Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1886)
- Date
- 1886-02-09
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
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101 gestalter und Verjünger (Regenerator darf man wohl nicht sagen) der deutschen Sprache beschäftigt, so wollen wir uns auch seine Logik ein wenig ansehen. Seine Heldin, die Gräfin Hildegard Sebald, ist eine merkwürdige Dame, ihre Phantasie würde nach den Worten des Dichters „in Dienst genommen vom Herzen, selbst eine Montblanckette von Hindernissen ihrer Wünsche kühn überflattern". Das Gespräch mit ihrem Vetter über religiöse Fragen wirkt so sehr auf sie, daß „aus ihren Augen nicht mehr die arbeitsfrohe Mitregentin des Vaters, sondern die träumerische Grüblerin blickte." Es ist kein Wunder, wenn bei der Ueberzeugung von der Lenksamkeit des Frauenherzens der große Dichter der Nibelungen zum Knittelverse hingerissen wird, der Emmas Stammbuch in den „fliegenden Blättern" alle Ehre gemacht hätte, er lautet: „Arm an Selbstgefühl, Vertrauen, werden kluge, reiche Frauen." Unter solchen Umständen dürfen wir uns über den feinen Geschmack nicht beklagen, der sich in den gegen die Aeußerlichkeit der Religion gerichteten Versen kundgiebt, welche lauten: „Wir lernen nie das Wesen auszudrücken, bekleckst nur wird's, wenn wir's wie Kinder schmücken." Nach alledem haben unsere Leser volles Recht zu fragen: Was heißt Roman der Gegenwart? wir antworten ihnen kurz, es ist der Roman der Schopenhauerisch-Darwinistischen Weltanschauung. Die Religion wird in Esfigie gehängt, ihre Vertreter sind: ein sehr abgebrauchter Jesuit, Professor Marpinger aus Odenburg, richtiger der bekannte Historiker Janßen; der Rabbiner der altgläubigen Judengemeinde, namens Aronsohn, richtiger Samson Hirsch in Frankfurt a. M.; die Protestanten kommen mit einem unbedeutenden Consistorialpräsidenten Namens Lutor weg, der schon auf der Universität seinen Mangel an Kenntnissen durch Schmeichelei gegenüber einem jungen Professor verdeckt hat, in welchem letzteren Jeder ans den ersten Blick Tholuck in Halle erkennt, und daneben giebt es eine Anzahl von durch Priestertrug umgarnten Personen, darunter der Banquier Mendez (Wilhelm Rothschild), sein freisinniger Bruder (Karl Rothschild), der als helles Gegenstück ihm zur Seite steht; die junge Gräfin Hildegard, welche durch die Künste des weltmännischen Jesuiten Marpinger zur Ehelosigkeit oder zur Verheirathung mit einem Werkzeuge der Kirche veranlaßt werden soll und andere minder bedeutende Persönlichkeiten. Dieses Gelichter überragt natürlich um Kopfeslänge der protestantische Pastor Ullrich Sebald, einem alten Rittergeschlechte entstammt, dessen Familie erblich im Besitze der Pastorswürde an der Sebalduskirche ist, der Prediger des Darwinismus. Die Kirche und ihre Dogmen sind ihm bloße Symbole, alle Confessionen können sich in ihr vereinigen, die Auferstehung Christi ist der Fortschritt der Menschheit, seine Wiederkunft ist auch etwas Aehnliches, nur die Taufe ist unerläßlich. Da haben es allerdings die Kritiker unter den holländischen Theologen heute schon weiter gebracht. Da die Erleuchtung nur auf protestantischer Seite zu Hause ist, so muß der arme Aronsohn (was ich dem guten alten Herrn, ohne selbst mit ihm eines Sinnes zu sein, wahrlich nicht gönne) mit dem Jesuiten auf einer Stufe stehen, er umgarnt den guten Mendez durch Schreckbilder von dem göttlichen Strafgerichte, durch kluge Ausnützung einer Nerven-Krankheit so lange, bis der arme Mann seine vornehme Billa verläßt und in das Judenquartier in das Haus seiner Vorfahren sich zurückzieht, weil Aronsohn erklärt, das; das Haus der Väter durch Vermiethung an Gojim trefe geworden sei und erst durch alle Cereinonien der Sühne tophel (sic!) werden muß; die Cercmonien sind: Aufschrift sechor (sic!) lechorban, Verrichtung eines Gebetes im Hausflur, eigenhändiges Anheften der Mesusa, Versprechen, täglich mit 7. Gebetshelfern das Morgengebet zu verrichten und ähnlicher Unsinn. Herr Jordan! ich bin seit 5 Jahren im öffentlichen Dienste als Religionslehrer thätig, ich habe zur Freude meines Vaters schon an meinem 7. Geburtstage das erste Blatt aus dem Talmud vor einem größeren Zuhörerkreise interpretiren müssen, aber bis heute weiß ich noch nicht, daß ein Haus an Gojim vermiethet, liefe werden kann, bis jetzt weiß ich noch nicht, daß tophel gesühnt heißen könne; darum, liebe Berufsgenoffen, leset fleißig Romane, wenn Ihr in der jüdischen Theologie Fortschritte machen wollt. Ihr werdet dann erfahren, daß die Zizis 5 Knoten haben, ebenso, daß ein Haus am besten am Tage der Thekupha des Frühlings gesühnt werde, daß zum Gebete 7 fromme Männer gehören, und daß ein Braten, wenn er mit etwas Rahm zubereitet ist, in's Spital abgeschickt werden muß, und endlich könnt Ihr Euer religiöses Leben durch Bekanntschaft mit Herrn Jordan's Werk bereichern, indem Ihr belehrt werdet, daß die Juden am Passahfeste das Osterlamm noch heute verzehren. Diese Ceremonie gefällt dem freisinnigen Herrn Pastor so sehr, daß er sie selber mitmacht. Prosit Mahlzeit! Nun ich gestehe gern, daß für den poetischen Werth eines Dichterwerkes nicht unbedingt eine genaue Bekanntschaft mit allen Bestimmungen des Schulchan Aruch entscheidend ist, hingegen muß eine gewisse Objektivität, ei» ruhiges sich Versenken auch in die gegnerische Gesinnung möglich sein, wie es unstreitig Gustav Freytag in seinem „Soll und Haben" getroffen hat. Das hat Herr Jordan versäumt, obwohl er seinen Banquier Mendez gegen unseren großen Feind Gustav Freytag wüthen läßt, offenbar um sich auf eine gleiche Stufe mit ihm zu setzen. Ja, es ist wahr, Gustav Freytag hat keine tendenziöse Apologie des Judenthums geschrieben, aber er ist wahr geblieben im poetischen Sinne; Jordan hingegen gehört offenbar wegen seiner geistigen Verwandtschaft mit den Herren Schopenhauer, von Hartmann, Gustav Jäger u. s. w.