Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1886)
- Date
- 1886-02-02
- Page
- Seite 94 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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94 mit mir frühstückst, und wenn Du die Schale des Eies! abbrichst, wird es nicht mehr unrein sein." Sie schüttelte den Kopf. „Das Gefäß ist unrein, in welches Du das Ei gelegt, denn es ist von Christen schon berührt worden." Ich rief sogleich die ältliche und erfahrene Judith — eine Jüdin, welche im Hause diente — und trug ihr den Gewissensfall vor. Judith, obgleich ich sie später im Verdacht hatte, nicht ganz so streng Zu handeln, als sie redete, erklärte, daß Menah vollkommen im Rechte sei. Sie ging darauf hinunter, und holte für die Glaubensgenossin einige Früchte und ein Stück Brot, das sie selbst gebacken und unter Verschluß hatte. Menah sträubte sich nicht länger, mir Gesellschaft zu leisten. „Darfst Du morgen mit mir frühstücken, wenn ich Dir von einem jüdischen Händler eine Tasse, einen Eierbecher und Teller kaufen lasse?" frug ich. „Natürlich," antwortete sie fröhlich, und fügte gleich hinzu, auf einen offenen Wandschrank deutend, „ich könnte! mein Geschirr dann selbst reinigen und in dem kleinen Fach! dort aufheben, wenn Du mir das erlaubst?"! „Gewiß Menah — aber hast Du keine Furcht, daß: ich Dein Geschirr während Deiner Abwesenheit berühre?"! „O Christin, warum sollte ich Furcht haben? — rief sie, mich beschämend — „Du wirst ja nicht wollen, daß ich Sünde begehe und eine Mahlzeit aus unreinem Geschirr genieße." Uebrigens wollte Menah nichts davon wissen, nur mit Brod und Früchten regalirt zu werden, sondern drängte nach der „Arbeit", von welcher Isaak ihr gesprochen, und mit der sie täglich ein bis zwei Peseta verdienen könnte. Die „Arbeit" gesiel ihr. Sie bestand jebeu Morgen nur darin, daß ich mich mit ihr unterhielt und sie dabei — welche Stellung sie auch eiunahm — aufmerksam und mit großem Vergnügen betrachtete. Nach etwa anderthalb Stunden gab ich ihr eine neugeprägte Peseta — etwa achzig Pfennige — nebst einer kleinen Schachtel als Sparbüchse. Sie schien selig über das erste verdiente Geld, legte es in die Schachtel, klapperte damit, und verlangte, recht viel zu „arbeiten." „Werde ich jeden Tag eine Peseta verdienen, so lange Du hier bleibst? frug sie. „Wahrscheinlich, wenn ich mit Dir zufrieden bin und Du still stehst, während ich Dich abmale." „Wie lange wirst Du aber hier bleiben?" „Das ist noch nicht bestimmt." „Wie viel Geld kann ich wohl verdienen?" „Ach du geldgieriges Judenkind," ries ich unwillkürlich, „Du bist noch so jung und schon so auf Geld erpicht." Sie besann sich einen Augenblick: „Hast Du schon von einem Lande gehört, das man Jerusalem nennt?" „Natürlich. Aber was hat das mit Deinen Pesetas zu schaffen?" „Und glaubst Du, daß ich so viele Peseta verdienen werde, um mit meiner Großmutter nach Jerusalem zu reisen?" „Was willst Du aber mit der alten Frau in dem fernen Lande?" „Ich will nach Jerusalem, weil es dort keinen Tod giebt," sagte sie mit großem Ernste. „Aber Menah - wer hat Dir so etwas gesagt!" „Ascher hat mir gesagt, daß der Tod im Lande Jerusaleni keine Macht hat. Wer dort stirbt, steigt in eineu Garten und pflückt Nelken und Rosen von Gewürzbeeten. Hier wird man aber in die Erde vergraben. Meine Eltern starben beide in einer Woche. Man goß Oel auf ihre Augen und vergrub sie. Seitdem fürchte ich mich sehr vor dem Tode und möchte in Jerusalem sein. Was hier steht, habe ich unmittelbar, nachdem es gesprochen wurde, niedergeschrieben. Ihr altmodisches Spanisch hatte freilich einen besondern Reiz. Ich begleitete Menah zur Großmutter. Ein paar Schritte, und mau stand vor ihrem Hause. Haus? Ein kalkgeweißter Raum, in dem man sich umdrehen konnte, und ein anderer, in dem man sich nicht umdrehen konnte. Die Alte krabbelte von ihrem Polster in die Höhe, gehen konnte sie nicht; sie rollte glanzlose Augensterne und bewegte die Lippen, aber sie sprach auch nicht. Das Unglück, Sohn und Schwiegertochter in einer Woche verloren zu haben, und aus mäßigem Wohlstand ins Elend gesunken zu sein, hatte sie lähmend getroffen. Sie machte den (Stubrucf kindischer, hoffnungsloser Altersschwermuth. Neben ihr, in vollständiger Abgeschlossenheit von der Welt, wie sie nur der Orient möglich macht, wuchs das reizende Kind auf, war es fast erblüht. Ascher war der Bruder ihres Vaters, den sie bein Begräbniß der Eltern gesehen. Er lebte mit seiner Sippe in Tetuan; Verwandte hatte sie in Tanger nicht. Nie war sie in Schule oder Synagoge gekommen. So war es erklärlich, daß die alte Weissagung, welche der Onkel damals ausgesprochen, zur lebendigen Hoffnung für sie geworden war, an die sie buchstäblich glaubte. Natürlich wurden wir bald Freunde. Ich war ein Ereigniß in ihrem Leben — täglich kam sie nun herüber. Ich versuchte, sie von der Furcht vor dem „Vergraben" zu erlösen und ihr noch Anderes verständlich zu lnachen — trotzdem war ich die Lernende, nicht sie. Was jede höhere deutsche Tochter weiß, war ihr allerdings vollkommen fremd; aber sie halte einen Jnstinct der Liebe und Barmherzigkeit, der sie scharfsinnig machte, wo manche Andere ewig unwissend bleibt. Oft habe ich gewünscht, ein Dichter