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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-09 · Heft 7 (9.2.1886) · p. Seite 100

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 7 (9.2.1886)
Date
1886-02-09
Page
Seite 100 (sequence 4)
Language
German
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100 Was soll dies heißen? Sind jene Juden nicht den Staatsgesehen, z. B. der Wehrpflicht, dem Schulzwange u. s. f., so gut wie dem Steuerzahlen unterworfen? Wir stellen diesen Worten das Zeugniß entgegen, welches (s. Nr. 6.) z. B. die städtischen Behörden und das Polizeiamt zu Memel auszustellen bereit sind, daß die ausgewiesenen Juden in keiner Weise lästig gewesen und die Gesetze durchaus nicht verletzt, auch sich an keiner Agitation betheiligt haben, und ein ähnliches Zeugniß lag in dem Gesuche der Königsberger Stadtbehörden gegen die Ausweisungen aus ihrer Stadt vor. — Im Ganzen ist das Kapitel der Ausweisungen — die übrigens noch immer fortdauern — im Reichstag und im Abgeordneten- Hause nur wenig illustrirt worden. Jedenfalls aber können die Antisemiten sich nicht rühmen, durch ihr Geschrei die Ausweisungen herbeigeführt zu haben, denn die polnischen Juden wurden nur mittelbar davon betroffen, nicht weil sie Juden, sondern weil sie aus Polen sind. — Brünn, im Januar. Literarischer Wochenbericht. Der Roman der Gegenwart und das Judenthum. Bon vr. G. Deutsch. Seitdem der selige Karl Bartholomeus Sessa sein Lustspiel „unser Verkehr" in die Welt gesetzt hat, haben wir Juden mancherlei literarische Verunglimpfung über uns ergehen lassen müffen. Es ist nur ein Glück, daß derartige Produkte als tendenziöse Werke zugleich von so problematischem poetischen Werthe sind, daß sie sich ihr Urtheil selbst sprechen. Doch ist bei der heutigen Zeit das Pikante zugleich Kriterium des poetischen Werthes, daher ist es nicht überflüssig, daß wir den neuesten poetischen Darsteller des Judenthums, den Rhapsoden „Wilhelm Jordan" und sein Opus, genannt die „Sebalds", ein wenig bei Lichte besehen. Sollte Herrn Jordan diese Zeitung zu Gesichte kommen, so will ich mich ihm gleich als simplen Lehrer der jüdischen Religion vorstellen, um es ihm zu ersparen, daß er über die semitische Arroganz eines solchen unbedeutenden Menschleins sich aufhalte, der es wagt, einen Pfadfinder auf dem Gebiete deutscher Dichtkunst zu kritisiren. Ja, ich bin nur ein einfacher Gymnasiallehrer, aber ich glaube denn doch trotz meiner semitischen Herkunft ein wenig Gefühl für die deutsche Sprache zu besitzen und da möchte ich meinen, daß es selbst einem genialen Rhapsoden nicht erlaubt sein kann, schlecht zu schreiben: z.B. Schrauben ist ein schwaches Verbum, daher darf man einfür allemal nicht sagen: „ als Du den Spectralapparat abschrobst." Ebenso würde ich keinem meiner Schüler gestatten, von ausschlüpfen ein Partizip „ausgeschlofcn" zu bilden, mein Großvater, Gott Hab' ihn selig, hat allerdings so das Particip. von schlafen gebildet. j Neue Wörter zu schaffen, haben unsere größten Genies oft vergeblich versucht. Goethe hat sich in dem viel gepriesenen „Wilhelm Meister" bemüht, das Wort Lacerte für Eidechse einzubürgern. Bon rufen bildet er im Weither ein Präteritum „rufte", es ist trotzdem falsch geblieben; wenn jetzt Jemand statt falten, „fälteln", statt Verliebtheit, „Verliebniß", statt sichtbar, „schaubar" uns aufdrängen will, müßte er ein Klassiker der deutschen Dichtkunst sein, müßte jeder Leser die Ueberzeugung haben, daß er das Werk eines Mannes liest, der die Sprache mit vollständiger Meisterschaft beherrscht. Ein solcher Mann dürfte nicht statt Muße zum Grübeln, „Grübelmuße" sagen, er dürfte nicht von groß den Superlativ „der größeste" bilden, er dürfte nicht von Forst den Plural „Forsten" haben, er dürfte nicht von Bleistiftblättchen sprechen, wenn er ein mit Bleistift beschriebenes Blättchen meint, er dürfte nicht das geschlechtslose Jünger zu einer „Jüngerin" machen und dürfte ebensowenig sagen, daß die Romanheldin „ihre ideale aufopfernde Zärtlichkeit aus Mitgefühl für echte Liebe ansah." Ich, der schlichte Religionslehrer, muß gestehen, daß ich ein Provinzialblättchen zur Seite werfe, wenn es von unserer gefeierten Gastin spricht. Ein Mann, dessen literarisches Wirken von einem Aeste thiker wie Ferdinand Sturmberger als Luftblase in dem Meere der Literatur angesehen wurde, muß, wenn er sich einer solchen Opposition gegenüber halten will, auf die Logik seiner Sache achten und darf nicht sagen „unbekümmert um die Schulter und Schädelbrüche durch ihre Absätze waren zwei Zwischendeck-Passagiere ins Boot gesprungen"; er darf ferner nicht das lateinische: yuod ego accipio (se. iudicitun) durch „ihr, indem ihm euer Urtheil fällt, habt wohl mehr Angst als ich, indem ich es empfange" übersetzen. Herr Rhapsode Jordan! Wenn ich in der 3. Gymnasialclasse aushilfsweise Latein unterrichte, so bekäme der Junge, der mir diesen Satz so übersetzte, eine empfindliche Strafe und alle seine Mitschüler würden ihn auslachen, wenn er das accipio hier nicht durch das entsprechende deutsche Wort, als etwa: über mich ergehen lassen, hinnehmen, erdulden u. s. w. zu übersetzen vermöchte. Wenn ein Schriftsteller solche Stil-Proben liefert, so muß er es sich gefallen lassen, daß wir bei allem Respekt vor dem urgermanischen Geiste, der in ihm seine Auferstehung gefeiert hat, auf das Gebiet von Wortbildungen wie „die hartestschalige Erkenntniß" „Burbeln der Luftblasen, der bekömmlichste Fruchtsast," ihm nicht folgen können, daß wir sagen müssen, Ausdrücke wie der Erbaumeister, das verbleckte Daguerrotyp, endlich Claurensche Reminiscenzen wie: Jüngelchen, Patchen, Gliederchen» Zimperdöckchen, Schooßknöpfchen, oder aus dem Jargon verunstaltete Worte wie „schmaddern", sind, zumal in ernstem Affect gebraucht, geradezu häßlich. Haben wir uns jetzt mit Wilhelm Jordan, dem Um-

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