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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-09 · Heft 7 (9.2.1886) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 7 (9.2.1886)
Date
1886-02-09
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
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99 Gegenwart die Beweise nicht inehr von der Folter herholen kann. Gerade im Eegentheil ist der Jude im Allgemeinen äußerst empfänglich für jede Freundlichkeit, die ihm von Christen gewährt wird; ja er ist vielleicht zu sehr geneigt, sich um dieselbe zu bewerben. Der jetzige Jude fühlt sich gedrungen, die Verdienste eines Christen hoch anzuschlagen und anzuerkennen, und wir können es behaupten, daß in der jüdischen Literatenwelt gegen die christlichen Genossen lange nicht so viel Neid und Mißgunst herrscht, wie in der christlichen Schriftstellerwelt. Wir deuten dies nur an, da alle unsere Leser, die jüdische» wie die christlichen, wenn sie unparteiisch sind, es sich aus dem wirklichen Leben weiter folgern können. Bon Haß ist da überall keine wirkliche Spur, und wenn in den letzten Jahren, da der Antisemitismus so heftig aufflamnitc, sich in den jüdischen Gemüthern mancherlei bittere Empfindungen ansammeln mußten, so gingen diese meist doch nicht tief und sobald sich einige Ruhe wieder herstellte, wieder vorüber. Hoffen tvir deshalb, daß die Insinuationen des Herrn Treitschke ebenso von den Lesern seines Werkes verwunden werden, wie dies mit so vielen ähnlichen Produkten geschehen muß. Für den Geschichtsschreiber Treitschke werden sie kein günstiges Zeugniß hinterlassen. (Schluß folgt.) Die Ausweisungen im preußischen Abgeor-netenhause. Eine Erscheinung, die sich seit der Erlangung der Gleichberechtigung seitens der Juden mehrfach wiederholt hat, ist, daß sie bei großen inneren Conflikten der betr. Staaten leiden müssen, ohne daß sie zu jenen irgend eine Veranlassung gegeben haben, nämlich darum, weil sie auf dem Boden der Gleichberechtigung in eine Ausnahmestellung nicht gebracht werden sollen. Wenn der Kampf gegen den Klerikalismus in Frankreich zur Verminderung der Cultusetats, zur Entziehung der Stipendien für die Seminaristen u. dgl. geführt hat, so werden der jüdische und protestantische Cultusetat und das Pariser Rabbinerseminar davon hart mitgetroffen, während die jüdischen Consistorie», Gemeinden, Synagogen und das gedachte Seminar auch nicht die geringste Beschwerde hervorgerufen haben. Wenn in Belgien dem katholischen Cierus wegen schwerer Conflikte die Verfügung über die Friedhöfe entzogen und diese für das Eigenthum der Ortsgenieinden erklärt werden, schließt man auch die jüdischen Friedhöfe, obschon diese durch die Privatmittel der jüdischen Gemeinden erworben und hergestcllt worden, also Privateigenthum derselben sind und niemals ein Akt der Unduldsamkeit auf denselben hervorzetreten ist. So auch bei den Ausweisungen der russischen und österreichischen Unterthanen polnischer Nationalität ans den östlichen Provinzen des preußischen Staates. Diese polnisch russischen und galizischen Inden sprechen allesammt deutsch, wenn auch in ihrem eigenthümlichen Jargon; die nach Preußen gezogenen betheiligen sich in keiner Weise an der polnischen Agitation, an der! Schwärmerei für den Polonismus und lassen ihre Kinder in deutschen Schulen unterrichten. Dennoch wurden sie bei jenen Ausweisungen hart betroffen, weil sie ans Rußland und Galizien stammen, und man keine confessionellen Ausnahmen zugeben will. Man wird sich erinnern, daß es eine Zeit lang die Bemühung gewisser Blätter war, die Sache herumzudrehen und sie so darzustellen, als ob die Ausweisungen gegen die Juden gerichtet wären. Wir meinen zunächst das päpstliche Organ, den Osoorvators romauo, welcher auf diese Weise den von gewissen Seiten erhobenen Vorwurf, daß die Curie sich der polnischen Katholiken nicht annehme, entkräften wollte, und die „Nordd. A. Ztg.", welche den Artikel des 088. rom. wiedergab, und der wieder die antisemitischen Blätter folgten, selbst die „Köln. Ztg.". Hat doch selbst der österreichische Minister des Auswärtigen in Beantwortung einer Interpellation Aehnliches angedeutet. Jetzt haben wir eine Erklärung aus dem Munde des Reichskanzlers Fürsten Bismarck selbst, welche jener tendenziösen Behauptung jeden Boden entzieht. Schon im deutschen Reichstage, wo man die ganze Angelegenheit als eine „Polenfrage" behandelte, wurde das richtige Verhältniß klar. (s. Nr. 5.) Im Abgeordnetenhause fand die Verhandlung über diese „Polensrage" vom 28. v. M. an statt, und Fürst Bismarck ergriff das Wort. In seiner großen und ausführlichen Rede ging "er über die Ausweisungen verhältnißmäßig kurz hinweg; er sagt da u. A.: „Man hat uns im Reichstage vorgeworfen, wir hätten die Juden ausgewiesen. Nun, meine Herren, wir würden confessionell verdächtig geworden sein, wenn wir gesagt hätten: Alle Polen werden ausgewiesen mit Ausnahme derer, die jüdisch sind, oder wenn wir gar die evangelischen hätten ausnehmen wollen; wir haben aber nur die Nationalität im Auge, die wir bekämpfen." Wir haben hier über die Nechtuud Zweckmäßigkeit der Maßregel kein Urtheil abzugeben: das aber spricht der Herr Reichskanzler unumwunden aus, daß russische und galizische Juden ansgewiesen wurden, um dem Vorwurf confessioneller Triebfedern zu entgehen. Nicht ganz so günstig sprach am zweiten Tage der Debatte der Minister von Puttkammer sich aus: „Bezüglich der Ausweisung ausländischer Israeliten habe er allerdings angeordnet, bei Aufenthalts¬ und Naturalisationsgesuchen äußerst vorsichtig vorzugehen; denn ein großer Theil derselben sei kein Gewinn für den preußischen Staat. Die Rechte, welche die preußische Staatsangehörigkeit verleihe, wollten dieselben erlangen, die Pflichten, abgesehen vom Steuerzahlen, nicht. Den Ausweisnngsmaßregeln sollen organische positive Maßregeln zum Schutze der Nationalität folgen, wie cs in der Thronrede angedeutet ist." 7*

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