Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 5 (26.1.1886)
- Date
- 1886-01-26
- Page
- Seite 72 (sequence 8)
- Language
- German
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72 meinden als Anhalt dienen soll. Für das jüdische Unterrichtswesen wirkt eine Schulinspection, welche eine Besserung in mehreren Gemeinden anerkannte. Schwere Hindernisse bereitet der Mangel an geeigneten Lehrkräften und an Mitteln. Bekanntlich ist ein Comitä zur Errichtung eines Seminars in der Stadt Posen zusammengetreten. Das von diesem erlassene Circulair brachte 23000 M. Geschenke und 8000 M. Jahresbeiträge als Zeichnungen ein. Dies genügt selbstverständlich noch lange nicht, um das Seminar errichten zu können. Die Angelegenheit hat jedoch durch die Erben des in Posen verstorbenen Herrn Rohr eine ganz andere Wendung genommen, da dieses Seminar in einer kleinen Landstadt errichtet werden soll und es fraglich ist, ob die Richtung desselben den Intentionen des Verbandes entsprechen wird. Wirksam ist auch die vom Verbände eingerufene Lehrerconferenz, sowie die in Danzig gegründete Hilfskasse für die Gemeindebeamten von Ost- und Westpreußen und Pommern. Erörtert wurde auf dem Verbandtage, auf welchem Wege die definitive Anstellung der Lehrer zu erreichen sei, um den beständigen Stellenwechsel zu beseitigen, der jeder gedeihlichen Wirksamkeit des Lehrers unübersteigliche Hindernisse schafft. Man vergesse nicht, daß auch dieser Verband auf Freiwilligkeit beruht und deshalb jeder Schritt zu vermeiden ist, der dem Verbände viele Gemeinden entfremden würde. Man gestand sich deshalb in dieser Frage die Rathlosigkeit auch des Ausschusses ein. Dem Mangel an Mitteln vieler Gemeinden sucht man vorerst durch Wanderlehrer entgegenzutreten. Zur Subventionirung schwacher Gemeinden ist statt der früheren 100 M. jetzt 300 jährlich ausgesetzt und die weitere Erhöhung in Aussicht genommen. Man hat sich bestrebt, auch in der Provinz Pommern einen Provinzialverband jüdischer Gemeinden herzustellen. Ein günstiges Resultat wurde bis jetzt nicht erzielt, da Mangel an Gemeinsinn die Verwirklichung verhindert. lieber die Schulinspection im Schuljahre 1884—85 berichtete Dr. Bamberger ausführlich. Wir werden hierauf zurückkommen. Red. Minden, 10. Januar. Die „Mindener Zeitung" hatte kürzlich aus der „Dresdner Gerichtszeitung" eine Notiz übernommen, nach der ein Neffe Stöcker's wegen eines Sittlichkeitsvergehens gefänglich eingezogen sein sollte. Zugleich hatte das Blatt an diese Mittheilung einige für Herrn Stöcker wenig schmeichelhafte Bemerkungen geknüpft. Derselbe hatte sich infolge dessen veranlaßt gesehen, gegen den verantwortlichen Redakteur der „Mindener Zeitung" bei der königl. Staatsanwaltschaft in Bielefeld Strafantrag zu stellen, ist aber mit seiner Klage abgewiesen worden. Stöcker selbst wird zugestehen müssen, daß er vor dem Forum der Gerichtshöfe kein Glück hat, und daß gerade von der Rechtspflege aus sein Niedergang ausgeht. Aus Schlesien, 9. Januar. Man meldet aus Leobschütz, daß dort ansässige ungarische Gejchäftsmänner die Ausweisungsordre zum 1. April erhalten haben, daß also die Ausweisungen auch aus Ungarn stammende zu betreffen angefangen haben. Dem „Orendownik" wird „aus der Provinz" mitgetheilt, die Regierung treffe Maßregeln, daß die Ausgewiesenen nach Preußen nicht zurückkehren können; zu diesem Zwecke verbreite die Polizei in der Provinz die Signalements der ausgewiesenen Personen, auf welche die Grenzbehörden zu achten haben, damit dieselben nicht heimlich die Grenze überschreiten. Oesterreich-Ungarn. Pest, 8. Jan. (Privatmitth.) Fm Herbst 1884 affichirten mehrere Schusterjungen in Theresiopol an die Häuser Placate, welche die christlichen Einwohner von Theresiopol zur gemeinschaftlichen Action gegen die Juden aufforderten. Der in dieser Angelegenheit delegirte k. Gerichtshof verurtheilte den Hauptangeklagten wegen Aufforderung zur Aufreizung und wegen mehrerer Diebstahlsfakten zu 2y2 Jahren Zuchthaus, zwei Andere zu je 6 Monaten Gefängniß. Dieses Urtheil wurde sowohl von der k. Tafel, als auch von der k. Curie bestätigt. — Die hiesige Universität zählte im Winter-Semester 1884 bis 1885 3342 und im Sommer-Semester 3172 Hörer. Der Religion nach waren davon Katholiken 1327 resp. 1273 und Israeliten 1022 resp. 998. — Der Sarkader Einwohner Isaak Bleyer und seine Gattin Charlotte feiern am 10. d. M. das seltene Fest ihrer diamantenen Hochzeit. Der Jubelgreis vollendet demnächst sein 85. Lebensjahr. Die Nachkommenschaft des greisen Paares zählt 148 Enkel und 40 Urenkel. Schweiz. Basel, 7. Januar (Privatmitth.) Die Feier des hundertjährigen Todestages Moses Mendelssohns hat in der Oeffentlichkeit einen breiten Boden gefunden. Obwohl außer in Dessau die Feier nur innerhalb jüdischer Kreise stattgefunden, haben doch die meisten, in deutscher Sprache erscheinenden Tagesblätter dem Andenken des jüdischen Philosophen ausführliche Artikel gewidmet und ebenso seine Persönlichkeit wie seine Wirksamkeit für deutsche Bildung und Sprache und für seine Glaubensgenossen rühmend anerkannt. Selbstverständlich wäre es für die A. Z. d. I. unstatthaft, über diese Aeußerungen, die zuletzt doch aus Eins hinauskommen, ausführliche Mittheilungen zu machen. Aber es wird doch interessiren, daß auch eine der größeren Zeitungen der Schweiz, die „Basler Nachrichten", einen großen Leitartikel vom 6. Januar über M. M. bringt, wobei sie allgemeine Betrachtungen hinzufügt, die aus einem Lande besonders