Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1886)
- Date
- 1886-02-02
- Page
- Seite 92 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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92 die Bildung eines jüdischen Freiwilligencorps von 504 jungen Männern und dessen erstem Ausmarsch berichtet, sowie, daß die Juden in Sofia über 300000 Frcs. ohne die Geschenke in Naturalien gezeichnet hätten. Wir bekennen jedoch offen, daß das lange Schreiben so ruhmredig abgefaßt ist, daß wir, bis auf weitere Beweise, dasselbe hier wiedcrzugeben, Anstand nehmen. Was uns hierin bestärkt, ist der Umstand, daß der Schreiber des Briefes von seiner Person erzählt, daß er verwundet zurückgekehrt und die Tapferkeitsmedaille erhalten habe, dennoch aber seinen Namen nicht unterzeichnet, sondern sich mit einem £ begnügt. Wir behalten uns das Nähere vor. Sofia, im Januar. Wie wir bereits mittheilten, sind jetzt von der „Köln. Z." dementirte und als erfunden bezeichnete Nachrichten über die Errichtung eines jüdischen Bataillons bulgarischer Juden und deren Leistungen in Umlauf gesetzt worden. Richtiges berichtet uns das letzte Bulletin der Alliance isr. univ. Die bulgarischen Israeliten haben in diesem Kriege tapfer ihre Pflicht gethan, die Zahl der verwundeten Israeliten, die sich in den Hospitälern befinden, ist verhältnißmäßig groß. Zur Wehrpflicht herangezogen, folgten sie willig dem Ruf des Vaterlandes. Die kleine jm dische Gemeinde von Chumla lieferte allein zwanzig Soldaten, die zur aktiven Armee gehören und Theil an allen von der bulgarischen Armee bestandenen Kämpfen genommen haben. Der Bürgermeister von Chumla sprach in einer Versammlung der israelitischen Notabeln, die auf der Mairie zusammenberufen waren, seine Anerkennung des Patriotismus aller Israeliten Bulgariens aus und appellirte an die Mithilfe der Israeliten von Chumla, um Theil zu nehmen an der aufgelegten Nationalsubskription, um den armen Freiwilligen und Verwundeten zu Hülfe zu kommen. Die Anwesenden zeichneten sofort 2000 Frcs. Die jüdische Gemeinde von Sofia organisirte auf eigene Kosten eine Ambulanz, welche seit der Eröffnung der Feindseligkeiten bis zum Schluß des Krieges sehr große Dienste geleistet hat. Sie nahm auf und pflegte 132 Verwundete und Kranke. Ueberall sprach man voll Lobes über dieses Werk. Die jüdische Ambulanz wurde durch den Besuch hoher Persönlichkeiten beehrt, u. A. von Herrn M. Karavelof, Präsidenten des Ministerrathes und von Frau Karavelof. Herr Karavelof beglückwünschte die jüdische Gemeinde von Sofia wegen ihrer patriotischen und großmüthigen Gefühle, die sie bei Gelegenheit des Krieges bethätigt habe; er versprach, Se. Hoheit den Prinzen Alexander davon in Kenntniß zu setzen. Herr Kennet Barrington, vom Athenäum von London, der sich in Sofia befand, hat ebenfalls die israelitische Ambulanz besucht und lobte deren gute Organisation und die Dienste, welche sie geleistet hat. Afrika. Paris, 8. Januar. Man hört oft die Behauptung, daß die Franzosen nicht zu colonisiren verstehen, und man findet eine Bestätigung hierfür in den Zuständen Algeriens, das doch nun schon 55 Jahre zu Frankreich gehört. Allerdings sind die Zustände dieser französischen Colonie noch weit davon entfernt, denen des Mutterlandes analog zu sein. Aber was noch mehr in Verwunderung setzt, ist, daß der dort herrschende Geist ein recht unfranzösischer ist, und zwar gerade in der Mehrzahl der Franzosen, die sich daselbst niedergelassen. Die algierischen Blätter bringen einen Bericht des Maires von Constantine, der in vollem Maße als ein antisemitischer gekennzeichnet werden muß. Allerdings liegt ihm eine Thatsache zu Grunde, die eine seltsame, unter den Juden wohl einzige Erscheinung bietet. Gerade deshalb aber sind wir etwas mißtrauisch und hoffen, daß die Juden von Constantine im Stande sein werden, sich zu rechtfertigen und die besonderen Umstände klar zu legen, unter welchen jene Thatsache sich bilden konnte. Würde der Maire die Sachlage einfach dargelegt haben, so würde sein Bericht einen objeetiven Werth haben: durch den antisemitischen Ueberguß wird er verdächtig. Die Thalsache besteht in Folgendem. In Constantine besteht eine Caisse des ecoles und nun berichtet er, daß Mitglieder dieses Vereins 298 Franzosen, 38 Israeliten (Eingeborene), 11 Fremde und 5 Muselmänner seien. Hingegen wurden unterstützt: 1) Familien 98 Franzosen, 206 Israeliten, 90 Fremde und 27 Muselmänner, 2) Kinder 144 Franzosen, 374 Israeliten, 182 Fremde und 41 Muselmänner. Hieraus ergiebt sich, daß die Israeliten ein verhältnißmäßig geringeres Contingent zu den zahlenden Mitgliedern und ein desto größeres zu den unterstützten Familien und Kindern stellten. Objeetiv wird man daraus auf die Armuth der Constantiner Juden schließen, und diese Armuth bezeugt sich gerade durch die große Zahl der Unterstützten. Herrscht unter den Juden überhaupt eine gewisse Scheu, andere Unterstützungen als aus dem Kreise der Glaubensgenossen zu beanspruche und anzunehmen, so läßt sich andrerseits mit Grund annehmen, daß die Verwaltung jener Schulkasse die Verhältnisse Derjenigen streng prüfen wird, welchen sie Unterstützung gewährt. In der verhältnißmäßig übergroßen Zahl der unterstützten jüdischen Familien und Kinder liegt also der Beweis großer Armuth innerhalb dieser jüdischen Gemeinde vor. Wo aber solche Dürftigkeit vorhanden, da pflegt auch die Zahl der Bemittelten geringfügig zu sein und daraus würde sich die geringere Zahl der beisteuernden Juden erklären. Der Bericht des Maires will aber nur bei den Juden schlechten Willen voraussetzen und gesellt hierzu sehr gehässige Bemerkungen. Wie gesagt, wir müssen abwarten, ob sich eine Berichtigung seitens der Constantiner