Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 6 (2.2.1886)
- Date
- 1886-02-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine -es Iudenllmms. / Ein unparteiisches Organ sür alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Or. Ludwig Wlippson in Bonn. Gzepeöilion: Leipzig, WoßpLcrh 18. In redactionellen Angelegenheiten : wende man sich an Dr. Philippson in I Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, dm 2. Februar 1886. Nr. 0. Jobalt. Leitende Artikel: Heinrich von Treitschke's Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, 3. Theil. HI. — Wohlthätig. Werke. I. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Stuttgart, Filehne, Straßburg, Marienburg, Viersen. — Oesterreich-Unga t11: Wien, Brünn. — Bulgarien: Bonn, Sofia. — Afrika: Paris. — Bonn: Notizen. - Feuilleton: Menah's Hochzeit. Svdkcwbe CtzUfaet. | Bonn, 2i). Januar, j Heinrich von Treitschke's Denische Geschichte im 19. Jahrhundert, 3. Theil. III. Der zweite Borwurf, den Treitschke den Juden macht, ist — ihre „Selbstverhöhnung". Er sagt: „Am verderblichsten aber wurde dem deutschen Radikalismus die sonderbare jüdische Unart der Selbftverhöhnung," und „seit Langem waren die europäischen Juden gewohnt, sich selber mit der äußersten Rücksichtslosigkeit zu verspotten; das Grausamste, was jemals über die Juden gesagt wurde, stammt aus jüdischem Munde." Hier ist es, wo sich der Herr Treitschke selbst fängt. Es mag ja sein, daß Heine — bei Börne findet sich dergleichen nicht — hier und da einen Spott, einen Sarkasmus über die Glaubensgenossenschast losläßt, von welcher er aus sehr eigennützigen Motiven abtrünnig geworden — doch worüber spottet denn dieser leichtfertige Schriftsteller nicht? Hierauf gestützt behauptet aber nun unser unparteiischer Historiker: „Seit Langem waren die europäischen Juden gewohnt, sich selber mit der äußersten Rücksichtslosigkeit zu verspotten." Wohlan, Herr Tr., woher haben Sie dies? womit wollen Sie dies beweisen? wodurch sind Sie berechtigt, den gesammten Juden die grausamste „Selbstverhöhnung" zuznsprechen? Sehen Sie sich doch in der jüdischen Literatur um. In dem in hebräischer Sprache abgesagten Schriftthum würden Sie, wenn Sie es kennten, keine Spur davon finden. Aber Spinoza, aber Menasse ben Israel, aber Mendelssohn, David Friedländer und alle Juden, die bis Heine in lateinischer, deutscher oder einer anderen modernen Sprache geschrieben, sind Ihnen zugänglich. Weisen Sie doch in all' diesen nur etwas auf, was wie eine „gewohnte Selbstverhöhnung" klingt. Vielleicht berufen Sie sich auf das jüdische Leben, und in der That gab es bei Hochzeiten oder am Purimseste eine Art Hanswurst bei den alten Juden. Aber zur Selbstverhöhnung kamen diese nicht, und Schreiber dieses, der mit Bewußtsein bereits fünfundsechzig Jahre unter seinen Glaubensgenossen lebt, hat von einer gewohnheitsmäßigen Selbstverspottung nichts verspürt. Auch kennen Sie das jüdische Leben gerade wie das jüdische Schriftthum, nämlich gar nicht. Je unwissender Sie aber darin sind, desto unverfrorener sprechen Sie Ihre Nrtheile darüber aus. Wenn Sie nun ferner behaupten, daß die Deutschen die Selbstverhöhnung von den Juden gelernt haben, so möchte man zu dem Glauben kommen, daß Sie vom früheren Deutschthnm auch nicht viel wissen. Sonst hätten Sie bedacht, daß auch Friedrich der Große sarkastische Aeußemngen genug über die Deutschen gethan, sonst hätten Sie sich des Satirikers Rabener und z. B. seiner „Chronik des Dorfes Quirleqnilsch" erinnert; sonst wäre es Ihnen nicht entgangen, mit welcher beißenden Ironie Jean Paul die deutsche Kleinstaaterei und das deutsche Philisterthnm übergoß. Und gerade an Jean Paul lehnte sich bekanntlich Börne. Ist es nicht merkwürdig, in einer der letzten Nummern hatten wir es zu rügen, daß ein deutscher Cnlturhistoriker den Juden die „Selbstvergvtterung" vorwarf, und nun ein anderer deutscher Historiker