene dienen. Es ist dies ein Fechterstückchen. Aber ist man einmal ein Geschichtsschreiber von der Art des Herrn Treitschke, so scheut man sich nicht, ein solches anzuwenden. Wir fühlen uns nun durchaus nicht für verpflichtet, auf die durch Treitschke an Börne und Heine geübte Kritik näher einzugehen. Wir überlassen dies dem weiteren Verlause der deutschen Literaturgeschichte. Jedenfalls müssen sie beide von nicht geringer Bedeutung sein, da selbst ein Treitschke sich bewogen fühlte, ihnen einen so großen Raum in seiner deutschen Geschichte zu gewähren, während er kaum die Hälfte Platz der deutschen Philosophie jener Zeit widmet. Ja, hier und da entschlüpft selbst Treitschke ein Ausdruck, der andeutet, daß eine gerechte Kritik doch noch etwas Anderes an diesen Autoren finden wird als er. Seite 710 sagt er: „Börne blieb auf seine Weise noch ein Patriot", und „Börne's Wirksamkeit ging aus den gegebenen Zuständen mit einer gewissen Nothwendigkeit hervor." Also war er doch ein Patriot und ging aus den gegebenen Zuständen hervor, also nicht bloß aus seinen jüdischen Gelüsten und Eigenschaften. Aber gerade „die gegebenen Zustände" und die aus ihnen hervorgehenden Motive und Zwecke ließ Treitschke in seiner Beurtheilung ganz aus den Augen. Ebenso sagt er (S. 713) von Heine, er sei ein Deutscher, weit mehr als sein Frankfurter Stammgenosse gewesen. „In den Stunden, da er ein Dichter war, empfand er ganz deutsch. Deutsches Gemüth sprach aus der kleinen Zahl seiner wirklich erlebten Liebesgedichte, aus seinen Frühlingsliedern, auch aus dem Liede vom Fichtenbaum und der Palme, das für die Wandersehnsucht der Germanen sinnige Worte fand." Aehnliches sagt ^r von Heine's Loreley und findet zuletzt doch, daß sich „in ihm der Rheinländer verrieth", so daß er doch „eine Heimath hatte", „auch er liebte Deutschland auf seine Weise, ebenso aufrichtig wie Börne und mit feinerem Verständniß." Das sind Zugeständnisse, welche in dem Munde unparteiischer Beurtheiler noch eine ganz andere Gestalt annehmen werden. Es liegt uns eben ein Beispiel vor, das wir an dieser Stelle wiedergcben möchten. Im Feuilleton der Franks. Ztg. vom 13. Januar giebt Gustav Karpeles einen Artikel über „Heine in England." Er bespricht hier u. A. das Werk des Londoner Professors vr. C. A. Buchheim, das eine Samm-