Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 8 (16.2.1886)
- Date
- 1886-02-16
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
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114 er hiermit nur die treu gebliebene Schaar der entschiedenen Monotheisten unter den Exilirten verstehen, und die übrigen ihrem Schicksal überlassen, das sie zum Verschwinden unter den übrigen Nationen führen mußte. Mögen nun immerhin auch unter den Zurückgebliebenen Biele gewesen sein, die sich zum Zurückbleiben durch andere Motive bestimmen ließen, ohne darum vom Glauben ihrer Väter abzufallen — wie denn auch mehrfache und zahlreiche Zuzüge später stattgefunden haben müssen, auch solche, von welchen die dürftigen geschichtlichen Notizen keine Erwähnung thun, weil sonst die starke jüdische Bevölkerung in Palästina nach verhältnißmäßig kurzer Zeit unverständlich wäre — immerhin müssen die nach! Palästina Gezogenen vom festesten Glauben, vom entschiedensten Eifer für die Gotteslehre beseelt gewesen sein, und somit ist jene Wandelung vollständig einsichtlich. Sie traten sofort in die Absonderung von den heidnischen Umgebungen so bestimmt ein, bestärkten sich darin zunehmend und nahmen den Kampf gegen ihre heidnischen Umgebungen so entschlossen auf, daß j an ein Wiedereindringen des Polytheismus nicht mehr zu! denken war. — : Aber noch in einer andereil Beziehung war mit der Rückkehr aus dem Exil in der religiösen Anschauung innerhalb des Judenthums eine bedeutungsvolle Wandelung vor sich gegangen, die bis jetzt weniger anerkannt und betont worden ist, nämlich in den Beziehungen des Judenthums zu ' den anderen Religionen und ^Nationalitäten* Wir haben hierfür in der Ueberschrift eine bis jetzt ungebräuchliche Bezeichnung gewählt, das „kosmoreligiöse Verhältniß." Wir bildeten dies analog dem Worte „kosmopolitisch," und glaubet! es kaum rechtfertigen zu müssen. Es wäre nun ein grober Jrrthum, wenn man annehmen wollte, daß der Gottesbegriff im alten Israel an und für sich ein auf ein nationales göttliches Wesen beschränkter gewesen wäre. Die ganze eigentliche Lehre der Thora von der Schöpfungsgeschichte an widerspricht einer solchen Annahme. Hinsichtlich der Propheten braucht man nur auf den alten Prophetenspruch Jesaias 2, 2—4 und Micha 4, 1—4 zu verweisen, um darzuthun, daß auch der Gedanke längst lebendig war, einst würden alle Völker sich zur Erkenntniß und Anbetung des einzigen; vereinigen. Doch hatte sich im alten Israel die Vorstellung des Natioualgottes verdichtet und zusammengezogen und beherrschte die Anschauungen um so mehr, als das ganze Gesetz nur das israelitische Volk ins Auge gefaßt hatte. Auch das ist nicht zu übersehen, daß dem Eintritt der „Fremdlinge in die Gemeinde Israel" keine Schranke — nur mit Ausnahme einiger todtfeindlichen Nationalitäten — gesetzt war, daß sich Fremde als „Beisassen" im Lande niederlassen durften, daß z. B. der nach Palästina geflüchtete Sklave seinem Herrn nicht ausgeliefert werden durfte. Auf dem Boden der im Alterthum durchaus vorherrschenden Nationalitätsbegriffe und der in den alten Völkern vorhandenen Klassenspaltung, die doch selbst bei den Griechen und Römern so entschieden obwaltete, kennt also das alte Israel schon die ungehinderte , Aufnahme fremder Nationalität Entsprungener in den isra-! elitischen Glauben und in den israelitischen Staat, schützt! denselben nachdrücklich durch die Gleichheit vor dem Gesetze,! warnt immer wiederholt vor jeder Unterdrückung und Benachtheiligung des „Fremden", und macht denselben theilhaftig an den Wohlthätigkeitseinrichtungen, die in Bezug auf die Hilfsbedürftigen gesetzlich getroffen waren. Dennoch war es natürlich, daß, so lange das alte Israel innerhalb seines Binnenlandes bestand, sich die Vorstellung von Gott national gestalten mutzte, und wurde dies durch den Nationalcultus gefördert. Während des Exils aber, das die Reste des jüdischen Volkes in die Mitte so vieler Völker und eines großen Völkergemisches versetzte und in kleinere Gruppen vertheilte, trat die monotheistische Gotteslehre in vielfältige Berührung mit anderen Glaubensanschauungen. Bei den innerasiatischen Völkern fanden insofern zwei Richtungen statt, als man im Ganzen jeder Nation die Verehrung ihres Nationalgottes frei ließ, andrerseits aber diejenigen Despoten, welche die Herrschaft über viele Völker erkämpft hatten, die volle Unterwerfung jener darin fanden, daß sie ihrem, der Despoten, Gotte Huldigung und Opfergaben darbrachten. Die denkenden Geister im jüdischen Volke mußten sich deshab ernstlich angeregt fühlen, über das Verhältniß der religiösen Anschauung ihres Glaubens zu derjenigen der anderen Völker nachzudenken und sich hierfür eine gemeinsame Grundlage zu schaffen. Es entstand in ihnen die bestimmte Frage: ob und wie dieser Gegensatz der monotheistischen Ueberzeugung, die ihnen die israelitische Religion in Geist und Herz gesenkt, zu den Glaubensansichten der übrigen Völker ausgeglichen werde? Zu fest waren sie aber vom Monotheismus durchdrungen, als daß sie den letzteren nicht für unbezwingbar und darum zum Siege über die anderen bestimmt hätten aunehmen sollen. So war die bis jetzt nur schwach glimmende kosmoreligiöse Richtung im Fudenthume hervorgetreten und mußte sich zu einem integrirenden Theile desselben herausbilden. Die Frage und die Antwort werden uns klar und unumwunden von Jesaias II gegeben, und von diesem haben wir ein entschiedenes Vorherrschen der kosmoreligiösen Vorstellung im Judenthume zu datiren. Es ist daher wohl an der Zeit, dies an den Texten dieses geistvollen Propheten genauer zu untersuchen und festzustellen. Vor Allem war es das Bestreben Jesaias II, dem Volke den wahren Begriff Gottes als Weltschöpfers und Welt-! regierers und von der Nichtigkeit aller Götzen beizubringen. 1 Er thut dies in seinen ersten Reden, als wenn er sich und seinen Zuhörern und Lesern die Frage vorgelegt hätte: was ist Gott? und was sind die Götzen? Er beginnt