Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1886)
- Date
- 1886-01-26
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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78 interessant sind, welches der Gleichberechtigung der Juden so schwer zugänglich war und trotz des Freiheitsdranges des Schweizervolkes so viele Borurtheile lange Zeit hindurch genährt hat. Anknüpfend an die Schenkung vom Commerzienrath Mendelssohn an die Berliner Universität, fährt es fort: „Es erweckt diese schöne Handlung eine Reihe von Gedanken und Betrachtungen, die zu unterdrücken von Praktischen Gesichtspunkten aus vielleicht gerathen wäre. So weit sind wir leider gegenwärtig von der Humanitären Weltanschauung abgekommen, welche in den siebenziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter Lessing und Herder und der neu aufstrebenden literarischen Bewegung, mit dem jungen Goethe an ihrer Spitze, Deutschlands höchsten Ruhm vorbereitete, und die ja allein einen Moses Mendelssohn möglich machte. Von praktischen Gesichtspunkten aus, sagten wir, wäre es vielleicht gerathener, die Reihe von Gedanken zu unterdrücken , welche an den gestrigen Todestag Moses Mendelssohn's und an die schöne Handlung seines Enkels sich knüpfen, denn eine freisinnige Zeitung, wenn sie einen Juden rühmend erwähnt, setzt sich heutzutage einer Beschimpfung und dem Hep-heP-Geschrei sogar von solchen Personen aus, die sonst den gebildeten Ständen zugezählt werden und sich, sobald es um einen Semiten sich handelt, jede Roheit gestatten. Eine Zeitung, wir haben dies bei anderer Gelegenheit ausgesprochen, darf aber auf dergleichen Verirrung des öffentlichen Geistes keine Rücksicht nehmen; sie hat unentwegt, wenn sie der freisinnigen Richtung angehört, die Fahne der Aufklärung, der reinen Prinzipien der Humanität, der Gleichberechtigung für Alle ohne Unterschied der Rasse und des Glaubens aufrecht zu halten. „Laß dich nicht irren des Pöbels Geschrei und nicht den Mißbrauch rasender Thoren!" Dies Dichterwort muß sie stets im Auge behalten, in kleinen Dingen kann sie nachgiebig sein, den Anforderungen des Augenblicks und der Zweckmäßigkeit Rechnung tragen; sie darf aber da, wo große Prinzipien in Frage gestellt werden, die siegreich aus den Geisteskämpfen langer Jahrhunderte hervvrgegangen sind, rächt einen Zollbreit von dem der Finsterniß abgerungenen Gebiet wieder aufgeben." — Weiterhin sagt das Blatt: „Man hat in egyptischen Pyramiden Waizenkörner gefunden, die dort mehrere tausend Jahre geruht hatten, ohne zu verderben; man hat sie in frisches Erdreich verpflanzt, sie keimten und gaben eine ausnehmend schöne Frucht. So etwas mag wohl das Geheimniß von der wunderbaren Lebenskraft der vor zweitausend Jahren aus dem Orient nach Europa und aller Welt verschlagenen semitischen Völkerschaft sein. Unter den möglichst ungünstigen Bedingungen durch die Qual der Jahrhunderte ein trauriges Leben fristend, durch den Unverstand ihrer Bedränger auf den gemeinen Gelderwerb angewiesen, wobei sich eine einzige ihrer natürlichen Anlagen auf Kosten der andern anormal entwickeln mußte, von den Behörden im Mittelalter gewissermaßen dazu ermuntert, sich wie ein Schwamm vollzusaugen an Reichthümern, damit dieser Schwamm gelegentlich bis auf den letzten Tropfen wieder ausgepreßt werden könnte, hat diese den niedrigsten Leidenschaften zur Beute überlassene Rasse dennoch eifersüchtig darauf geachtet, daß der ursprünglich ihr zugetheilte göttliche Fnnken niemals erloschen ist und daß sie, wie jenes Waizenkorn aus der egyptischen Pyramide, unter günstige Entwicklungs-Bedingungen gebracht, frisch zu keimen fähig blieb und wieder Frucht trägt." Italien. Florenz, 8. Janur. Der „B. B. C." bringt einen ausführlichen Artikel in seiner Nr. 16: „Der Ghetto von Florenz", welchem wir einige Stellen entnehmen: „In den letzten Tagen des Jahres 18^5 hat der Gemeinderath von Florenz in demselben Palazzo della Signoria, von welchem häufig genugDecrete voll arger Bedrückungsanordnungen wider das vielgeplagte Florentiner Judenvolk ausgegangen sind, den Beschluß gefaßt, daß der alte Ghetto der toscanischen Hauptstadt niedergerissen werde, damit an Stelle eines labyrintischen Bauwerkes, eines Gewirres von Dutzenden düsterer Höfe, lichtloser, halsbrecherischer Treppen, dunkeler Gänge, übereinander gethürmter Stockwerke von schmutzigen Wohnräumen, zu denen Sonne und Luft wenig Zutritt hatten, damit an Stelle eines, in jeder Hinsicht monströsen Bauwerkes, in welches, gleichwie in ein Gefängniß, ehedem fast tausend Menschen ihres Bekenntnisses wegen eingesperrt waren, neue, gesunde, luftige Quartiere entstehen. Am letzten Tage des Jahres aber hat man die Räume des alten Ghettobaues dem Publicum gegen ein kleines Eintrittsgeld, dessen Ertrag zum Besten der Armenasyle verwendet wird, geöffnet, und die Florentiner von heute strömen herbei, um mit Staunen und Widerwillen Räume zu betrachten, in welche ihre intoleranten Vorfahren Jahrhunderte hindurch die Angehörigen einer Race, die Bekenner eines Glaubens verbannten, aus dessen Wurzeln die herrschende Kirche emporgesprossen ist, die dicht neben dem versperrten Ghetto ihre prunkvollen Feste, mit Gebräuchen, die denen eben jenes bedrückten Volkes nachgebildet waren und sind, in marmornen Domen celebrirte. Der Ghetto, welcher bestimmt ist, in einigen Wochen oder Monaten unter dem Hammer und der Hacke des Maurers zu verschwinden, ist in Florenz selbst fast zur Legende geworden, denn nachdem die neue Zeit den Juden die Thore desselben geöffnet, hatte sich, ähnlich, aber in ärgerem Maße noch, als in Rom, der Abhub der Bevölkerung hier eingenistet. Der Florentiner Ghetto liegt dem Erzbischöflichen Palast gegenüber, kaum hundert Schritt vom Dom und dem 5