Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1886)
- Date
- 1886-01-26
- Page
- Seite 75 (sequence 11)
- Language
- German
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75 Ghetto zu wohnen, doch erst die Stürme des Jahres 1849 haben den alten, Jahrhunderte langen Bann völlig gesprengt, und damals geschah es, daß man den vordersten Hof des Ghetto, gewissermaßen um alte Schuld zu sühnen, mit dem! Namen „Piazza della fratemita“ schmückte, den er noch heute führt, und der erst jetzt mit diesem traurigen Gebäude selbst untergehen wird. Wer die schönsten Plätze des modernen Florenz betrachtet, dem fallen nahe der Piazza Massimo d’Azeglio die Kuppel und die fremdartigen Wölbungen eines mächtigen Bauwerks ins Auge. Dasselbe erhebt sich hinter einem Vorgarten, den das Grün von Palmen freundlich schmückt. Aus den Hallen des orientalischen Bauwerks dringt fremdartiger Gesang und Orgelklang hervor, und drinnen ruht das Auge bewundernd auf der reichen, bunten, und dennoch nicht blendenden Pracht orientalischer Decoration. Dies ist die jetzige Synagoge von Florenz, nicht eines der größten, aber wohl eines der schönsten „Zelte Jehovahs", die jetzt vorhanden sind." Rußland. Bon der rusfischrn Grenze, 8. Jan. (Privatmitth.) Was die Lage der Juden in Rußland so sehr prekär macht, ist die große Menge von Gesetzen und Regulativen, die im Laufe der Zeit über sie erflossen ist, so daß es den Beamten gegeben ist, bald dieses, bald jenes Gesetz in Anwendung zu bringen, das sie aus früherer oder jüngster Zeit hervorgesucht haben. So wurden jüngst zwei angesehene Juden in Kiew angeklagt, weil sie Christen in ihrem Dienste hatten, vom Richter aber frei gesprochen, der sich auf eine Ministerialverordnung aus dem Jahre 1866 berief. — In den baltischen Provinzen hat die Ausweisung von Juden nachgelassen, während sie in anderen Gouvernements, z. B. Bessarabien, in trauriger Blüthe steht. Petersburg, 2. Januar. Die „Minuta" bringt nachstehende Mittheilung: Die Commission unter dem Präsidium des Grafen Pahlen wird nunmehr vor allen Dingen die Fragen über die Berechtigung der Juden, in den inneren Gouvernements zu leben, und über die Berechtigung zum Jmmobilienbesitz in Berathung ziehen. In Bezug auf die erste Frage sind der Commission von verschiedenen Regierungs-Institutionen Memoranda zugegangen, welche für eine Erweiterung dieser Rechte plädiren, da nur auf diese Weise das Umgehe» des Gesetzes durch die Juden vermieden werden kann, dagegen soll die Freiheit der Juden in Bezug auf Handel und Industrie überall eingeschränkt werden, wo eine Exploitation der Landbevölkerung damit verbunden ist. Was die zweite Frage anbetrisft, so sind in Bezug auf dieselbe verschiedene Ansichten laut geworden; einige verlangen, daß es den Juden überhaupt nicht gestattet werde, Land zu kaufen oder zu pachten. Andere wünschen, daß die Juden Land wohl eigenthümlich erwerben, nicht aber pachten dürfen, weil sie als Pächter nur das Land aussaugen: eine dritte Ansicht endlich ist die, daß die Juden, als russische Unterthanen, alle diejenigen Rechte genießen sollen, wie sie in Bezug auf den Erwerb von Grund und Boden allen Unterthanen nichtrussischer Abkunft zustehen. Bulgaren. Die Zeitungen theilten nach dem Mainzer „Israelit" und wir aus jenem mit, daß ein jüdisches Bataillon der bulgarischen Armee sich bei Slimnitza ausgezeichnet habe und deshalb von dem Fürsten Alexander in außerordentlicher Weise gelobt worden sei. Der „Köln. Ztg." wird nun aus Sofia gemeldet, daß es gar kein jüdisches Bataillon in der bulgarischen Armee gegeben habe und daß der Lieutenant David Misrach, welchen der Fürst dekorirt haben solle, ebenfalls nicht vorhanden sei. Die Nachricht sei wahrscheinlich in Pest erfunden worden. (Uns erschien die Nachricht von Anfang an fraglich und ungünstig. Wozu denn ein besonderes jüdisches Bataillon? In allen Heeren leisten die Juden den Waffendienst gemeinsam mit anderen Söhnen des Vaterlandes. Red.) Eine Richtigstellung der Sachlage enthält das Dezcmberbnlletin der Alliance isr. univ., das uns soeben zugekommen, und werden wir dieses in der nächsten Nr, geben. Großbritannien. London, 18. Januar. Sir Julian Goldsmid bereitet eine Wahlreformbill vor, welche alle Unterschiede zwischen Hausbesitzern und Einwohnern abschafft und in großem Maße das Wahlrecht ausdehnt. Auch will die Vorlage die Polizei wahlfähig machen, und den zur Erlangung des Abstimmungsrechts erforderlichen Zeitraum der Ansässigkeit von 12 Monaten auf einen Monat ermäßigen. Sir Julian Goldsmid gehört einer Familie an, die sich in England um das Judenthum so viele Verdienste erworben hat, daß wir dessen liberale Bestrebungen anch an dieser Stelle würdigen mögen. Bonn, 17. Januar. (Notizen.) Nach der letzten Volkszählung leben unter den 254 Millionen Bewohnern des englischen Indiens nur 12,000 Juden, die meist in Bombay wohnen. Warum geht der Zug der jüdischen Einwanderung nicht dahin, wo sie doch dieselbe Freiheit erwartet? — Bei der Neujahrspromotion in der französischen Ehrenlegion wurden folgende Juden dekorirt: Großoffizier Leopold See, Divisionsgeneral; Offizier Alex. Marx, Generalinspector in der 2. Classe des Corps der Wege und Brücken, Leon Cohn, Präfect des Sommedep., Jsaias Levaillant,