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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-09 · Heft 7 (9.2.1886) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 7 (9.2.1886)
Date
1886-02-09
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Allerdings sind sie durch Geschichte und Natur bestimmt, sich zu zerstreuen uud in allen Ländern in kleinen Gruppen zu existiren. Seit achtzehn Jahrhunderten sind sie aus ihrem Stammlande hinausgeworfen und verbannt. Was die Römer hierin noch nicht vollbracht, das that das Mittelalter, welches sie so oft von Land zu Land, von Ort zu Ort jagte. Und auch die Natur hat das Ihrige hierzu gethan; denn, wie auch die Anthropologen anerkannt haben, besitzt kein Stamm in so hohem Grade die Fähigkeit, in allen Klimaten und Zonen zu bestehen und sich fortzupflanzen, wie der jüdische, der ebensogut auf den Eisfeldern Sibiriens, wie in den Tropenländern fortkommt. Aber vielleicht, weil er zu viel wandern mußte und als Benefiz dafür, besitzen die Juden den Trieb, in der ihnen einmal gewordenen Heimath zu verbleiben, sich ihr vollständig zu accomniodiren, sie zu lieben und nur gezwungenermaßen sie zu verlassen. Ein Beweis hierfür liegt darin, daß sic nach den Ländern, wo ihnen volle Freiheit und Gleichberechtigung geworden ist, in so geringem Maße gewandert sind und wandern. In Frankreich, wo sie seit 95 Jahren der unbedingten Freiheit sich erfreuen, wohnen, nachdem Elsaß Lothringen abgctrennt ist und ohne Algerien, 50,000 Juden, in Italien 36,000, in Belgien 1500, in Holland, diesem alten Freistaat 00,000, in Großbritannien 40,000. Dies vergleiche man mit der halben Million in Deutschland, mit den anderthalb Millionen in Oesterreich- Ungarn, mit der Viertelmillion in Rumänien und den dreieinhalb Millionen in Rußland! Auch nach Amerika wandelten sie in größerer Zahl erst sehr spät ein, als der Auswanderungstrieb in Deutschland und Irland schon recht hoch gestiegen, und doch kommt auch jetzt in Nordamerika erst ans 2Ö0 Seelen ein Jude. Wie kann man ihnen da „wagenden Weltbürgersinn", d. h. Kosmopolitismus zuschreiben? ihnen, die mit so starken Banden an das Vaterland, an die Heimath sich gefesselt fühlen, daß selbst die stärkste Verfolgungssucht sie nur in geringer Zahl hinaustreiben kann. Aber mit viel größerer Entrüstung erheben wir uns gegen den von Treitschke mit wahrer Leichtfertigkeit den Juden insinuirten „Christenhaß". Er flicht ihn überall ein. „Der berechtigte politische Groll der Zeit verfiel in maßlose Uebcrtreibungen, seit der jüdische Christenhaß die Flammen schüren half," ,(S. 704) oder: „Sie hielten arglos für deutschen Freisinn, was in Wahrheit jüdischer Christenhaß und jüdisches Weltbürgerthum war." (S. 705.) Und so noch öfter. Wir erklären entschieden, daß ein solcher „Christenhaß" in den Juden nicht existirt. Wir fordern Herrn Treitschke auf, für das Bestehen desselben Beweise, geschichtliche und aus dem Leben, beizubringen, daß sie ein generelles Bestehen erweisen. Nun, es ist eine psychologische Wahrheit, daß ein mit Haß erfülltes Gemüth in der Seele des Gegenstandes seines Hasses einen gleichen Haß voraussetzt, und zwar um so. eher und um so mehr, je weniger in ihm sein Haß inotivirt ist, während eine solche Empfindung bei dem Gegner recht motivirt wäre. Daß Treitschke von Judenhaß erfüllt ist, braucht nicht nachgewiesen zu werden. Er hat ihn leider hinlänglich mit Druckerschwärze dokumentirt. Und dieser Judenhaß ist -in diesem Historiker um so schärfer, je weniger er ihn in ernster und wahrhafter Weise zu motiviren vermag, und je weniger man ihm Nebenabsichten zuschreiben dürfte. Bei der Mehrzahl der antisemitischen Agitatoren sind die persönlichen eigennützigen Absichten und Zwecke, die sie mit ihrem Judenhaß verfolgten, offenkundig geworden und Niemand ist darüber noch in Zweifel. Dies kann man aber Treitschke nicht nachsagen, und er ist also aus reinem Fanatismus ein Busenfreund Adolf Wagners und Stöckers geworden, wie sich ja auch bei einem jüngsten Studentencommers diese drei Elitemänner zusammenfanden. Wie sollte nun ein gegen die Juden so haßerfülltes Gemüth nicht annehmen, daß jene, und zwar ganz generell, „Christenhaß hegten", nachdem sie so viele Jahrhunderte hindurch von den Christen verfolgt worden sind? Und doch müssen wir, in vollem Bewußtsein der Uuparteilicheit, das Bestehe» eines solchen Hasses entschieden verneinen. Wir geben zu, daß die Juden stets Opposition gegen die Dogmen des Christenthüms machten; wir geben auch zu, daß in der neueren Zeit einige — jedoch gewiß nicht zu den besseren gehörende — jüdische Literaten diese Opposition über das rechte Maß Hinausgetrieben haben — das ist aber ganz etwas Anderes als „Christenhaß!" Immerhin ist die jüdische Poleinik gegen das Christenthum, namentlich aus früherer Zeit, in Vergleich mit der Behandlung des Judenthums von christlicher Seite, ein Zwerg gegen einen Riesen. Doch wollen wir hierauf kein Gewicht legen, denn es war für die Juden stets mit so vieler persönlicher Gefahr, ja auch mit Gefahr für die ganze Glaubensgenossenschaft verbunden, gegen das Christenthum zu polemisiren, daß sie es vielleicht schon darum unterließen. Auch wollen wir nicht leugnen, daß in manchem einzelnen Juden eine gehässige Gesinnung entstehen kann, wenn er dauernder Verfolgung ausgesetzt war und weder die Straßen einer Stadt, noch die Gassen eines Dorfes durchwandern konnte, ohne verspottet und mißhandelt zu werden. Aber weiter können wir keinen Schritt in unseren Zugeständnissen gehen. Ein allgemein in den Juden vorhandener und zu thatsächlichem Handeln anreizender „Christenhaß" ist eine Lüge, ist eine Erfindung, gerade wie die Brunnenvergiftung, die Hostienentweihung, der rituelle Mord und wie die schönen Dinge heißen, die der Judenhaß erfunden, behauptet und zum Vorwände grausamster Verfolgungen gemacht hat. Da man — allerdings mit Ausnahme des letzteren — diese Dinge nicht mehr gebrauchen kann, führt man einen allgemeinen „Christenhaß,, ein, für welchen mau freilich in der

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