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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-09 · Heft 7 (9.2.1886) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 7 (9.2.1886)
Date
1886-02-09
Page
Seite 110 (sequence 14)
Language
German
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110 Industrieausstellung, die Commerzienrathin nach einem billigen wollnen oder baumwollnen Kleiderrest zu fragen. Menah stand wie taubstumm neben mir; ich rief sie vergeblich an, ihren Geschmack jetzt zu offenbaren — sie hörte mich nicht und fand kein einziges Wort, ihre Wünsche auszudrücken. Nur Molly war in ihrem Fahrwasser und schwamm unverschüchtert weiter. Mit einer Anmaßung, die an Keckheit grenzte, rief sie nach dem Verlangten, tadelte frech und feilschte mit der Commerzienrathin um ein paar Mosonat^), als wäre diese das erste beste Hökerweib. Zu meiner Verwunderung schien Frau Maimon das gar nicht ungewöhnlich zu finden, ja, ich glaube, Molly wäre in ihrer Achtung gesunken, wenn sie den vorgeschlagenen Preis nicht sofort um zwei Drittel herabgesetzt hätte. Das Merkwürdigste aber war, daß sie die Waare schließlich auch um zwei Drittel billiger als das Angebot erhielt. Ich war froh, als wir so einen Rest crtzmeweißen Thibets um einen wahren Spottpreis erstanden. Die Farbe harmonirte vortrefflich mit Menah's feiner, bräunlicher Haut. Dazu eine Mantille von weißer spanischer Spitze, wie sie junge Andalusierinnen bei festlichen Gelegenheiten tragen. Die Mantille war nicht passend für jüdische Begriffe, dagegen schien sie mir für den Typus von Menah's Schönheit ganz geeignet. Schließlich machte die großmüthige Commerzienräthin ihr noch eine Schnur rother Korallen zum Geschenk, was ihr sofort Gehör und Sprache wiedergab. Sehr befriedigt kamen wir von Maimons zurück. * * * Es war nur natürlich, daß ich nach einem.Vorwände suchte, Ruth, die Concurrenzbraut, zu sehen, der auch bald gefunden war. Ihre Eltern besaßen eine Makkabäerlampe von großem Werth, die schon manchen Fremden angezogen hatte. Ich ließ durch Isaak meinen Besuch melden. Das Haus Ephraim's lag auf der Anhöhe und lehnte sich mit einer Seite an den Felsen. Das Innere machte einen etwas vernachlässigten Eindruck. Mirjam, die Stiefmutter Ruths, von der ich erfahren hatte, daß sie schlecht mit der Tochter stehe und diese manchmal mißhandle, empfing mich. Sie war noch jung, aber schon recht corpulent. Als sie mir in ihrem Hellen, etwas schlampigen Anzug entgegen kam, zitterte ihr Körper wie ein Aspic. Tie Züge waren hübsch, aber der Ausdruck mürrisch. Um ihre Laune zu verbessern, frug ich, noch ehe ich die Lampe besichtige, ob ich ihre lieben, schönen Kinderchen nicht betrachten dürfe. Durch das Haus erschallte nämlich ein vielstimmiges Kindergebrüll, und ich wußte aus untrüglicher Erfahrung, daß man die mißmuthigste, ungeduldigste Frau sofort in die bestgelaunte, liebenswürdigste verwandeln könne, wenn man ihre Kinder lobe. Sie wurde ') Eine Mosona — etwa 5 Pf. auch gleich etwas freundlicher, ergriff mit ihrer weichen, schwammigen Hand die meine und führte mich durch zwei sehr dunffe Räume — die Läden waren der Sonne wegen dicht geschlossen — in einen dritten, der nur wenig heller war. Als sich die Augen in der Dämmerung orientirt hatten, bemerkte ich auf dem mit Esteras bedeckten Boden vier bis fünf kleine Mirjams, die, unter der Aufsicht einer ältlichen Person, schreiend und blöckend durch einander krabbelten. Ich bewunderte ihre Größe und Vollkommenheit, athmete mit Todesverachtung den ihnen eigenthümlichen Dunstkreis und war froh, als mich die Hand wieder ergriff, um mich zurück zu leiten. Nun kam die Lampe an die Reihe, welche mir den Eindruck eines riesenhaften Uhrgestells machte, das man durch sieben halbirte silberne kleine Löwen verziert hat. Die Rachen letzterer waren zur Aufnahme des Dochts geöffnet. Vergeblich hatte ich mich überall nach Ruth umgesehen; ich war entschlossen, das Haus nicht zu verlassen, ehe ich sie entdeckt. „Sie haben noch eine Tochter, welche Ruth heißt?" frug ich Mirjam. Die schlimme Laune kehrte wieder; sie warf den Kopf hin und her. „Ich weiß nicht, ob Ruth daheim ist," erwiderte sie. Ich hielt das für Ausflucht. „Ich wünsche Ruth zu sehen, den ich habe einen Auftrag für sie," sagte ich sehr bestimmt. „Gott Adonai!" ächzte Mirjam, „ich weiß ja nicht, ob Ruth sie sehen will! Sie ist nicht eine unterwürfige Tochter, wie sich's ziemt." „Bitte, führen sie mich zu ihr." „Beliebt es Ihnen, aufs Dach zu steigen, so werden Sie Ruth finden," sagte sie jetzt. Ich ließ mir den Weg zeigen. Das flache Dach war wie alle Dächer von Tanger von einer Galerie eingefaßt. An der Seite, wo der Felsenvorsprung Schatten gab, hatte man in Kästen, die mit Erde gefüllt waren, allerlei Pflanzen gezogen. Neben diesen saß Ruth auf einem Polster, die Hände im Schoß. Als sie aufstand und mir ihr Gesicht zuwandte, wurde mir Menah's Sieg zum ersten Male bedenklich. Ruth's Gestalt war noch sehr schmächtig, aber biegsam wie der Stamm einer jungen Palme, die der Wind bewegt. Jeder Zug ihres Gesichts sprach von tiefer Leidenschaftlichkeit. Sie hatte einen Ausdruck, als habe sie soeben um Jerusalem geklagt, ehe sie ihre „Harfe an den Weiden aufgehangen." „Ich habe durch Menah Benares von Ihnen gehört und wünschte Sie zu sehen . . ." Sie murmelte ein paar Worte ganz leise, es klang mehr wie ein Seufzen. Von dem Punkt, wo wir standen, hatte man einen

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