Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1886)
- Date
- 1886-02-02
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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85 II. Herrn Bernh. Bodek. Schatzmeister der Mendelssohn-Stiftung zu Leipzig. Geehrter Herr! In Ihrer Eigenschaft als Schatzmeister der Mendelssohn- Stiftung haben Sie aus Veranlassung der am 4. dieses Monats stattgefundenen 100 jährigen Gedächtnißfeier des Todestages von Moses Mendelssohn und mit Hinweis auf das Princip der Mendelssohn-Stiftung, nach welchem an Studirende hiesiger Universität ohne Unterschied der Confessio n Unterstützungen gewährt werden, an Rektorat und Senat mittelst geehrten Schreibens vom 19. Dezember vor. Jahres die Bitte gerichtet, es möchten die bei hiesiger Universität bestehenden Stipendien und Beneftcien in gleicher Weise, wie dies die Mendelssohn-Stiftung thut, hilfsbedürftigen Studirenden ohne Unterschied der Cvnfession und demzufolge auch solchen mosaischen Glaubens zugänglich gemacht werden. Bei Stellung dieses Gesuches sind Sie von der Annahme ausgegangen, daß die betreffenden Unterstützungen bisher Studirenden mosaischen Glaubens überhaupt nicht zugewendet worden seien. Diese Annahme, welche den Stützpunkt Ihres Gesuches bildet, ist aber, wie mit freudiger Genugthuung versichert werden kann, eine durchaus unbegründete, denn es ist dieselbe liberale Auffassung, wie solche bei der Mendelssohn-Stiftung besteht, auch unsrerseits bei Vergebung der Stipendien und Benefieien stets gehandhabt worden, sowohl seitens des Senats als auch Seiten der Facultäten, von den letzteren selbstredend mit Ausschluß der theologischen Facultät. Wenn hiernach Nichtberücksichtigung hilfsbedürftiger Studirender mit Beziehung auf deren Confession — insoweit dies nicht die Stiftung als Erforderniß ausstellt, was nur in äußerst vereinzelten Fällen vorliegt — bei den Collaturbehörden der Universität bisher, wie dies leicht nachzuweisen ist, principiell ausgeschlossen gewesen ist und es auch ferner bleiben wird, so dürste das Ihrerseits gestellte Ansuchen als gegenstandslos zu erachten sein. Leipzig, am 13. Januar 1866. Der Rector der Universität Dr. F. Zirkel. Der Einsender der Abschrift dieser Briefe begleitet dieselbe mit folgendem Nachsatze: „Es bedarf nur des Hinweises auf den edlen Wettstreit der humanen Gesinnung, der hüben und drüben, in den beiden Schriftstücken, principiell zur Geltung kommt, um auch für die Zukunft die Unmöglichkeit zu erkennen, daß die Eingaben um Stipendiengesuche höheren und höchsten Ortes — wie dieses leider geschehen ist — die negirende Erledigung im lakonischen Worte „Jude!" finden. — Möge bald die Zeit kommen, wo auch in Deutschland „ein Jeder seiner unbestochenen, von Vorurtheilen freien Liebe nacheifere" — wo der freie Geist jener bedrückten Mendelssohn'schen Zeit dem dedrückten Geist unserer freien Zeit wirksam entgegentrete."- Alsdann liegt uns ein höchst interessanter „Jahresbericht über die Thätigkeit des Hülfs-Comites für die Nothstände russischer Israeliten zu Memel" vor, welchen der hochverdiente Vorsitzende Rabbiner Dr. Rülf in der Generalversammlung vom 29. Dez. 1885 erstattete. Der Bericht erweckt um so mehr Theilnahme, als wir durch ihn einen Einblick in die dortigen Vorgänge bei den Ausweisungen erhalten. Wir entnehmen aus demselben diejenigen Stellen, welche von allgemeinem Interesse sind. „Schon unser vorjähriger Bericht, erstattet am 28. Dez. 1884, gedenkt gleichsam vorahnend des Verhängnisses, „Go sera“, welches in seiner ganzen Schwere erst im letzten Viertel dieses Jahres zum Ausbruch kommen sollte. Schon im Jahre 1884 war eine Anzahl Familien und Einzelpersonen in den umliegenden Grenzbezirken des Landes verwiesen worden, zu deren Unterstützung wir 8000 Mk. vom deutschen Centralcomite für die russisch-jüdischen Flüchtlinge in Berlin erbeten und erhalten hatten. Auch ein Aufruf zur Beihilfe an unserem Unterstützungswerke vom 26. Februar d. I. gedenkt dieser traurigen Vorkommnisse, sowie des drohenden Mißgeschicks, welches auch gegen unsere Stadt im Anzüge sei; so sind wir denn das ganze Jahr hindurch die Angst vor den in der Ferne drohenden Ausweisungen nicht los geworden, Wir glaubten dem Mißgeschick dadurch Vorbeugen zu können, daß wir alle diejenigen Familien und Personen, die uns unnutz und lästig für unfern Ort erschienen, aus eigener Initiative fortzuschaffen suchten. Wir gaben ihnen Unterstützungen, daß sie zurück über die Grenze oder nach überseeischen Ländern gehen konnten; auch die Behörden verständigten wir von diesem unfern Vorhaben und fanden darin Unterstützung und Aufmunterung; allein sehr viele konnten wir doch nicht fortschaffen, weil uns dazu die Mittel fehlten, und weil durch uns nur eine geringe Anzahl zur Auswanderung freiwillig sich entschließen konnten. Der Strom der direkt aus Rußland Auswandernden war schon stark im Abnehmen begriffen, da brach plötzlich das Mißgeschick der Ausweisungen russischer Juden über unsere Stadt und die nahe liegenden Grenzbezirke herein. Es war am 2. September d. I., morgens 84/2 Uhr; ich war im Begriff, meine Armenschule für russisch-israelitische Kinder zu besuchen, um mit ihr in der feierlichsten Weise den Sedantag zu begehen, da begegnete mir auf der Straße der Chef der hiesigen Polizei und brachte mir die Trauerkuude, daß die Ausweisungsdekrete angelangt und alle nicht heimathberechtigten russischen Juden, alle, alle ohne Unterschied den Ort verlassen müßten. Das war eine der schmerzlichsten und ergreifendsten Nachrichten, die mir jemals zuge-