Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 7 (9.2.1886)
- Date
- 1886-02-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ sür alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 8 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. GZepeSition: Leipzig, Woßpkcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 9. Februar 1886. Nr. 7. Iabalt. Leitende Artikel: Heinrich von Treitschke's Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, 3. Theil. IV.— Die Ausweisungen im preußischen Abgeordnetenhause. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bielefeld, Hamburg, Posen.— Oesterreich-Ungarn: Prag, Pest, Krakau. — Serbien: Belgrad. — Rußland: Turek. —- Amerika: New-Orleans. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Menah's Hochzeit. Sicitc'v\bt Bonn, 3. Februar. Heinrich von Treitschke's Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, 3. Theil. IV. Wir sind mit den Eigenschaften, welche Treitschke den Juden insinuirt, noch nicht fertig. Besonders hält er sich auch über „den jüdischen Kosmopolitismus" auf, durch welchen sich die Juden „zu den Franzosen hingezogen fühlen" und der nach Treitschke den Beweis „innerer Verwandtschaft" jener mit diesen abgiebt. Nun giebt es doch keine Nation, die mehr eingesenkt in und eingebildet auf ihre Nationalität ist, als die Franzosen. Man braucht dies kaum zu erweisen; sind sie es doch, die verhältnißmäßig unter allen anderen Nationen am wenigsten reisen und auswandern. Kosmopolitisch sind die Franzosen nur, wenn sie daran denken, ihre Herrschaft über die anderen Völker auszudehnen und ihnen Gesetze vorzuschreiben. Dies ist jedoch im Grunde das Gegentheil des Kosmopolitismus. Aber wie wird uns, wenn wir (S. 449) bei Treitschke lesen: „Der wagende Weltbürgersinn unseres Volkes blieb für das deutsche Staatsleben auch jetzt unfruchtbar wie vor Zeiten." Er klagt, daß „spätestens in der dritten Generation alle deutschen Einwanderer zu Amerikanern" wurden, „sie gingen ganz der Sprache, der Sitte, der Bolkswirthschaft des Mutterlandes verloren." Ei, Herr Treitschke, „Weltbürgersinn" ist doch die vollständigste Uebersetzung von „Kosmopolitismus", und Sie schreiben ihn dem deutschen Volke in so hohem Grade zu, daß Sie ihn als „wagend" bezeichnen, das heißt doch wohl, der sich auf das weite Meer der Völker und Nationen wagt, ohne weiter zu überlegen, in welche dieser er hineinfällt, mit welcher er sich amalgamiren werde. Der Kosmopolitismus der Juden ist dann lange nie so stark gewesen wie der der Deutschen, denn sie haben in den orientalischen Ländern bis heute noch die spanische, in den slavischen Ländern die deutsche Sprache bewahrt, ihre Sitte, soweit sie mit der Religion zusammenhängt, erhalten, und zu einer besonderen Bolkswirthschaft wurden sie leider durch die Gewalt gezwungen. Auf Ihrem Standpunkte mußten Sie also jedenfalls nicht eine „innere Verwandtschaft" der Juden mit den Franzosen, sondern mit den Deutschen anerkennen. In der That stellen die Deutschen sowohl zu den Reisenden, und zwar besonders aus den mittleren Klassen, sowie zu den Auswanderern verhältnißmäßig das größte Contingent. Aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, mit dem Kosmopolitismus der Juden ist es gar nicht weit her. Wir stehen hier bei einem jener Vorurtheile, die auf den Juden lasten. Man setzt bei den Juden Kosmopolitismus voraus, weil sie durch alle Länder zerstreut sind. Nun, das sind die Bekenner des Katholicismus und anderer Religionen auch. Aber die Juden haben keinen Mittelpunkt in irgend einem Lande, wie die Katholiken in Rom, und jede jüdische Gemeinde, auch die kleinste, ist völlig autonom und sogar sehr eifersüchtig auf ihre Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Wo einige Gemeinden in Verbindung stehen, da hat es ihnen der Staat anferlegt. 7