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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-02 · Heft 6 (2.2.1886) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 6 (2.2.1886)
Date
1886-02-02
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
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83 Schwäche zu verurtheilen. Gerade die leidenschaftliche und dann der sarkastische Erguß über diese, von den herrschenden Mächten aufrecht erhaltenen Zustände rüttelte die deutschen Geister auf und förderte in ihnen die Einsicht des Besseren. So wird ein unparteiischer Geschichtsforscher den Verlauf der Dinge betrachten; und die Art, wie ein Treitschke ihn darstellt, für „urtheilslos", für „urtheilslose Reaktion" erklären. Die geschichtlichen Phasen folgen auf einander im Entwicklungsgänge der Völker und Staaten; der Geist und die Mittel jeder dieser Phasen sind andere; die einen bereiten aber die nachfolgenden vor und sind deshalb für ihre Zeit so wirksam und nothwendig, wie die in den folgenden Perioden. Dies zu beachten, ist die Pflicht jedes ernsthaften Geschichtsforschers, welcher jedoch die leichtfertige Art ganz und gar widerspricht, mit der man, an einem großen Endziel angelangt, verächtlich über alle früheren Erscheinungen, Kämpfe und Bestrebungen hinwegsieht und sie verurtheilt. Diese letztere ist aber die Eigenart des Herrn von Treitschke. Denn sehen wir uns nach Thatsächlichem um, so haben die deutschen Liberalen — freilich beliebt es Treitschke, sie „radikal" zu nennen — und unter ihnen die jüdischer Religion stets treu zum deutschen Vaterlande gestanden. Wir wollen nur an das eine Faktum erinnern, als 1840 in Frankreich das Gelüste nach dem linken Rheinufer sich verlautbar machte, mit welchem Enthusiasmus wurde von den Alpen bis zur Ostsee, von allen Parteien und Klassen das Becker'sche Lied „Sie sollen ihn nicht haben" ausgenommen, und wäre es schon damals zum Kriege gekommen, ganz Deutschland wäre wie 1870 aufgestanden; das Lied war aber im Schooße des Frankreich zunächst liegenden Rheinlaudes entstanden, welches durchweg politisch liberal und noch wenig von preußischer Gesinnung durchdrungen war. Blickten in den zwanziger und dreißiger Jahren die Liberalen nach Frankreich hinüber, so geschah es um der liberalen Ideen willen und um die Beobachtung des aktuellen Kampfes derselben mit ihrem Gegenpart. Niemand war weniger geneigt, Frankreich irgend ein Zugeständniß auf deutscher Erde zu machen oder eine Unterstützung von Frankreich zu erwarten oder gar zu verlangen, als die Männer der Paulskirche. Es sind also nichts als Verdächtigungen, die der ehemals liberale Treitschke über die deutschen Liberalen der zwanziger Jahre verbreitet, natürlich um den ganzen Liberalismus herabzusetzen und zu verdächtigen — und hierzu bedient er sich nun auch der Juden. Es entschlüpft ihm freilich, wahrscheinlich ganz unbewußt: „Das jüdische Literatenthum bestärkte den deutschen Radikalismus in seiner urtheilslosen Vorliebe für Frankreich." Also „bestärkte", fand diese Vorliebe schon vor und ist nicht deren Urheber. Das ist schon viel von einem Treitschke. Daß die deutschen Juden ihre französischen Glaubensgenossen um ihre politische und sociale Stellung damals beneideten, war gewiß natürlich und begründet keinen Tadel. In Frankreich war nicht bloß 1791 die bürgerliche Gleichstellung ausgesprochen und sofort auch verwirklicht worden, sondern die Franzosen brachten jene auch überall mit, wohin sie siegreich vvrdrangen. In Italien, im Rheinlande, im Königreich Westfalen befreiten sie die Inden von ihren mittelalterlichen Fesseln. Als ihre Herrschaft gebrochen, da trat überall, in Deutschland wie in Italien, ein Rückschlag für die Inden ein und man stellte die alten Ausnahme- und Beschränkungsgesetze wieder her. In Hessen wurden diese wieder vollständig geltend, in Frankfurt nahm man ihnen die Gleichberechtigung wieder, die sie mit einem Kaufpreis hatten bezahlen müssen, Lübeck jagte sie wieder aus der Stadt auf die Dörfer hinaus, in Preußen wurden wesentliche Bestimmungen des Edicts vom 11. März 1812 wieder aufgehoben und dieses Edict auf die wiedererworbenen und neuen Provinzen nicht ausgedehnt, so daß 22 verschiedene Judengesetze in diesem einen Staate in Geltung waren, an Freizügigkeit nicht gedacht wurde und sie in einigen Landestheilen, z. B. den neusächsischen, nicht einmal wohnen durften u. s. w. Durften doch z. B. in dem aufgeklärten Dessau die Juden vor 1848 nur in dem südlichen Theile der Stadt wohnen und keine zünftigen Handwerksmeister werden. Wenn also die damaligen Juden neben ihrer Liebe zum deutschen Vaterlande, welche sie stets thatsächlich bewiesen, eine „Vorliebe" für Frankreich hegten, d. h. sich auch die dort bestehende Gleichberechtigung wünschten und erstrebten, so ist dies gewiß eine selbstverständliche Sache. Sie hing von den zeitweiligen Um- und Zuständen ab, schwand mit dem schrittweisen Erreichen gleicher Rechte, und schwerlich wird es Herrn Treitschke gelingen, seit Jahrzehnten auch nur die geringste Spur einer solchen „Vorliebe" für Frankreich in den deutschen Juden zu finden. Es hätte nicht der künstlichen und wir meinen lächerlichen Erklärungsweise bedurft, die Treitschke vorbriugt. Die Juden, sagt er, fühlten sich zu den Franzosen hingezogen „durch das Bewußtsein innerer Verwandtschaft. Einer Nation, die seit Jahrhunderten keine politische Geschichte mehr besaß, war nichts so fremd, wie der historische Sinn. Das moderne Frankreich hatte mit seiner Geschichte gebrochen, hier fand sie sich leichter zurecht, denn hier war der Staat blank und neu, scheinbar rein aus dem Verstände heraus geschaffen." Treitschke traut doch den Juden insgesammt ein gar starkes „Bewußtsein" zu, und zwar daß sie, weil „Frankreich mit seiner Geschichte gebrochen und einen neuen und blanken Staat begründet", sich diesem verwandt erkannt hätten! Wie man einer Masse, die seit fast 18 Jahrhunderten keinen Staat gehabt und, in Gruppen zerstreut, durch alle Länder der Erde wohnte, zwar den historischen Sinn absprechen, aber so vielen politischen Sinn zuschreiben kann, daß sie einen „neuen Staat" vorfiehe, ist

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