Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1886)
- Date
- 1886-02-02
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227616--43279-3263630- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
87 Auf die verschiedenen, zu Gunsten der Ausgewiesenen erlassenen Aufrufe antwortete zunächst das Central-Comito für die russisch-jüdischen Flüchtlinge zu Berlin, indem uns dasselbe aufs Neue zu diesem speeiellen Behufe 5000 Mk., sowie das „Comito zur Unterstützung der bedrängten Israeliten" in Frankfurt a. M. (Vorsitzender: Herr Adolf B. H. Goldschmidt), welches 2500 Mk. zur Verfügung stellte. Hiermit konnten wir sofort die Unterstützung derjenigen beginnen, welche schon mit dem 15. Oktober den Ort verlassen mußten. Die Sammlungen wurden seitdem mit allem Eifer fortgesetzt, und bis zu dieser Stunde haben wir in 649 größeren und kleineren Sendungen Mk. 32212,81 von auswärts erhalten, während eine am hiesigen Orte, lediglich bei den hier seßhaften oder nur zeitweilig ihres Geschäftes wegen sich aufhaltenden Juden veranstaltete Sammlung einen Ertrag von 2470 Mk. ergeben hat. Von diesen 34682,81 Mk. sind bereits 25808,11 Mk. verausgabt, so daß am heutigen Datum in unserer Unterstützungskasse noch ein Bestand von 8874,70 M. vorhanden ist. Auch eine große Menge, etwa 250 Sendungen in Postpaketen, Kollis und Kisten per Bahn, von sehr nothwendigen Kleidungsstücken aller Art sind eingegangen und zweckmäßig verwendet worden. Ueber den Modus der Vertheilungen wurden in den Extrasitzungen des Comitos am 21. und 29 September folgende Beschlüsse gefaßt: Zunächst soll eine genau rnbricirte Liste aller unterstützungsbedürftigen Ausgewiesenen angelegt | und geführt und die Betreffenden öffentlich aufgefordert wer-' den, ihre Namen und Personalverhältnisse eintragen zu lassen; auch der hiesige städtische Armen-Unterstützungsverein soll' verständigt werden, daß die von ihm empfohlenen christlichen Ausgewiesenen der Stadt, sowie der hieran sich anschließenden Communen Schmelz und Bommels-Bitte gleichfalls an den. Unterstützungen participiren sollen. Tie Gelder selbst sollen, in einen Haupt- und Nebenfonds getheilt werden. Aus dem Hauptfonds soll einer wie der andere eine bestimmt normirte Quote erhalten, und zwar Mann und Frau, sowie jede erwachsene Einzelperson je 50 Mk., Kinder über 16 Jahre 35 Mark, Kinder von 12 bis 16 Jahren 25 Mark, Kinder; unter 12 Jahren 20 Mark. Aus dem Nebenfonds, welcher einer besonderen Kommission zur Verwaltung überlassen wird, sollen alle diejenigen Unlerstützungszuschüsse erhalten, welche mit ihren Quoten nicht auskommen können, darunter besonders alle diejenigen, welche nach fremden überseeischen Ländern , auszuwandern gezwungen sind. Der Commission zur Verwaltung des Nebenfonds waren 3000 Mk. aus den auswärtigen Sammlungen und der hierorts vorgenommenen! Sammlung von 2170 Mk. zu Gebote gestellt worden. Diese! Summen sind laut vorliegender Rechnung bereits vollständig 1 aufgebraucht. Für die Folge sollen laut Beschluß des Comito's I auch die Unterstützungsanlagen auf Empfehlung der Commission aus dem Hauptfonds bestritten werden. Während der Fortschaffung der Ausgewiesenen war die Beförderung der aus Rußland kommenden Auswanderer nicht eingestellt worden. Die Ausgewieseuen hinzugerechnet, sind im Laufe des Jahres 1277 Personen, meist zur Uebersiedelung nach fremden überseeischen Ländern unterstützt und befördert worden. Hierzu standen uns, außer der obengenannten Sammlung von 34682,81 Mk. noch weitere 10000 Mk., welche wir vom deutschen Central-Comittz für die russisch-jüdischen Flüchtlinge zu Berlin verwilligt erhalten hatten, zu Gebote. In Bezug auf die anderweitigen Unterstütznngsthätigkeiten und Wohlthätigkeits-Anstalten des ständigen Hilfs- Comito's können wir uns kurz fassen. Eine der Hauptbebestrebungen des Hilfs-Comito's war jederzeit der Krankenpflege zugewendet. Das nun seit 15 Jahren bestehende, von milden Gaben errichtete und erhaltene Krankenhaus beherbergt jederzeit eine ganze Anzahl mittelloser Kranken, welche von Rußland Herkommen, um hier Hilfe und Heilung zu finden; und wir hatten auch jederzeit das Glück, jüdische Aerzte am Orte zu haben, welche sich derselben mit Fleiß und Geschicklichkeit und mit der größten Uneigennützigkeit angenommen. Aber auch die mittellosen Kranken, welche im Krankenhause nicht Aufnahme finden können, besonders diejenigen, welche am Orte ihren Wohnsitz haben, erhalten Unterstützungen und zum allerwenigsten freie Medicin, deren Jahresrechnung weit über 1000 Mk. beträgt. Das beste und verdienstvollste Institut des Hilfs-Comit^'s ist unstreitig die Armenschule. Im Jahre 1879 mit 1x11,511 länglichen Kräften und noch wett unzulänglicheren Nutteln begründet, hat sie sich bald zu einer überaus segensreichen Anstalt heraus- und heraufgebildet. Es ist, wie wir bereits im vorjährigen Bericht dargelegt hatten, gelungen, die notwendige Erlaubniß von Seiten der Königlichen Regierung zur Fortsetzung der Schule zu erlangen. Es ist ferner gelungen, für die Schenkung von 50 000 Mk. zu Gunsten der Schule von Seiten des deutschen Central-Comit^'s die landesherrliche Genehmigung zu erlangen, daß dieses Kapital von der hiesigen Synagogen-Gemeinde übernommen und verwaltet werden dürfte. Es ist endlich auch dem Vorsitzenden der Synagogen Gemeinde gelungen, ein großes, schönes Grundstück zu erwerben, worauf eine Synagoge erbaut und ein Schulhaus nebst Lehrerwohnungen eben für unsere Armenschule eingerichtet werden soll, wozu weitere 12000 Mk. als Zuschuß verwandt werden sollen, welche wildem Vorstande zu diesem Behufe übergeben haben. Soweit ging Alles gut, bis die Ausweisungen kamen und der Schule mehr als ein Drittel ihrer Schüler, und zwar nicht die schlech-