Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1886)
- Date
- 1886-02-09
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
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10» situirten Hebräers werden. Sie war bereits fünfzehn Jahr — es war keine Zeit zu verlieren. Menah war furchtbar aufgeregt. Vor ihr schwebte der Ehemann wie ein Phantom, das jeden Augenblick die Gestalt verändert. Von der Bedeutung der Ehe hatte sie Vorstellungen, die an Klarheit denen vom „Christengotte" nichts nachgaben. Das Phantom hieß: Ebn Eschak'), war ein gut beleumundeter Babuschen-(Pantoffel)händler und den Verwandten seit Jahren bekannt. Uebrigens war die Heirath noch nicht ganz gewiß, d. h. diese Heirath, denn an wohlsituirten Hebräern schien in Tetuan kein Mangel. Es waren Ebn Eschak nämlich zwei Bräute vorgeschlagen worden: Menah und Ruth, Tochter des Vorsängers der Synagoge in Tanger. Eschak war überzeugt, daß Beide sich als wünschenswerth Herausstellen würden, doch hatte er sich Vorbehalten, mit dem Auge zu prüfen, ehe die Hand sich nach rechts oder links ausstreckte. Er wurde in sechs Tagen zur Brautschan erwartet; die beiden Rosen von Jericho sollten ihm gleichzeitig im Hause von Ruth's Eltern präsentirt werden. Menah sagte: „Ich hoffe, die Wahl wird auf Ruth fallen; sie ist ein Jahr älter als ich, und kann französisch sprechen." Dieses „ich hoffe" hielt ich — es thut mir leid es niederzuschreiben — für die erste Unwahrheit, die Menah's reine Lippen befleckte. Welches Mädchen würde hoffen, bei einer Wahl zurückgesetzt zu werden, und wenn der Wählende selbst ein Ungeheuer wäre, und sie entschlossen, ihm nachher den Rücken zu kehren! Alles aber, was ich hoffte, schloß sich in die Voraussetzung, daß der Pantoffelnhändler eine Persönlichkeit bedeute, in deren Händen das liebe Geschöpf mir sicher geborgen schiene. Vom Malen war unter den bewandten Umständen nicht die Rede. Zuerst beschäftigte mich Menah's Toilette bei der Brautschau. Es kam mir fast vor, als ob ein Preisschauen zwischen ihr und Ruth veranstaltet wäre, bei welchem ich auf Menah gewettet habe. Ihr verwaschenes Wollröckchen und Leibchen genügten wohl für mein Bild, aber nicht für eine solche Angelegenheit. Ich wünschte sie einfach, aber im Charakter ihrer kindlichen Schönheit gekleidet, um diese ins beste Licht zu stellen und ihr den Sieg zu erringen. Das arme Ding hatte Niemand, der in dieser Hinsicht für sie sorgte. Ihre Hausnachbarinnen waren selbst mittellos und von der kindischen Alten konnte nicht die Rede sein. Ich ließ deshalb Molly holen, die Frau meines Führers, welche sich der Aufgabe, hier zu rathen, auch ganz gewachsen zeigte. Sie schlug vor, uns sogleich in den Bazar von Markus ben Maimon zu begleiten, der von Allem habe, was die „Königin von Saba" wünschen könne, und noch etwas mehr. Menah war wie berauscht von dem Gefühl, aus dem Schatten, in dem sie ihr ganzes Leben zugebracht, plötzlich ans Licht gezogen zu werden und eine Rolle zu spielen. Wir hatten nicht weit zu gehen. In gewissem Sinne existirt das Ghetto noch für die Juden in den afrikanischen Küstenstädten; sie wohnen dicht bei einander. Es war Mittagszeit, aber das von zwei ärmlichen Häuserreihen gebildete enge Gäßchen, das wir nach Ben Maimon's Hause passirten, genoß den Vorzug des Schattens — die Sonne fand keinen Weg hinein. Am Ausgang, auf einem unscheinbaren Platz, stand das Haus. Molly klopfte selbstbewußt. Sie hatte einmal Henri Regnault hierhergeführt; vor Jahren, wie sie behauptete, auch „Musju Montefiore“, als er nach Tanger und Tetuan gekommen war, um die bedauernswerthe Lage seiner Stammes genossen zu verbessern. Eine Frau von einigen vierzig Jahren öffnete uns die Thür. Sie war nachlässig gekleidet; der rothe Turban saß schief. Sie sah aus, wie ich mir etwa Madame Sarah, Abraham's Gattin, denke, als sie noch kinderlos war. Ich schloß von dem Aeußern, daß sie ihre mißvergnügten Stunden habe, vielleicht an alttestamentarischer Migräne leide, und jedenfalls zuweilen die Babusche schwinge. Von Pantoffeln spricht man in Tanger nicht. Madame Sarah erklärte, daß der Patriarch nicht anwesend sei, daß sie übrigens den Handel auch verstehe, was ich ihr aufs Wort glaubte. Schweigend schritt sie uns in den Hof voran. Hier bekam man erst einen Begriff von dem Rauminhalt des Grundstücks. Eine Treppe führte vom Hofe — Patio vielniehr — nach der offenen Gallerte, in welche die Thüren und Fenster der einzelnen Wohnräume mündeten. Eugen Delacroix' „jüdische Hochzeit" im Louvre giebt das genaue Bild eines solchen Hausinnern. Als der erste der Waarenräume vor mir geöffnet wurde, bemächtigte sich meiner ein grenzenloses Erstaunen beim Anblick der Kostbarkeiten, die er enthielt. Madame Sarah aber schwang sich sofort vor mir zur „Frau Commerzienräthin" Maimon auf. Der deutsche Respect vor solchem Reichthum ließ es nicht anders zu. Auf der einen Seite dieses Raumes waren Stoffe aller Art ausgebreitet. Hier konnte ich die Specialität von Fes bewundern, die darin bis jetzt von keinem anderen Lande übertroffen ist. Es waren die kostbaren, mit Gold und Silber durchwirkten Seidenstoffe, von der schwersten bis zur spinnewebfeinsten Art — so fein, wie man sich etwa das Gewebe denkt, aus dem die Elfen ihre Schleier wählen. Teppiche, und Vorhänge gab's aller Arten, von den einfachsten bis zu den kostbarsten, durch einander gehäuft auf Stiegleitern Tischen und Stühlen. Ich schämte mich fast, Angesichts dieser ') Ich habe sämmtliche Namen verändert.