Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1886)
- Date
- 1886-02-09
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
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103 nicht stark genug, um über poetische Aestethik ein bindendes Urtheil abzngeben, aber mir, als selbständigem Menschen, erscheint es kindisch, wenn Jemand durch Messungen an den Füßen wie Herr Arnulf Sebald menschliche Charaktere erkennen will. Ich habe schon ganz wackere Menschen mit Plattfüßen gesehen. Was will es dagegen bedeuten, wenn ein Mann gesteht, von den willensschlaffen, froschkühlen Fingerlappen mancher Frauen bis in das Herz hinein angefröstelt worden zu sein, aber unsere Damen dürfen sich bis auf Weiteres schwerlich für die von Jordan vorgeschlagenen Trauungsceremonien erklären. Verlangt wird nämlich, daß die Braut einen Apfel schäle, der Bräutigam ihn zerlege, daß das Brautpaar ihn gemeinschaftlich verspeise, indem sie sich gegenseitig die Schnitte in den Mund stecken. Ich sage nur Pfui Teufel! Von der Frauenwürde wird ganz schopenhauerisch gehandelt. Wenn einerseits Cäcilie am Hochzeitstage erklärt: sie sei bereit zu thun, was man noch keiner Braut zugemuthet hat, so erfahren wir, die wir schon auf etwas ganz Entsetzliches gefaßt sind, daß sie darunter versteht, selbst die Orgel zu spielen, hören wir anderseits die Liebe in einer Weise definiren, die so derb ist, daß ich meine Leserinnen bitte, diese Stelle zu übergehen. Herr Jordan sagt ausdrücklich, die Liebe des Weibes ist niemals ätherisch, ihr Uranstoß ist ein dunkles Empfinden, dem richtigen Gedeihwecker (sie!) für die vorangelegten Schooßknöspchen begegnet zu sein. Ich sage wieder nur Pfui Teufel!! Wessen wir uns aber von der Ethik des Romans der Gegenwart zu versehen haben, soll die Schilderung eines Schiffbruches zeigen, bei welchem diejenigen, welche von dem ersten Gedränge niedergestoßen wurden, mit folgenden Worten geschildert werden: „Auf den Stufen und in den Ausgängen winden sich verendend oder blutsprudelnd etliche Schwächlinge" u. s. w. Herr Jordan! Einmal in meinem Leben sah ich einen Menschen von dem Dache herabgestürzt, in dem letzten Todeskampfe. Es war ein Maurer, der gerade Mittags, als sein Kind ihm das Essen brachte, von dem Gerüste gestürzt war und blutüberströmt in Todeszuckungen lag. Ich hätte viel darum gegeben, wenn mir dieser jammervolle Anblick und das Angstgeschrei des armen Kindes erspart geblieben wäre, und jetzt zu denken, daß ein Mensch fern von der Heimath einem schrecklichen Geschicke erliegt, daß einer im Bewußtsein seines elenden Unterganges stundenlang sich im Todeskampfe martert, daß es endlich einer sein kann, der nach jahrelanger Abwesenheit von greisen Eltern, von einem liebenden Weibe, von hilflosen Kindern vergeblich erwartet wird, das kann mir nur das Gefühl des tiefsten Mitleids einflößen; aber von einem solchen zu sagen, daß er verendet, von einem, der mit demTode ringt, humoristisch zu sagen, daß er Blut sprudelt, das ist dem Roman der Gegenwart Vorbehalten geblieben, und ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich die Behauptung aufstelle: der Roman der Gegenwart wird binnen Kurzein Roman der Vergangenheit sein. G. D. Deutschland. Berlin, 26. Januar. (Privatmitth.) Der Bundesrath! hat die Berathung des Reichstagsbeschlusses über die Ausweisungen abgelehnt, weil die preußische Negierung zu dieser Maßregel eompetent gewesen — was-freilich Niemand, auch nicht jene Resolution des Reichstages, bestritten hat. Vorläufig ist deshalb jede weitere Erörterung dieser Angelegenheit überflüssig. Die Conservativen und Nationalliberalen haben bei dem preußischen Abgeordnetenhaus einen Antrag eingebracht, welcher bezweckt, daß die Regierung positive Maßregeln zur Germanisirnng der polnischen Landestheile und natürlich auch zum ferneren Ausschluß russischer und galizischer Einwanderer treffe. Unsre Leser werden sich erinnern, daß.wir derartige Maßregeln, wenn sie aus nationalen und Staatsgründen beschlossen werden, für durchaus berechtigt hielten, daß dies aber etwas ganz Anderes als die plötzlichen Ausweisungen Tausender sei, die seit längerer Zeit schon ansässig und in jeder Beziehung unbescholten waren. (Freis. Ztg.) I — Die Privatklage May wider Professor Strack kam j vor der 6. Strafkammer in der Berufungsinstanz zur Verj Handlung. Der Streit ist in der bekannten Schrift Strack wider Stöcker ausführlich dargestellt. Dr. Philadelphia Simon May, damals ständiger Mitarbeiter des „Reichsboten", war dem Hofprediger Stöcker, der sich bei einer Talmudrede auf einen Artikel von Dr. Morgenstern gestützt hatte, in einer Versammlung des Antisemitenbundes durch heftige Angriffe gegen Strack zu Hilfe gekommen. Dieser sei kein Priester der christlichen Kirche mehr, fürchte sich vor der Judenpresse und dergl. mehr. Professor Strack veröffentlichte nun eine Erklärung, in welcher er May jede Kenntniß des Talmud absprach und sichauf Zeugnisse des Dr. Berliner und des Geistlichen Dr. Krüger berief. Letzterer hätte von May, verwegen Bankerottes in Plötzensee sitze, bekundet, daß derselbe nicht einmal die Elemente der hebräischen Sprache ordentlich gelernt habe. May bestritt die gegen ihn ausgesprochenen Beschuldigungen und behauptete, diese seien auf einen Mitarbeiter philosemitischer Blätter und Polizeispion zurückzuführen.