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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-02-02 · Heft 6 (2.2.1886) · p. Seite 82

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 6 (2.2.1886)
Date
1886-02-02
Page
Seite 82 (sequence 2)
Language
German
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82 kommt und sie der „grausamsten Selbstverhöhnung" bezichtigt! Welch' Chamäleon ist das jüdische Volk in den Augen deutscher Schriftsteller! Aber es ist so etwas gar nicht, sondern, wenn es diesen Autoren in den Kram paßt, schreiben sie ihm die entgegengesetztesten Eigenschaften zu, die sich einander selbst aufheben. Bis zur Selbstvergötterung haben es die Juden ebensowenig gebracht, wie zur Selbstverhöhnung; eher kann man mit einigem Rechte an ihnen eine Art Selbstüberschätzung erkennen: diese verlieren sie aber mit jedem Jahrzehnt mehr, so daß sie meist die Erzeugnisse Anderer viel mehr anzuerkennen geneigt sind, als diese es verdienen. Doch es ist Zeit, zu einem dritten Vorwurf zu kommen, denn der Köcher des Herrn Tr. ist noch mit mancherlei Pfeilen gegen die Juden versehen. Dieser besteht darin, daß die Juden eine große Vorliebe für Frankreich gehabt, „sich zunächst zu den Franzosen hingezogen fühlten, nicht bloß durch eine berechtigte Dankbarkeit, sondern auch durch das Bewußtsein innerer Verwandtschaft." Weiterhin: „Dasjüdische Literatenthum bestärkte daher den deutschen Radikalismus in seiner urtheilslosen Vorliebe für Frankreich." Ehe wir diese Sätze genauer kritisiren, stellen wir eine etwas allgemeinere Betrachtung an. Die Geschichte lehrt uns, daß jede Nation nach einer andern hin gravitirt, wenigstens zeitweise, welche Eigenschaften besitzt und Geisteserzeugnisse hervorgebracht hat, die ihr selbst noch fehlen und die sie als wünschenswerth und zu erstreben betrachtet. Wäre Tr. ein wirklicher Geschichtsforscher, so müßte er das wissen. So gravitirten die Römer zum Hellenenthum, das doch politisch unterjocht zu ihren Füßen lag, und zwar nicht bloß in der Literatur und Philosophie, sondern auch im Leben, in ihrem eigenen Familienleben, wo die Griechen selbst die Lehrer und Erzieher ihrer Kinder abgaben, die griechischen Sklaven ihnen in jeder Beziehung unentbehrlich waren und in vielen Dingen sie beherrschten. So gravitirten die Franzosen im 18. Jahrhundert nach England hin, wo Montesquieu das Vorbild des constitutionellen Regimes und Voltaire den Sitz aller Freiheiten fand, so wie die Encyklopädisten ihre Vorgänger. Und waren es die zwanziger und dreißiger Jahre allein, in welchen die Deutschen emsig nach Frankreich blickten und dort suchten, was sie zu Hause vermißten? Tr. sollte es wissen, daß es ganze frühere Perioden gab, in welchen Deutschland sich von Frankreich abhängig fühlte. Was die Literatur betrifft, so hat bekanntlich erst Lessing das erlösende Wort vom französischen Joche gesprochen, und dies ist noch nicht lange her. Wie die deutschen Fürsten und ihre Höfe ganz und gar die Nachahmer Ludwigs XIV. waren, wie in den regierenden und gebildeten deutschen Kreisen der französische Luxus, die französischen Manieren und die französische Sitte, besser gesagt Sittenlosigkeit vorherrschten und bis zur Carrikatur getrieben wurden, wie aber auch im Staatsleben der französische Absolutismus und die französische Vergeudung der Staatsmittel Platz gegriffen, brauchen wir wahrlich nur anzudeuten. Also nach Frankreich zu blicken, und zwar in recht „urtheilsloser" Weise, war den Deutschen schon viel früher eigen, und hatten die Juden doch wohl damals auch nicht den geringsten Einfluß darauf. War es doch selbst einem deutschen Genius wie Friedrich II. nicht gegeben, von seinem Borurtheil für die Franzosen zurückzukommen. Die glänzenden Sterne, die schon zu seiner Zeit am deutschen Horizonte aufgegangen, und die, im Aufsteigen begriffen, schon ihre leuchtenden Strahlen verbreiteten, wie Lessing, Mendelssohn, Herder, Goethe, Kant, — sie blieben ihm verborgen, und er schaute sie nicht durch den Nebel, den seine französischen Neigungen vor seinen großen und scharfsichtigen Augen gebreitet hatte. Was konnte also der deutsche „Radikalismus" dafür, daß er in einer so traurigen Zeit, wie die zwanziger Jahre für Deutschland gebracht, seine Blicke nach Frankreich gerichtet, wo noch einige der errungenen Freiheiten bestanden, und wo frische Kräfte gegen den drohenden Absolutismus und die wiedererstandene Priesterherrschaft ankämpften? Dort bestand noch eine constitutionelle Verfassung, welche, in deutschen Staaten verheißen, verweigert wurde; dort war die Polizei noch nicht allgewaltig, das Wort war noch ziemlich frei, und freiheitliche Ansichten und Wünsche konnten noch zum Ausdruck kommen; die Karlsbader Beschlüsse und was sich weiter an sie reihte, hatten in Frankreich keine Geltung. So war es das rein geschichtliche Naturgesetz, daß diejenigen Deutschen, die sich von solchen Zuständen unbefriedigt und gefesselt fühlten, nach Frankreich gravitirten, ohne daß sie ihre deutsche Gesinnung und ihre Vaterlandsliebe aufgaben. Ueberhaupt, was denkt sich denn Herr Tr. von dem Entwicklungsgänge, den die Dinge in Deutschland genommen haben? Wem verdanken wir denn das Wiedererstehen des deutschen Reichsgedankens, der deutschen Reichseinheit, wenn nicht dem Liberalismus, der von den dreißiger bis sechziger Jahren so hart mit der reaktionären, besonders mit der altpreußischen Partei zu ringen hatte, und vor und nach 1848 den deutschen Reichsgedanken auf seine Fahne geschrieben, für ihn kämpste und litt? Die Siege von 1866 und 1870 fanden diesen Reichsgedanken vor und führten ihn aus, gewiß nicht so leicht, wenn er nicht in der ganzen Nation schon vorhanden gewesen wäre. Und wo entstand und wodurch verbreitete sich dieser deutsche Liberalismus, als durch die sarkastische Behandlung der traurigen deutschen Zustände? Das deutsche Reich war 1805 auseinandergefallen. An seine Stelle trat, von auswärtigen Mächten geschmiedet, 1816 das Zerrbild eines deutschen Reiches, der Bundestag. Durch ihn vermochte es das Metternichffche Oesterreich, den Zwiespalt zwischen den einzelnen deutschen Staaten zu erhalten, sie von Preußen, dem mächtigsten deutschen Staate, eifersüchtig abzuwenden und Preußen selbst wiederholt zur

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