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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-01-26 · Heft 5 (26.1.1886) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 5 (26.1.1886)
Date
1886-01-26
Page
Seite 74 (sequence 10)
Language
German
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74 marmornen Thurm des Giotto entfernt, völlig im Centrum der Stadt, und die eine Seite des Ghettobaues sieht auf den ,iilercato vecchio“ hinaus. Als nun aus baupolizeilichen, hygienischen und sicherheitspolizeilichen Gründen zugleich der alte Ghetto geräumt werden mußte, da machte man seltsame Erfahrungen. Zunächst zeigte sich, daß einige jüdische, freilich arme Familien von der Freiheit, die sie seit Jahrzehnten besaßen, keinen Gebrauch gemacht hatten, sondern an der Stätte des Zwangs und der Bedrückung freiwillig zurückgeblieben waren. So stark war für sie offenbar die Anhänglichkeit an diese elenden, dunklen, mit Ziegelsteinen gepflasterten Zimmer, in denen sie, und vermuthlich seit Jahrhunderten, ihre Vorfahren, geboren waren. Man sah Leute klagend und thräncnden Auges die Stätten des Elends verlassen — so viel vermag die Gewöhnung selbst an das jammervollste Loos." — Auch in Florenz bethätigte es sich, daß mit dem Einzuge der Freiheit auch die Juden aus dem Ghetto ziehen konnten und zogen, so daß, wenn hinterdrein die Niederreißung des Ghetto in Rom wie in Frankfurt a. M., aus bau- und gesundheitspolizeilichen Gründen vor sich ging, nur eine kleine Anzahl von Juden davon betroffen wurden. Weiterhin heißt cs: „Die Geschichte der Juden von Florenz geht nicht so tveit zurück und ist auch nicht so schicksalsreich, wie die ihrer römischen Glaubensbrüdcr. Sie wurden förmlich und unter vielerlei Clauseln zuerst 1430 in Florenz von der Signorie zugelassen. 1439 gab es schon zwei „Banken", die von Juden geführt wurden. Unter einem „banco“ versteht man noch heute in Italien ein privates Bank- und Wechslergeschäft. Ihre Zahl stieg und ihre Geschäfte vermehrten sich in der prunkvollen, genußsüchtigen, leichtsinnigen, verschwenderischen, lebensfrischen Zeit, die man heute die der „Renaissance" nennt, einer Zeit, in der alle Arten von Geldleihgeschäften blühten, und man sagte ihrer kleinen Zahl Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ein Vermögen von elf Millionen Gold- Gulden, ja sogar, mit ganz offenbarer Uebertreibung, ein solches von fünfzig Millionen nach. Die ersten Medici, Cosimo wie Lvrenzo, hatten sie geduldet, wenn nicht begünstigt; aber in der erregten Zeit der Büßpredigten Girolaino Savonarola's kehrte sich der Zorn des Volkes auch gegen sie. Sie wurden vertrieben, doch finden wir sie nach dem Feuertode des Dominicaners von San Marco wieder in Florenz. Die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts war in allen Ländern für die Juden eine traurige Zeit. Der fanatische Neapolitaner Caraffa, Papst Paul IV., wüthete gegen sie in Rom, und seine Bulle bestimmte ihr Schicksal auch in der Ferne. Es lag wie im Zuge der Reactionsepochen aller Zeiten, so auch in dem der Reaction gegen die sonnenhelle Periode der Renaissance, es lag im finsteren Wesen der Gegenresorination, auch gegen die Juden zu wüthen. Nicht lange nach der Zeit jenes Paul IV. that sich denn auch den Juden von Florenz dieser Ghetto auf, der jetzt für immer verschwinden soll. Es war im Jahre 1571, und schon zuvor hatte man den Männern jenes Barett, den Frauen den gelben Flicken auf den linken Aermel als Abzeichen gegeben. Papst Paul IV. hatte solche Maßnahmen zuerst in Rom eingeführt, und sie erschienen offenbar den Machthabern der Zeit sehr nachahmenswerth. Doch das Loos der Florentiner Juden wurde durch die Fürbitte der schönen Benetianerin Bianca Capello bei ihrem Gemahl, dem Großherzvg Francesco, gemildert. Es scheint, daß sie in ihrem Palazzo jenseits des Arno oft Frauen aus dem Ghetto empfing, die ihr Salben und seltene Wohlgerüche, schöne Stoffe und Geheimmittel für die Toilette brachten, denn die Ghetto Frauen waren für derlei Dinge und für mancherlei geheime, wohl nicht immer völlig harmlose Rathschläge berühmt. Bianca Capello setzte wichtige Erleichterungen für ihre Schützlinge durch, aber mit ihrer und ihres Gemahls Vergiftung endete auch zunächst die bessere Periode im Dasein der Ghetto-Bewohner. Freilich war ihre Bedrängung in dem milderen und freundlichen Toskana nicht nur niemals eine so harte, als inmitten der wilden und zuchtlosen römischen Bevölkerung, sondern nicht einmal so arg, wie in Venedig, Ferrara und Pisa. Die Mauern des Ghettos umschlossen sie zugleich als die eines Gefängnisses und eines Zufluchtsortes, und es ist nicht bekannt, daß der Pöbel in Florenz, wie so häufig in anderen Städten diesseits und jenseits der Alpen, den Ghetto zu stürmen und zu plündern versuchte. Es sind sogar Maßnahmen energischen Schutzes seitens der Behörden bekannt. So ließ die Signorie einmal einen Bruder Franziscaner, obwohl er aus dem Mailänder Fürstengeschlecht der Visconti stammte, weil er sich darauf verlegte, von der Kanzel das Volk gegen die Ghetto- Bewohner aufzuhetzen, als Ruhestörer zu mitternächtiger Stunde aus der Stadt hinausführen mit der Weisung, binnen dreier Tage nicht mehr im Toscanischen Gebiet angetroffen zu werden. Doch solche Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Ruhe können nicht über den Druck und die Verachtung täuschen, die auf den, durch ihre Geschäfte meistentheils wohlhabenden, und dennoch so elenden Bewohnern jenes düsteren Gebäudecomplexes lasteten. Eine lateinische Inschrift, die der „große und erlauchteste" Großherzog Cosimo III. über dem nach Osten gelegenen Thore des Ghetto anbringen ließ, und die wir hier nicht wiederholen wollen — sie enthielt in hochfahrenden Worten die Mahnung zur Bekehrung — giebt hinreichenden Aufschluß darüber. Solcher Art blieben die Zustände, bis Pietro Leopolds, dessen Andenken noch heute in Toscana gesegnet wird, gleich seinem Bruder, dem Kaiser Josef II., die Bande mittelalterlicher Auffassungen sprengte. Er gestattete den Familien, die sich durch Bildung und Ansehen hervorthaten, außerhalb des

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