Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1886)
- Date
- 1886-02-02
- Page
- Seite 89 (sequence 9)
- Language
- German
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m wo man Civilisation schaffen will, scharfer Reizmittel bedarf." Ich protestire gegen diese Worte als unrichtig und inhuman. Die Neger werden doch nicht erst dadurch unsere Brüder, daß sie deutsche Unterthanen werden, sondern sie sind es immer gewesen. Daß wir aus Liebe zu ihnen einen Geschäftszweig einschränken, der sie ruinirt, finde ich selbstverständlich. Der Schnaps als Reizmittel zur Civilisation ist unerhört!" (Diese Worte, im Munde Stöcker's, müssen erheiternd gewirkt haben.) Abg. Wörmann ließ es an der Antwort nicht fehlen und sagte a. A.: „Wenn nun aber Stöcker es ferner als inhuman bezeichnet, daß ich davon spreche, die Schwarzen seien erst neuerdings unsere Brüder geworden, und wenn er meint, daß alle Völker gleichberechtigt sein sollen, wir für alle Völker dieselbe Neigung haben sollen, dann meine ich, daß er auch hier in Deutschland ablassen soll, gegen andere Racen und Religionen zu kämpfen (Sehr gut! links und im Centrum), daß er vor allen Dingen dafür sorgt, daß die Judenhetze abgeschafft werde. Das ist vor allen Dingen das Wichtigste oder, wie der Engländer sagt, charity begins at home." (Lebhafter Beifall links und im Centrum.) Es war eine sehr schwache Entgegnung, die Stöcker auf diese directe Züchtigung vorbrachte. Er sagte: „Herrn Wörmann erwidere ich, daß es eine schwankende Brücke war, von den Kamerunnegern zu den Juden. Wenn jetzt die Kamerunneger nach Berlin kommen wollten, um in den Tagesblättern Politik zu machen, so würde ich sie auch bekämpfen; dagegen verpflichte ich mich, wenn die Juden nach Kamerun gehen wollen, von jeder Bekämpfung derselben abzusehen. (Große Heiterkeit.) Für diesen wohlfeilen Witz erhielt Stöcker die Antwort vom Abg. Richter: „Daß Herrn Stöcker die Concurrenz der Juden in den Redactionen nicht erwünscht ist, ist um so begreiflicher, als in den Redaetionen seiner Blätter Portiers und allerlei zweideutige Personen beschäftigt werden, wie aus den Stöcker- Processen genugsam bekannt ist." (Heiterkeit links.) (Stöcker kann ja in der Redaction seines eigenen Blattes Juden nicht entbehren, wie z. B. den Simon May! Uebrigens kann Stöcker auch aus diesem Vorgang entnehmen, daß sein Antisemitenstern im Verbleichen ist.) — Am 19. d. feierte der antisemitische „Verein deutscher Studenten" einen Commers zu Ehren des 15jährigen Bestandes des Neuen deutschen Reiches und seiner eigenen fünfjährigen Herrlichkeit. Erschienen waren bei dem Commers die drei Heldengestalten Adolf Wagner, Heinrich v. Treitschke und Stöcker. Alle drei hielten Reden, von welchen die Wagners eine außergewöhnliche Langweile verbreitete; Treitschke bezeichnete u. A. den deutschen Reichstags als einen, der sich in einen „polnischen Reichstag" verwandelt habe, und Stöcker sprach von — Liebe. Hatte diese Trias die Juden aus dem Spiele gelassen, so that sich dafür ein Wiener im Antisemitismus etwas zugute. Traurig bleibt es immer, welche Saat hier in einen Theil der deutschen Jugend ansgestreut wird. Und dabei wurde einige Dutzend Male versichert, „Freiheit, Recht und Licht würden daraus hervorgehen!" Wie es Treitschke wagen konnte, den deutschen Reichstag so zu beschimpfen und dazu den Jubel der anwesenden Studenten erhielt — das giebt viel zu denken. Wie sehr muß in diesem Lehrer der Jugend und in dieser selbst die Achtung vor einer der höchsten Instanzen des deutschen Reiches gesunken und vor der übertriebenen Nationalleidenschaft das Gefühl der Theilnahme mit 40,000 leidenden Menschen gewichen sein! Der „Reichsbote" bemerkt übrigens, daß dem Commers 3 Hofprediger (incl. Stöcker), 2 Superintendenten, 1 Consistorialrath und sehr viele Geistliche beiwohnten — an geistlichem Zuspruch fehlte es also nicht. — Stuttgart, 19. Januar. (Privaltmitth.) Letzten Sonnabend verstarb hier nach langem Leiden der Geheime Hofrath Dr. Benj. v. Kaulla, Director der königl. Hofbank. Er war ein sehr tüchtiger Jurist, und die Armuth appellirte niemals vergeblich an seine Mildthätigkeit. Bis vor einigen Jahren war er Mitglied der königl. israelitischen Oberkirchenbehörde. Ihre Majestäten der König und die Königin von Württemberg, die sich den Winter über in Nizza befinden, haben auf die telegraphische Meldung von dessen Ableben den Hinterbliebenen Höchst Ihre aufrichtige Theilnahme an dem erlittenen schweren Verluste aussprechen lassen. Heute Vormittags wurde der Verstorbene auf dem israelitischen Friedhofe zur Erde bestattet. Dem Leichenwagen folgten 35 Chaisen und 2 Blumenwagen, ein Zug, wie man ihn hier j selten noch sah. Am Grabe sprach der Universitätsgenosse des Verstorbenen, Oberkirchenrath Di. v. Wassermann, laut Wunsch und Anordnung des Dahingeschiedenen, nur ein Gebet. — In der letzten Woche des December haben 3 Candididaten: Rabbinatsverweser Laupheimer in Bnttenhausen, Vikar Dr. Stößel hier und Dr. Trentel in Karlsruhe bei der königl. Oberkirchenbehörde das zweite Dienstexamen als Rabbiner bestanden. — Ihre Majestät die Königin hat dem Unterstützungsverein für israelitische Lehrer Württembergs eine Unterstützung von 45 Mark zugewendet, j Filehne, 20. Januar. Die Kaufleute Herzberg und! Levysohn in Filehne waren der Uebertretung des Vereinsi gesetzes angeklagt worden, weil sie in den Monaten April! und März 1885 in dem Forschungshause Bethhamidrasch 311 j Filehne als Vorbeter resp. Leiter in öffentlichett gottesdienst! lichen Versammlungen, von denen der Polizei nicht vor-! herige Anzeige erstattet war, fungirt und ferner als Vorsteher j des Vereins Bethhamidrasch die Statuten desselben nnd das i Mitgliederverzeichniß nicht eingereicht hatten. Das Schöffenj geeicht zu Filehne erkannte hierauf gegen Beide wegen liebertretung des Vereinsgesetzes auf je 15 Mark Geldstrafe, wo-