Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-09 · Heft 7 (9.2.1886) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 7 (9.2.1886)
Date
1886-02-09
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227617--43295-3263647
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

102 zu den Antisemiten der wissenschaftlichen Richtung; alle Inden, die er zeichnet, sind erbärmliche Charaktere, infoferne und insolange sie Juden sind; da ist zunächst der Banquier Mendez, ein erbärmliches, unselbständiges Geschöpf, ein Mann, der von dem Rabbiner Aronsohn durch den bloßen Hinweis auf die traurigen Geschicke seiner Familie zum Orthodoxen der strengsten Richtung gemacht wird; da ist der nur im Hintergrund erscheinende Aronsohn selbst, den wir garnicht begreifen können, er kämpft nicht für die Herrschaft der Kirche, nicht für die Erweiterung seines Machtbereiches, nicht in der Hoffnung auf Gewinn, sondern aus bloßem Zelotismus oder, sagen wir es deutlicher, weil Herr Jordan ein jüdisches Seitenstück zu dem Jesuiten Marpinger und dem Consistorialrath Sutor braucht; da ist ferner Rosenberg, der Präsumptive Schwiegersohn Mendez, ein Mensch, der durch tölpelhafte Aufdringlichkeit abstoßend wirkt, der uns höchstens dadurch versöhnen soll, daß er aus Dankbarkeit gegen seinen Lebensretter Arnulf Sebald, den Bruder des Pastors, auf die Hand der schönen Cäcilie Mendez verzichtet. Hingegen ist die letztgenannte Dame, der der angestammte Glaube Grauen einstößt, die ohne den geringsten Skrupel die Taufe annehmen will, ein weibliches Ideal. Selbst der Photograph Pfungstädter, welcher, obwohl Jude, gegen Mendez, der sich von ihm in der Morgenandacht nicht stören lassen will, grob wird wie ein Hausknecht, ist ein edler Charakter, das heißt, wenn wir dem Dichter glauben wollen; ich muß gestehen, daß derjenige, welcher in einem fremden Hause, ohne daß er beleidigt worden wäre, die Thüre zuschlägt, so daß die Mesusa herunterfällt, in meinen Augen ein Flegel ist. Endlich derselbe Banquier Mendez, der bisher ein schwachherziges Geschöpf gewesen ist, wird sofort ein Weltmann von feinen Manieren, als die Pastorin, deren Einladung zum Frühstücke er aus religiösen Gründen refusirt hat, ihm mit dem Hinauswerfen droht. Sagen wir es kurz: Der Roman der Gegenwart soll die poetische Gestaltung des Antisemitismus sein, und da der große Rhapsode wahrscheinlich die Absicht hat, daß seine Lehren praktische Wirkungen erzielen, so will ich die Worte niedriger hängen, welche die Frau Pastorin gebraucht, um Herrn Mendez das Unhaltbare der jüdischen Speisegesetze zu beweisen: „Kommen Sie zur Einsicht, ruft sie, daß überhaupt Eure ungastliche hochmüthige Koscherei in dem Rest von Verkehr, den sie Euch übrig läßt mit uns, eine ehrenrührige Mißachtung der großen Nation ist, deren Wohlthaten Ihr genießt, mit ihr besonders verschuldet Ihr eine der gerechten Ursachen des Grolles, den die Judenhetzer zu schüren beflissen sind." Deutlicher kann man nicht sein, der Groll gegen die Juden hat seine gerechten Ursachen, von denen die jüdischen Speisegesetze einen Theil ausmachen. Da wäre es eonsequenter, den versöhnenden Abschluß, statt in einer j Mischehe, in einer Vertreibung der Juden zu suchen, das Judenthum als Religion hat ja nach Herrn Jordan -gar keine Existenzberechtigung, „denn die,beste Leistung unserer Religion ist", nach seinen eigenen Worten, „die im Reiche der Christenheit unvergleichlich höher als irgendwo außerhalb veredelte Gesittung," seine Gesetze sind auch längst veraltet, „höchstens haben einige vor Jahrtausenden im heißen Orient gesundheitsförderlich wirken können, hier im wohlgeordneten Europa, sind sie längst ebenso sinnlos wie vernunftwidrig und friedenstörend." Hat Jemand, dem das Christenthum nur eine geschichtliche Bedeutung hat, dem alle Dogmen bloße Symbole sind, hat er das Recht über das Judenthum in dieser Weise abzusprechen? Wenn wir den Spieß umkehren und dasselbe von der großen Idee des Protestantismus, von der Rechtfertigung durch den Glauben aussagten, wenn wir mit Beziehung auf Luther's eigene Worte gar beweisen wollen, daß das Christenthum Ehebruch und Mord lehrt, da ja auch ein Mörder und Ehebrecher selig werden kann, wenn er nur den rechten Glauben hat, wäre nicht die unausbleibliche Folge, daß man zunächst von jüdischer Arroganz, als „einer der gerechten Ursachen des Hasses gegen uns" spräche? Es wäre übrigens schade, dies weiter auszuführen. Der Rhapsode Jordan mag die urgermanischen Anschauungen der Nibelungenzeit kennen, mag versuchen, einem gehörnten Siegfried nachzufühlen, das Judenthum kennt er nicht, der jüdische Gedankenkreis ist ihm ganz fremd, was er dadurch schon be. wiesen hat, daß er das Judenthum in seiner religiösen Erscheinung in die Gesellschaft führen wollte. Freytag hat hier den Dichter bewiesen, indem seine Juden activ und passiv nur nach ihrer socialen Bedeutung gezeichnet werden. Mall könnte einen Inden sich Zeichnen, der äußerlich in nichts den Juden verräth, der aber das Judenthum als geschichtliche Erscheinung, als in der Welt existenzberechtigten Faktor ehrt, ein solcher könnte uns Mitgefühl einflößen, wenn er den Glaubenswechsel seines Kindes als Gesinnungslosigkeit, als Zeichen von Gedankenlosigkeit, von Mangel an Selbstachtung, von Rohheit gegen seine nächsten Angehörigen verurtheilt. Wir könnten uns einen schlicht gläubigen Mann denken, dessen Herz sich ausbäumt bei dem Gedanken, daß sein Kind von den Wegen Gottes abirrt, wie ihn Kompert in seinem „Dorfjuden" zeichnet, mit einem solchen Mann können wir fühlen, aber Jemand, der zum Pastor hineinpoltert wie ein Gassenjunge, dann durch ein paar hebräische Citate des Herrn Pastors besänftigt, durch die Drohung hinausgeworfen zu werden, geködert, plötzlich anderen Sinnes wird, ist weder im praktischen Leben noch in der Poesie ein möglicher Charakter. Der Roman der Zukunft soll den Darwinismus poetisch gestalten, dagegen will ich nichts einwenden; ich fühle mich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.