Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1886)
- Date
- 1886-02-02
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
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84 geradezu ein lächerlicher Gedanke. Uebrigens ist es durchaus falsch, den Juden den historischen Sinn abzusprechen, sie, die mit solcher „Vorliebe" an ihrer Geschichte von Abraham an hingen und in den Erinnerungen an sie lebten. Endlich hatte doch wohl Deutschland mit seiner Geschichte noch mehr gebrochen, als Frankreich. In diesem Lande lebte der Gedanke der Staats- und Volkseinheit unerschütterlich fort, und keine Revolution vermochte auch nur eine Faser desselben zu durchschneiden. In Deutschland war das alte deutsche Reich aufgegeben und ohne Saug und Klang zu Grabe getragen worden; das glorreiche römische Kaiserthum deutscher Nation war verschwunden, jeder große und kleine deutsche Fürst war souverän, und das loseste Band, der Bundestag, war an die Stelle der Reichseinheit getreten. Dies war ein Bruch mit der deutschen Geschichte, wie er nicht ärger sein konnte, ein Bruch, der erst 1870 geheilt ward und unter welchem die österreichischen Deutschen noch heute schwer zu leiden haben. So ist Treitschke's Behauptung falsch und seine Erklärung setzt sich ans lauter Uebertreibungen und Unrichtigkeiten zusammen. (Forts, folgt.) Wohlthiitige Werke. I. Es bereitet uns eine wahrhafte Befriedigung, die obige Rubrik auch in dem neuen Jahrgange fortsetzen und mit interessanten und lehrreichen Berichten aus allen Weltgegenden beginnen zu können. Zunächst theilen wir zwei Briefe mit, die bei Gelegenheit des hundertjährigen Todestages Moses Mendelssohns zwischen dem Vorstande des Mendessohn-Bereins zu Leipzig und dem Senate der dortigen Universität gewechselt wurden. An den Aector Alagnificus und den hohen Akademischen 5enat der Universität zu Leipzig. Hochgelehrte, weise und edle Herren! Eine fünfundzwanzigjährige Thätigkeit im Dienste einer guten und edlen Sache — welche mit Abschluß des Jahres 1885 die Bertheilung von 1694 Stipendien und Unterstützungen mit einem Gesammtbetrage von 56 938 Mk. an Jünger der Kunst und der Wissenschaft constatirt — giebt der Unterzeichneten Verwaltung den Muth, Euer Hochwohlgeboren Folgendes zur freundlichen Beachtung und Prüfung zu unterbreiten. Eingedenk der am 4. Jan. 1886 in sämmtlichen isr. Gemeinden Deutschlands bevorstehenden lOOjähr. Gedächtuißseier des Todestages Moses Mendelssohn s, dessen Leben und Schriften mustergiltig wurden für seine Glaubensgenossen, denen er mit der deutschen Bibel die deutsche Sprache und ein deutsches Heim gegeben und mit diesem den Glauben an göttliche Güte und Menschenfreundlichkeit gefestigt — dessen Tod den edlen Freundschaftsbund mit Lessing besiegelt, und der die letzte Lebenskraft in Dankbarkeit dem Kampfe für die hochherzige Toleranz des „Nathan", für Wahrheit und Recht, weihte — eingedenk dessen, fordern Zeit und Verhältnisse, daß der Fortschritt der Toleranz, von dem Staat und Gemeinde, Recht und Gesetz in Deutschland Zeugniß geben, auch die gesellschaftliche Bahn betrete. Einer hohen und weisen Corporation, wie sie die Universität Leipzigs repräsentirt, kommt es vor Allem zu — wie sie allezeit gethan — geistig bahnbrechend ein edles Beispiel zu geben und jedes Hemmniß, das sich der Humanität entgegenstellt, hinwegzuräumen. Die Mendelssohn-Stiftung, die Trägerin des Namens und der edlen Grundsätze der Menschenfreundlichkeit Moses Mendelssohns, erkennt seit ihrer Begründung die Nothweudigkeit und die Wohlthat der allgemeinen Menschenliebe, und mühet sich,, die Gaben, welche sie mit schwachen Kräften in bescheidenem Maße zu spenden vermag, ohne Schranken der Confession nach Möglichkeit zu vertheilen. — Leider hat die Nothwendigkeit bei der Begründung der Stiftung und das Bedürfniß der studirenden Glaubensgenossen, das von anderer Seite jeder Stütze entbehrt, die Unterstützung in erster Reihe gefordert — und mit innigem Bedauern sieht die Mendelssohn-Stiftung am 1. Januar 1886, nach 25 Jahren, neben ihrer segensreichen Wirksamkeit noch jene Schranke bestehen, welche sie auf die begehrte Unterstützung der Glaubensgenossen in erster Reihe zwingend verweist. Sollte nicht, nach dem weisen Ermessen Euer Hochwohlgeboren, der gegebene Zeitpunkt — welcher uns die Namen Lessings und Mendelssohns nach hundert Jahren im Geiste wieder vorführt — auch geeignet sein, die Schranke zu beseitigen, welche der confessionelle Unterschied dem reinsten und edelsten Streben der Humanität entgegenstellt? — Wenn auch die Verwaltung der Mendelssohn-Stiftung theilweise die Gründe zu würdigen weiß, welche vor vielen Jahren, im Zeitenspiegel früherer Jahrhunderte, für manches Universitäts-Stipendium diese intolerante Beschränkung nothwendig machten, so ist doch mit Recht zu hoffen, daß die hohe und weise Leitung der Universität in Leipzig Mittel und Wege finden dürfte, um mit dem Beispiel der Toleranz den anderen Universitäten Deutschlands voranzugehen, und für den Stipendiengenuß nur die Bedingung der Würdigkeit und der Begabung der Studirenden — ohne Unterschied der Confession — maßgebend zu machen. In größter Hochachtung Beruh. Bodek. Verwaltungsrath und Schatzmeister der Mendelssohn-Stiftung zu Leipzig. * Leipzig, li*. Dezember 1885.